Polke Post 10 - Sigmar Polkes 80. Geburtstag

POLKE POST 10
Sigmar Polkes 80. Geburtstag

Die POLKE POST 10 erscheint am 13.2.2021. Für uns und auch für Sie und Euch ist das ein besonderes Datum: Heute wäre Sigmar Polke 80 Jahre alt geworden. Wir lassen daher die Korken knallen und erinnern an sein Leben und Werk mit Sekt für Alle, viel Konfetti und diesem virtuellen Gruß.

Sigmar Polke in der Kunstakademie Düsseldorf, 1960er Jahre
Sigmar Polke in der Kunstakademie Düsseldorf, 1960er Jahre, Foto: Unbekannt | © Archiv der Anna Polke-Stiftung

­Schon bevor er sich 1961 an der Düsseldorfer Akademie für ein Kunststudium einschrieb, machte Sigmar Polke prägende und aufs Engste mit der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte verflochtene Erfahrungen. Als siebtes Kind des Architekten Hermann Polke und der künstlerisch begabten Hanna, geb. Raschdorf, wird er 1941 mitten in den Zweiten Weltkrieg hineingeboren. Zur Großfamilie Polke gehört auch Hannas Schwester Else Raschdorf, zu der Sigmar ein enges Verhältnis hat. Als Kind und Jugendlicher erlebt Sigmar Polke die Fluchten der Familie zuerst 1945 aus Oels (Schlesien) nach Thüringen und einige Jahre später, 1953, aus der noch jungen DDR nach Düsseldorf, wo die Großfamilie wieder zusammenfindet. Der junge Sigmar wird dort 1959 zur Lehre in die Glasmalerwerkstatt Derix geschickt, wo er seine erste Frau Karin, geb. Raddatz, kennenlernt. 1960 kommt der Sohn Georg, 1964 die Tochter Anna zur Welt. Sigmar studiert an der Akademie, Karin arbeitet in den legendären Kneipen Creamcheese und Domino. Künstlerkolleg:innen wie Blinky Palermo, Katharina Sieverding oder Imi Knoebel sind regelmäßig zu Gast in der Wohnung in der Kirchfeldstraße. Die Düsseldorfer Szene und auch die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der Wirtschaftswunderjahre und der Ära Adenauer sowie später die durch eine politische junge Generation angestoßene Aufarbeitung mit dem Nationalsozialismus prägen auch den jungen Künstler Sigmar Polke. Jedoch ist es in der Rückschau bemerkenswert, wie offen sein Werk stets geblieben ist.

„Wenn ich an Sigmar Polke denke, dann denke ich an einen Künstler, der dazu im Stande gewesen ist, Grenzüberschreitungen als Zusammenhänge zu gestalten. […] Der Künstler Paul Chan sagt es fraglos am besten, wenn er Polkes Arbeit als eine Erinnerung daran versteht, ‘wie kostbar und prägend Übertretungen sind.’“

– Dr. des. Dirk Hildebrandt, wissenschaftlicher Mitarbeiter Universität zu Köln und Stipendiat der Anna Polke-Stiftung 2019

„Sigmar Polke hat es immer verstanden, über nationale Diskurse hinauszugehen, mit Stereotypen und Vorurteilen über ‚deutsche Kunst’ zu spielen. Für mich verkörpert sein Werk die Lust am Malprozess und am genauen Beobachten, artikuliert durch ein scharfes Gespür für Verborgenes und Ungesehenes – denkt man beispielsweise an die Fotografien von Obdachlosen. Polkes Werk hat nichts an seiner Aktualität eingebüßt: In einer Zeit, in der Nationalismen und vereinfachende Diskurse wieder auftauchen, steht Polke für eine polysemantische, experimentelle Kunst, in der Humor und Selbstironie als Fluchtwege jenseits aller Kategorisierungsversuche dienen.“

– Dr. Julie Sissia, Kunstwissenschaftlerin und Stipendiatin Anna Polke-Stiftung 2019 

Sigmar Polke geht es zuallererst um die Kunst. Die aktuelle Schlagzeile mag ihm einen Anstoß geben, doch die Impulse, die ihm die Welt liefert, sind weitaus vielfältiger: Es geht bis in die Ur- und Frühgeschichte, von den kunsthistorischen Vorgängern aus Mittelalter, Renaissance (allen voran der deutsche Held Dürer, den er mit einem Augenzwinkern und ein paar Gummibändern für sich vereinnahmt) und Moderne bis hin zur Mythologie und Materialität der Farben. Polkes universelle, unhierarchische, neugierige Entdeckerlust hält sein Werk wach und lebendig – bis heute.
Der Kapitalistische Realist, Alchemist, Ironiker – das alles war Polke und doch auch nicht. Schon fast ist es zum Klischee geworden, dass Polke sich nichts hat zuschreiben lassen. Nicht einmal auf ein Medium hat er sich festlegen wollen und stattdessen in allen Feldern experimentiert.

