Stipendium 2025 - Nico Joana Weber, Dirk, hast du vielleicht eine Idee?

Nico Joana Weber, Dirk, hast du vielleicht eine Idee?

Nico Joana Weber

Die Künstlerin Nico Joana Weber arbeitet mit Methoden der künstlerischen Forschung zu Transformations- und Aneignungsprozessen sowie der Sichtbarmachung verborgener Narrative. Sie studierte Bildende Kunst und Kunstgeschichte am Goldsmiths College London und absolvierte ein Postgraduiertenstudium an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Ihre Arbeiten wurden in einer Reihe von internationalen Ausstellungen und Screenings präsentiert und mit verschiedenen Preisen - darunter dem Villa Romana Preis und dem Bonner Kunstpreis -, Stipendien und Residenzaufenthalten ausgezeichnet.

Im Rahmen des Stipendiums plane ich eine umfassende Recherche zu der produktiven (Arbeits-)Beziehung zwischen Sigmar Polke und meinem Vater Dirk Weber, der Polke jahrzehntelang mit Malmaterialien beliefert und ihn beraten hat. Ziel ist die Erstellung einer Materialsammlung, die Fotografien, Schriftstücke, Materialproben und Gesprächsnotizen umfassen wird.

Dirk Weber wird 1947 in Sendenhorst geboren und zieht 1970 nach Bonn. Dort betreibt er seit 1979 die Firma “Dirk Weber Feines Künstlermaterial”. Er hat es sich von Anfang an zum Ziel gesetzt, professionell arbeitenden Künstler:innen hochwertige Produkte, die nach eingehender Recherche über die Jahre weltweit zusammengetragen wurden, zur Verfügung zu stellen, bzw. diese selbst zu produzieren. Intensiver Austausch sowie individuelle Beratung und Serviceleistungen, ortsspezifische Arbeiten und Lösungsfindungen runden Dirk Webers Portfolio ab und machen seine Herangehensweise einzigartig. Viele Künstler:innen vertrauen auf sein Wissen und seine präzise Arbeit und kommen immer wieder auf ihn zurück. Obwohl Weber bereits auf die 80 zugeht, ist für ihn an Aufhören nicht zu denken - zu groß ist die Nachfrage und Investiertheit in seine Arbeit.

Dirk Weber mit Lapis Lazuli-Stein vor dem Gemälde
Dirk Weber | © Foto: Michael Trier

1981 lernt Dirk Weber Sigmar Polke kennen. Es ist der Beginn einer intensiven Beziehung und Freundschaft. Weber wird von Polke mit ihm gewidmeten Bildern beschenkt, feiert mit ihm auf Eröffnungen und taucht tief in die (rheinländische) Kunstszene der 1980er Jahre ein. Über die Jahre hinweg berät Weber Polke zu Materialfragen und besucht ihn regelmäßig in seinem Atelier. „Dirk, hast du vielleicht ne Idee?“ war eine oftmals an ihn gerichtete Frage, die Weber stets anhielt, nach neuen, interessanten Materialien für Polke Ausschau zu halten, die wiederum Werke inspirierten. Er liefert ihm Interferenzfarben, die in dem Zyklus „Magische Quadrate“ zum Einsatz kommen, spezielle synthetische Pigmente, um die z.B. in der Laterna Magica Serie verwendeten Lacke einzufärben, sowie speziell für die Athanor-Ausstellung in Venedig konzipierte und angefertigte Leinwände. Auch in der Arbeit mit natürlichen Pigmenten und Mineralien steht Weber Polke mit seiner Expertise zur Seite. Er beschafft ihm hoch qualitative Malachit- und Azuritpigmente, und Sigmar Polke weckt bei Weber das Interesse, selbst Lapislazulipigment in bis dato nicht zur Verfügung stehender Qualität zu produzieren, das unter anderem in der 1992 im Stedelijk Museum stattfindenden Ausstellung zum Einsatz kommt. Auch der vierteilige Bilderzyklus „Zinnober“ (2005) basiert auf von Dirk Weber in Peking aufgetanem Zinnoberpigment, das von solch besonderer Intensität war, wie es Weber laut eigener Aussage seitdem nie wieder beschaffen konnte und Sigmar Polke aufgrund dieser Besonderheit zu seinen Bildern inspirierte.
Diesen und weiteren Details zu den mit Sigmar Polkes Werk verbundenen Material- und Produktionsfragen nachzugehen, sie dem Archiv der Anna Polke-Stiftung zur Verfügung zu stellen und so für zukünftige Recherchen zugänglich zu machen, ist Ziel meines Vorhabens. Die entstehende Materialsammlung schlägt einen Bogen zu Sigmar Polkes Venedig-Ausstellung und den damit verbundenen und durch das Forschungs- und Vermittlungsprojekt Sigmar Polke. Athanor NOW in den Fokus rückenden Materialitäten. Zugleich beleuchtet sie aber auch eine wichtige, im Hintergrund stattfindende Arbeit, die künstlerische Produktion beeinflusst und inspiriert. Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern lebt von vielfältigen Anregungen, und ich plane, diesem Prozess in der langjährigen Zusammenarbeit von Sigmar Polke und Dirk Weber nachzuspüren.