POLKE POST 32
Neuerscheinung: Katharina Schmidt, Sigmar Polke. Die Reise 1980–81
Räume rechts
Wandte man sich vom Mittelsaal nach rechts, fiel der Blick durch den hinteren Zugang auf ein die Wand beherrschendes Bild, einen Block aus vier monochromen Querformaten, die waagrecht so zusammengefügt waren, dass sich eine monumentale, farbige Gesamtkomposition ergab und die Kanten, auf Stoß gehängt, in der Mitte ein Achsenkreuz zeichneten: oben links befand sich Realgar an der Seite von Azurit, unten links Malachit, rechts daneben Auripigment.[201]
Als die Geologin Ulrike Stottrop im Vorfeld der Biennale Sigmar Polke zu einem Informationsbesuch in der Mineraliensammlung des Ruhr Museums in Essen empfing, [202] hatte sich der Maler außer dem schon zur Ausleihe bestimmten Meteoriten und einer Quarzstufe auch jene Mineralien zeigen lassen, die er als Pigmente in diesen vier Bildern verarbeitete: Realgar, Azurit, Malachit und Auripigment, um mehr über ihr natürliches Vorkommen, ihren Fundort und ihre Geschichte zu erfahren.[203] Schon zuvor hatte er in Telefonaten mit Georg Kremer [Farbmühle Kremer] das Alter der Farben thematisiert und die Vorstellung zum Ausdruck gebacht, dass die Pigmente Azurit und Malachit die ersten des modernen Malers nach der Steinzeit gewesen sein könnten. „(...) er wollte sich wohl in dieser Modernität ganz an den Anfang mit diesen beiden Pigmenten verorten. Die photochromen Pigmente in der Haupthalle des deutschen Pavillons stellten dann sozusagen einen ganz modernen Kontrapunkt dar. (…) Die einzelnen Farben, vergessene, auch verbotene, suchte der Maler in ihrer Wertigkeit und Ausdrucksqualität besonders zur Geltung zu bringen.“[204] In der Viererkombination dieser monochromen Tafeln war er auf eine „angenehme Wirkung“ (Polke) bedacht.
In Essen sah er sich zuerst einen mit Malachit verwachsenen Azurit an, der besonders farbintensiv wirkte. Azurit ist seit 4500 Jahren bekannt, da es an zahlreichen Fundorten vorkommt. Während man es in Mesopotamien, zu Pulver zerstoßen, dem Glas beigab, liebte man im alten Ägypten den tiefblauen Lidschatten aus dem zerriebenen Kristall; aber erst seit der Renaissancemalerei setzte man es in Europa häufiger statt des teuren Lapislazuli ein, den man den kostbarsten Partien im Bild vorbehielt.[205] An der Luft zerfällt Azurit zu Malachit, sodass oft Pseudomorphosen entstehen, doch kann es bei guter Aufbewahrung lange stabil bleiben, auch in der Malerei, je nach Lösungsmittel und Schutzschicht, ohne dass möglicherweise eine grünliche Tönung entsteht.[206] Zur Sprache kam während Polkes Besuch in Essen auch seine Begeisterung für Malachit, der im Russland des 19. Jahrhunderts zu einer prunkvollen grünen Ausstattung ganzer Raumfluchten der Eremitage mit Säulen, Vasen, Tischen, einem Kiosk führte. Zu seinem besonderen Vergnügen lernte er das populäre russische Märchen vom „Grünen Kästchen“ kennen und den Mythos, dass, wer aus einem Malachitbecher trinkt, die Sprache der Tiere versteht.[207] Beispiele von kristallinem Realgar und dem etwas helleren Auripigment ließ er sich ebenfalls zeigen. Realgar war den Griechen als Gift bekannt; in Europa, auch in China kam es gegen Ungeziefer zum Einsatz, zudem über längere Zeit in der Medizin. Für die Römer zählte es zu den wichtigen Handelsgütern mit asiatischen Ländern und Ägypten. Wegen seiner goldgelben bis rot-orangen Farbintensität schätzte man Realgar in der Renaissancemalerei trotz der Gefahr; da es, abgesehen von seinem Arsenanteil, nicht lichtbeständig ist, verschwand es etwa im 18. Jahrhundert.[208] Auripigment ist ebenso lang bekannt. In Griechenland liebte man es als strahlenden Architekturanstrich, der viele Todesopfer forderte. In der Kunst diente es vielfach als Ersatz für teures Gold; den Alchemisten soll es auf der Suche nach Möglichkeiten zur Herstellung des Metalls interessant gewesen sein. Schließlich galt Auripigment als so gefährlich, dass man es verbot.[209] Die vier von Polke verwendeten hochwertigen anorganischen Pigmente dieser jeweils monochromen Tafeln sind mit Störleim gebunden.[210] Ihre Faktur lässt einen kreisenden, bewegten, nicht vollständig deckenden Auftrag erkennen, wobei die Flächen einmal homogener gerieten, dann wieder stärker moduliert, sodass insgesamt der Eindruck gedämpft pulsierender Energie entstand. Polke selbst kommentierte aus der Rückschau 1993 den Gesamteindruck dieser Bilder: „Der Farbklang ist sehr gleichwertig in der Helligkeit und in der Leuchtkraft. Da fällt keine Farbe raus. Vom Gefühlswert ist alles sehr ähnlich. Der Farbklang, der sich aus dem Zusammenhang der Farben ergibt, ist angenehm, ist nicht verunreinigt. (…) Ich habe die Mineralfarben gegen diese veränderlichen Farben, diese Thermo- und Salzfarben, als Farben von einer bestimmten Dauer, die auch bleiben, entgegengestellt. Obwohl sie sich natürlich auch schon verändern können.“[211] In seiner Anordnung der vier Bilder als Block schien durch die Abfolge der helleren und dunkleren Farbtöne so etwas wie ein Drehmoment zu entstehen, das der statischen Tendenz der großen Fläche entgegenwirkte. Wie Kremer weist auch Hofmeister darauf hin, dass bei Polke beides zutrifft: das bewusste Arbeiten mit traditionellen Malmitteln, ein ausgeprägtes Verständnis für deren besondere Qualitäten und Eigenschaften und zugleich seine deutliche Position in der Gegenwart, die auch in seiner Wahl neuester Stoffe und Mittel zum Ausdruck kommt.
