So lautete Sigmar Polkes melancholische und ironische Antwort auf die Frage, weshalb er in seinen Arbeiten der 1960er Jahre Bilder aus Zeitungen und Zeitschriften als Bildvorlagen benutzte. Seine Bemerkungen suggerieren, dass die Praxis des Zeichnens ‚unfrei‘ geworden war, dass sie entwurzelt und einer verwalterischen Kontrolle unterworfen worden war. Für Polke kann Zeichnen nicht länger etwas sein, das ein authentisches Gefühl subjektiver Ganzheit oder Körperlichkeit hervorzurufen vermag. Es kann nur noch mangelhaft oder eben ‚schlecht‘ sein, will man dieser Einschätzung folgen. Stattdessen funktioniert es in etwa wie das, was Benjamin H.D. Buchloh in anderem Kontext als „diagrammatisches Paradigma“ bezeichnet hat: ein visuelles Protokoll der Entfremdung von unseren eigenen Körpern.[2] Polke traf seine Aussage in einem Interview von 1966, zu ebender Zeit, in der er sich selbst – gemeinsam mit Gerhard Richter, Konrad Lueg und Manfred Kuttner – zum ‚Kapitalistischen Realisten‘ erklärte.
Viele seiner Arbeiten aus dieser Periode können als diagrammatisch beschrieben werden, insofern als sie sich jedem Gefühl von authentischer Körperlichkeit verweigern, stattdessen sind sie vermeintlich ironische, faule und willkürliche Darstellungen von Konsumobjekten, die veranschaulichen, wie ein Künstler sich darin versucht, die Träume, Sehnsüchte und Verheißungen des Wirtschaftswunders zu sublimieren. Das Interessante am diagrammatischen Stil von Polkes Zeichnungen ist, dass sie schlecht ausgeführt sind. Es sind schlechte Diagramme; sie führen den Versuch einer Sublimierung vor, der ins Stocken geraten ist. Polkes Übersetzungen der Formen und Inhalte des westdeutschen Konsumkapitalismus zeigen keine Unterwürfigkeit gegenüber seinen Mythen von Feiern und Überfluss; sie gleichen eher verunglückten Versuchen, ebensolche Fantasien zu reproduzieren. In diesem Sinne entsprechen Polkes Diagramme nicht ganz dem Bild der totalen Entfremdung, das Buchloh im diagrammatischen Paradigma des Zeichnens beobachtet. Sie sind ein wenig zu schräg, etwas zu schlecht.
Diese Darstellung des Sublimierens tritt in einer Reihe wenig bekannter und größtenteils unveröffentlichter linierter Skizzenbücher zutage (dem Kunsthistoriker Michael Semff zufolge existieren mehrere Dutzend solcher Skizzenbücher).[3] Eins davon – in der Sammlung deutscher Druckgrafiken und Zeichnungen des British Museum als Untitled (sketchbook 16) [Ohne Titel (Skizzenbuch 16)], ca. 1969, archiviert – enthält eine Serie von 28 Aquarellzeichnungen auf liniertem Papier, darunter sieben, die von Ausschnitten aus Zeitungen und illustrierten Zeitschriften begleitet werden. Die Seiten dieses blauen A5-Hefts zeigen schnell ausgeführte Skizzen, visuelle Ideen, Assoziationsketten und Bilder, die aus Zeitschriften oder Zeitungen ausgeschnitten und eingeklebt wurden. Die Skizzenbücher sind allesamt voll mit sowohl formal als auch konzeptionell schlechten Zeichnungen. Polke wählte das falsche Medium, nämlich Aquarell, für diesen speziellen Träger – das extrem dünne linierte Büropapier – was zu einem Verlaufen der Linie führt, die dadurch nicht zu etwas Erkennbarem wird, das in die vorgegebene Matrix passt. Darüber hinaus sind die aus Anzeigen stammenden Bilder, die hinzugefügt wurden, willkürlich beschnitten, sodass uns die vollständige Botschaft versagt bleibt. Und sofern sie als Modelle für Bildkompositionen dienen sollten, kommen Polkes Interpretationen höchst sparsam daher, wie unvollständige Diagramme.