Polke Post 17 - Forschungsprojekt: Ian Rothwell, How to Draw Badly

POLKE POST 17
How to Draw Badly

„Es kann sein, dass ich auf diese Weise zeigen will, wie abhängig man von vorgefassten Formen ist, wie unfrei im Tun und Denken, und dass man ständig auf Vorhandenes zurückgreift, ja greifen muss, bewusst oder unbewusst. ... Es kann auch Ironie sein. Es kann Faulheit, Unvermögen und Dummheit sein."[1]

Sigmar Polke, in: Dieter Hülsmann, „Kultur des Rasters. Ateliergespräch mit dem Maler Sigmar Polke“, in: Rheinische Post, Nr. 108, 10.5.1966.

So lautete Sigmar Polkes melancholische und ironische Antwort auf die Frage, weshalb er in seinen Arbeiten der 1960er Jahre Bilder aus Zeitungen und Zeitschriften als Bildvorlagen benutzte. Seine Bemerkungen suggerieren, dass die Praxis des Zeichnens ‚unfrei‘ geworden war, dass sie entwurzelt und einer verwalterischen Kontrolle unterworfen worden war. Für Polke kann Zeichnen nicht länger etwas sein, das ein authentisches Gefühl subjektiver Ganzheit oder Körperlichkeit hervorzurufen vermag. Es kann nur noch mangelhaft oder eben ‚schlecht‘ sein, will man dieser Einschätzung folgen. Stattdessen funktioniert es in etwa wie das, was Benjamin H.D. Buchloh in anderem Kontext als „diagrammatisches Paradigma“ bezeichnet hat: ein visuelles Protokoll der Entfremdung von unseren eigenen Körpern.[2] Polke traf seine Aussage in einem Interview von 1966, zu ebender Zeit, in der er sich selbst – gemeinsam mit Gerhard Richter, Konrad Lueg und Manfred Kuttner – zum ‚Kapitalistischen Realisten‘ erklärte.

Viele seiner Arbeiten aus dieser Periode können als diagrammatisch beschrieben werden, insofern als sie sich jedem Gefühl von authentischer Körperlichkeit verweigern, stattdessen sind sie vermeintlich ironische, faule und willkürliche Darstellungen von Konsumobjekten, die veranschaulichen, wie ein Künstler sich darin versucht, die Träume, Sehnsüchte und Verheißungen des Wirtschaftswunders zu sublimieren. Das Interessante am diagrammatischen Stil von Polkes Zeichnungen ist, dass sie schlecht ausgeführt sind. Es sind schlechte Diagramme; sie führen den Versuch einer Sublimierung vor, der ins Stocken geraten ist. Polkes Übersetzungen der Formen und Inhalte des westdeutschen Konsumkapitalismus zeigen keine Unterwürfigkeit gegenüber seinen Mythen von Feiern und Überfluss; sie gleichen eher verunglückten Versuchen, ebensolche Fantasien zu reproduzieren. In diesem Sinne entsprechen Polkes Diagramme nicht ganz dem Bild der totalen Entfremdung, das Buchloh im diagrammatischen Paradigma des Zeichnens beobachtet. Sie sind ein wenig zu schräg, etwas zu schlecht.