Auszug aus Katharina Schmidt, Sigmar Polke. Die Reise 1980–1981, Scheidegger & Spiess, Zürich, 2025.
[201] Sigmar Polke, Werkgruppe von vier Farbtafeln, 1985. – Die einzelnen Tafeln tragen die Titel der Farben: Realgar, 1985, Realgar auf Baumwollgewebe, 225 × 300 × 5cm, Privatslg.; Azurit, Azurit auf Baumwollgewebe, 225 × 300 × 5cm, Privatslg.; Malachit, Malachit auf Baumwollgewebe, 225 × 300 × 5cm, Privatslg.; Auripigment, Auripigment auf Baumwollgewebe, 225 × 300 × 5cm, Privatslg.; – In späteren Ausstellungen wurden die vier Werke auch als Hochformate nebeneinander präsentiert [Abb. in: Ausst.-Kat. Paris 1988, S. 86–87]. Vgl. Hofmeister 1993, S. 49. Siehe auch: Ausst.-Kat. Zürich 2005, S. 144/145.
[202] Damals Ruhrlandmuseum Essen, Mineraliensammlung, Dependance in Essen-Kupferdreh. Hierzu Stottrop, Ulrike: Polkes Fragen an eine Geologin, Vortrag, 31.5.2015, Museum Abteiberg, Mönchengladbach, Videoaufzeichnung. [Dankenswerte Übermittlung der APS.]
[203] Zu Auripigment und Realgar siehe oben, Anm. 31 und 32
[204] Dr. Kremer, E-Mail vom 14.2.2022
[205] Azurit (auch Bergblau, Kupferblau, Azurblau, Kupferlasur, Kupfercarbonat); chemische Formel CuCo₃ – Sekundärmineral, das durch Verwitterung aus Kupfererzen entsteht; es ist eng mit Malachit verwandt, in den es sich chemisch umwandelt; „Azurit (…) wurde bis in die Spätantike als blaues Pigment selten verwendet; es ist bis in die Gegenwart in Gebrauch.“ (Lipscher et al. 2022, S. 48)
Malachit (abgeleitet von lat. molochitis und gr. malàche = Malve; auch: Berggrün, Kupfergrün, Mineralgrün) ist ein basisches Kupfercarbonat; chemische Formel CuCo₃(OH)₂; Verwitterungsprodukt des Minerals Azurit; besonders reiche Vorkommen in Russland, Afrika und Chile; schon vor Jahrtausenden in China und dem Vorderen Orient bekannt; in altägyptischer Grabmalerei bereits im Alten Reich; in Europa wurde es in sakraler Fresco-Malerei vom 15.–17. Jh. verwendet; chemisch stabil; es reagiert mit schwefelhaltigen Pigmenten zu schwarzem Kupfersulfid. – Azurit und Malachit siehe: Lipscher et al. 2022, S. 48.
[206] Gestützt zudem auf: https://de.wikipedia.org/wiki/Azurit (zuletzt aufgerufen am 6.6.2022). Zu Auripigment und Realgar siehe oben, Anm. 31 und 32.
[207] https://de.wikipedia.org/wiki/Malachit (zuletzt aufgerufen am 8.6.2022).
[208] Zum Entfernen von Körperhaar, auch zum Entfernen von Tierhaaren in der Gerberei. – Gestützt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Realgar (zuletzt aufgerufen am 8.6.2022).
[209] Gestützt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Auripigment (zuletzt aufgerufen am 6.6.2022).
[210] [Dankenswerte Mitteilung von Michael Trier.]
[211] Sigmar Polke, zitiert nach Hofmeister 1993, S. 49.
© für Werke von Sigmar Polke: The Estate of Sigmar Polke, VG Bild-Kunst, Bonn
Sigmar Polke. Athanor NOW
Im Rahmen von Sigmar Polke. Athanor NOW werden sich verschiedene Projekte den hier angesprochenen Aspekten widmen:
Troubling Pigments (After Polke)
Ein künstlerisches Rechercheprojekt unter der Leitung von Kyveli Mavrokordopoulou an der Rijksakademie van Beldenden Kunsten und dem Stedelijk Museum, Amsterdam, setzt sich aus einer postkolonialen Perspektive mit der Herkunft der in der europäischen Kunstgeschichte verwendeten Materialien auseinander, deren Einsatz verflochten ist mit der Geschichte von Sklaverei und Umweltzerstörung.
Verschiedene Formate sind auch am Ruhr Museum Essen und der dortigen Mineraliensammlung geplant, dem Ort, an dem Sigmar Polke wesentliche Impulse für Athanor erhielt:
„Gibt es einen Stein, der nach Tod riecht?“, Polkes impulsgebender Besuch. Erinnerungen der Geologin Ulrike Stottrop an Sigmar Polke
Vortrag, Führung und Gespräch, 14.06.2026, Mineralien-Museum, Essen-Kupferdreh
Künstlerische Projekte von Evelyn Möcking und Nico Joana Weber im Ruhr Museum folgen in der zweiten Jahreshälfte.
Zum gesamten Jahresprogramm.