„Mein Forschungsinteresse als Kunsthistorikerin gilt eigentlich der Kunst der Frühen Neuzeit und führte mich dennoch zu Sigmar Polke. Die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit seinem Werk hat dazu beigetragen, dass ich mir neue Fragen auch in Bezug auf die ältere Kunst stelle. Viele komplexe Themen und Probleme, welche Künstler und Künstlerinnen seit Jahrhunderten beschäftigten, sind bei Polke präsent. Gleichzeitig ist er auch in seiner Zeit sehr verankert: Merkmale und Traumata der deutschen Nachkriegszeit sind in Polkes Werken stets erkennbar. Das Gegenwärtige und das Überzeitliche treffen sich in seinem Werk.“

– Ksenija Tschetschik-Hammerl, Kunsthistorikerin und Stipendiatin Anna Polke-Stiftung 2020

„Sigmar Polkes Arbeiten sind Produkte ihrer Zeit und zeichnen die Höhen, Tiefen und Untiefen des politischen, sozialen und kulturellen Klimas der Bundesrepublik (die gerade einmal ein paar Jahre jünger ist als Polke selbst) wie empfindliche Messgeräte auf. Zugleich bilden sie Knotenpunkte in einem Geflecht von Bildern, Ideen und Referenzen, das sich immer weiter verästelt und in der Gegenwart neue Verbindungen schafft, die zu der Entstehungszeit der Arbeiten vor fünfzehn, zwanzig, fünfzig Jahren so vielleicht noch gar nicht denkbar waren. Polke hat niemals aufgehört zu experimentieren und in seinen Bildern etablierte Wahrheiten in Frage zu stellen – eine kritische Neugierde, die auch Modelle für einen Umgang mit der aktuellen Flut digitaler Bilder liefern kann.“

– Magnus Schäfer, Autor und Kurator, Stipendiat Anna Polke-Stiftung 2020

Dass Polkes Werk auch noch heute, mehr als 10 Jahre nach seinem Tod, Inspiration für seine Zeitgenoss:innen wie auch für eine junge Generation von Wissenschaftler:innen und Kunstschaffenden ist, davon zeugen die Aussagen unserer Stipendiat:innen, die wir anlässlich des Jubiläums eingefangen haben.

Für unsere Arbeit ist das Jubiläum schon seit längerer Zeit Anlass zu fragen, was es nun tatsächlich ist, das Polkes Werk auch 2021 noch so aktuell und relevant hält?

In mehreren Veranstaltungen wollen wir diese Frage im Jubiläumsjahr 2021 behandeln und neue Schlaglichter auf Polkes Werk werfen, allen voran in unserem Jubiläumsprojekt Produktive Bildstörung, bestehend aus einer Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Düsseldorf und einem mehrtägigen internationalen Festival an der dortigen Kunstakademie. Beide Veranstaltungen werden Polkes Werk mit aktuellen sowohl künstlerischen als auch theoretischen Positionen zusammenbringen und es aus heutiger Sicht neu in den Blick nehmen.  
 
Das Übertragen und Stören, das Transformieren und Umcodieren von bereits existierenden Bildern inklusive der dabei entstehenden oder enttarnten Bild-Fehler, wurde in Polkes Rasterbildern zum Motiv und frühen Markenzeichen. Doch diese produktive Bildstörung endet nicht etwa mit dem 1963 gemeinsam mit Gerhard Richter, Manfred Kuttner und Konrad Lueg ausgerufenen Kapitalistischen Realismus und der Auseinandersetzung mit den Bildwelten der Wirtschaftswunderzeit, sondern bleibt ein zentrales Instrument und Motiv in Polkes Schaffen, in dem alles zum künstlerischen Material werden kann, bis hin zur eigenen Zeichnung, die Jahre später auf dem Foto-Kopierer landet, hin- und her bewegt und reaktiviert wird. 
Mit Blick auf die gegenwärtigen technologischen Entwicklungen überrascht es nicht, dass die Auseinandersetzung mit einem exponentiell anwachsenden Kontinuum von Bildern, Kontexten und Zeitströmen auch eine aktuelle Generation von Künstler*innen weiter umtreibt. In der Produktiven Bildstörung liegt daher für uns ein Schlüssel, der Polkes Werk heute lesbar macht und eine Erklärung dafür liefert, dass Polke mit seinem besonderen Drang,
die jeweiligen ihm verfügbaren Medien und Bilder an ihre Grenzen und darüber hinaus zu treiben, als einer der Künstler-Künstler gilt, der auch heute noch großen Einfluss auf die aktuelle Kunstproduktion hat, ob direkt oder indirekt.
Die Kombination und Konfrontation von Werken Polkes mit aktuellen künstlerischen und theoretischen Positionen zeigt deutlich die Verwandtschaften und Parallelen, genauso wie sie Unterschiede und Weiterentwicklungen offenlegt. Die Bildstörung wird hier zum Anker, an dem sich Geschichte und Gegenwart, Fakt und Fiktion verhaken und ein Potential hervortritt, das nicht nur Polke, sondern auch eine nachfolgende Generation für sich erkannt hat.
Die aktuellen Positionen rund um Polke thematisieren dieses komplexe Zusammenspiel von (veränderten und sich stets weiter verändernden) Bildern und deren Bezug zur Welt, zu dem, was jetzt – nach und gleichzeitig mit Polke – ist und dem, was noch auf uns zukommen mag. ­

AUSSTELLUNG
Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle künstlerische Positionen
Kunsthalle Düsseldorf, 13.11.2021–6.2.2022
Beteiligte Künstler*innen: Kerstin Brätsch, Phoebe Collings-James, Raphael Hefti, Camille Henrot, Trevor Paglen, Sigmar Polke, Seth Price, Max Schulze, Avery Singer
Kuratiert von Kathrin Barutzki, Nelly Gawellek und Gregor Jansen
 
FESTIVAL
Kunstakademie Düsseldorf, 25.–27.11.2021
Unter den Teilnehmer*innen sind: Bice Curiger, Arthur Fink, Nina Gerlach, Raphael Hefti, Camille Henrot, Petra Lange-Berndt, Studierende der Klasse Marcel Odenbach, Magnus Schäfer, Michael Trier u.a.