Diese Darstellung des Sublimierens tritt in einer Reihe wenig bekannter und größtenteils unveröffentlichter linierter Skizzenbücher zutage (dem Kunsthistoriker Michael Semff zufolge existieren mehrere Dutzend solcher Skizzenbücher).[3]  Eins davon – in der Sammlung deutscher Druckgrafiken und Zeichnungen des British Museum als Untitled (sketchbook 16) [Ohne Titel (Skizzenbuch 16)], ca. 1969, archiviert – enthält eine Serie von 28 Aquarellzeichnungen auf liniertem Papier, darunter sieben, die von Ausschnitten aus Zeitungen und illustrierten Zeitschriften begleitet werden. Die Seiten dieses blauen A5-Hefts zeigen schnell ausgeführte Skizzen, visuelle Ideen, Assoziationsketten und Bilder, die aus Zeitschriften oder Zeitungen ausgeschnitten und eingeklebt wurden. Die Skizzenbücher sind allesamt voll mit sowohl formal als auch konzeptionell schlechten Zeichnungen. Polke wählte das falsche Medium, nämlich Aquarell, für diesen speziellen Träger – das extrem dünne linierte Büropapier – was zu einem Verlaufen der Linie führt, die dadurch nicht zu etwas Erkennbarem wird, das in die vorgegebene Matrix passt. Darüber hinaus sind die aus Anzeigen stammenden Bilder, die hinzugefügt wurden, willkürlich beschnitten, sodass uns die vollständige Botschaft versagt bleibt. Und sofern sie als Modelle für Bildkompositionen dienen sollten, kommen Polkes Interpretationen höchst sparsam daher, wie unvollständige Diagramme.

Sigmar Polke, Seite aus
Sigmar Polke, Seite aus Ohne Titel (Skizzenbuch 16), ca. 1969 | © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn, Foto: Ian Rothwell

Ich möchte die Aufmerksamkeit nun auf eine bestimmte Zeichnung in diesem Skizzenbuch richten; die zweite in der Abfolge, eine Skizze in grauer Aquarellfarbe, auf der gegenüberliegenden Seite von einem ausgeschnittenen Bild begleitet, das offenbar eine Werbung für Haushaltsreinigungsprodukte ist: Es zeigt eine Hausfrau, die auf eine bemerkenswert ordentlich arrangierte Auswahl an Besen, Bürsten, Wischmopps und Staubsauger blickt. Ich hebe diese Skizze wegen ihrer Parallelen zu Roy Lichtensteins The Refrigerator (1962) hervor, dem angeblichen Ur-Text der Gruppe der Kapitalistischen Realisten: 1963 hatte Konrad Lueg in der Januarausgabe von Art International eine Abbildung gesehen und in seiner Begeisterung mit seinen damaligen Mitstudierenden an der Kunstakademie Düsseldorf Polke, Richter und Kuttner geteilt.[4]

Roy Lichtenstein,
Roy Lichtenstein, The Refrigerator, 1962 | © Estate of Roy Lichtenstein / VG Bild-Kunst, Bonn

­Wie viele von Polkes Arbeiten aus dieser Zeit ist auch Lichtensteins The Refrigerator als Auseinandersetzung mit den Klischees der Werbung zu sehen, in diesem Fall einer Werbung für Backpulver der Marke Arm & Hammer. In seinem Werk entfernt Lichtenstein den gesamten Text des originalen Bildes und steigert die klischeehafte Darstellung einer Hausfrau, indem er sie auf ein Hochformat überträgt. Das hat zur Folge, dass die formalen Komponenten des stereotypen Bildes intensiviert wird und die Stilisierung der Realität stärker hervortritt. Vor diesem Hintergrund stellt der Kritiker Lawrence Alloway die Vermutung an, dass The Refrigerator „ein gutes Beispiel für ein originales Kunstwerk ist, das vorgibt, eine Kopie zu sein“.[5] Ein charakteristisches Merkmal von Lichtensteins Pop Art war, dass er auf traditionelle, manuelle Techniken zurückgriff, um seine akribisch ausgeführten Bilder des Konsumkapitalismus zu realisieren, (er malte nämlich ganz klassisch mit dem Pinsel). Das Gleiche lässt sich über Polke sagen, allerdings ohne die Akribie. In dieser Hinsicht ist die zweite Zeichnung von Untitled (sketchbook 16) [Ohne Titel (Skizzenbuch 16)] ein schlechtes Beispiel eines originalen Kunstwerks, das vorgibt, eine Kopie zu sein. Es gibt dennoch ein gewisses Maß an Ähnlichkeit zwischen The Refrigerator und dieser Zeichnung.

Beide zeigen den Prozess, oder das Vorher–Nachher, beim Übertragen eines Bildes von einem Kanal zu einem anderen. Im Gegensatz zu Lichtenstein jedoch fragmentiert Polke seine Darstellung, er löst die gegebene Komposition eher auf als sie zu steigern, und indem er nur einen einzelnen Besen und eine Bürste neben einer willkürlichen Ansammlung von Markierungen und Schraffuren zeigt, die er mit einer unterbrochenen rechteckigen Kontur umrandet, setzt er sie in einer Form um, die fast abstrakt anmutet. Sein zeichnerischer Akt setzt das Bild einer Art Entropie aus. Die Zeichnung ist insofern schlecht, als sie sich den Prinzipien der Komposition und dem „akademischen Aufbau des Bildes“ widersetzt, wie ihn Alloway bei Lichtenstein beobachtete.[6] Auch wenn es durchaus im Bereich des Möglichen ist, in Lichtensteins extrem fetischisierten Darstellungen von Konsumprodukten eine gewisse kritische Dringlichkeit wahrzunehmen, ist es ebenso gut möglich, The Refrigerator einfach als Affirmation, ja sogar als Feier zu sehen.[7] Zweifelsohne war dies Jean Baudrillards Sicht auf das allgemeinere Phänomen Pop Art, wie er sie in seinem Essay „Pop Art: eine Kunst des Konsums?“ (1970) ausdrückte und dabei das Ende der Subversion und die totale Integration des Kunstwerks in das Zeichensystem der Konsumgüter beklagte.[8] Eine solche Gefahr besteht bei Polkes visueller Umsetzung indes nicht. Seine ‚faule‘ Interpretation, die die menschliche Figur ausspart und die Werbung auf ein paar lässig hingeworfene Pinselstriche in grauer Aquarellfarbe reduziert, kann als Veranschaulichung und Betonung der sarkastischen Schlusszeile des Essays von Adorno und Horkheimer über die Kulturindustrie gesehen werden; sie beschreibt den „Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwangshafte Mimesis des Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren“.[9] Die melancholische Ironie, die in dieser Aussage zum Ausdruck kommt, ist auch in Polkes schlechtem Beispiel eines originalen Kunstwerks spürbar, das vorgibt, eine Kopie zu sein. Im Gegensatz dazu ist Lichtensteins Pop keinesfalls schlecht, sein Werk zeigt eine gründliche Übernahme der Anzeige in die Malerei, die erzeugten Bilder vermitteln eine Ganzheit und Vollkommenheit. Seine Kunstwerke sind absolut funktionsgerecht, während Polkes Übersetzungen suboptimal sind. In Polkes Praxis des schlechten Zeichnens klingt ein Unterton des Negierens an, eine Geisteshaltung, die sich der vollständigen Integration in das Zeichensystem der Konsumgüter widersetzt.[10]

Ian Rothwell
 
[1] Sigmar Polke, in: Dieter Hülsmann, „Kultur des Rasters. Ateliergespräch mit dem Maler Sigmar Polke“, in: Rheinische Post, Nr. 108, 10.5.1966.
[2] Siehe Benjamin H.D. Buchloh, „Hesse’s Endgame: Facing the Diagram“, in Catherine de Zegher (Hrsg.), Eva Hesse Drawing (New Haven, Conn.: Yale University Press, 2006), S. 117 – 150.
[3] Michael Semff, „Line, Dot Screen, and ‚Glass Painting‘ on Paper: Notes on the Artistic Principles of Sigmar Polke the Draftsman“, in Margit Rowell (Hrsg.), Sigmar Polke: Works on Paper 1963-1974 (New York: Museum of Modern Art, 1999), S. 16.
[4] Siehe Michael Sanchez, „A Logistical Inversion; From Konrad Lueg to Konrad Fischer“, Grey Room, Nr. 63 (Frühjahr 2016), S. 7.
[5] Lawrence Alloway, „On Style: An Examination of Roy Lichtenstein’s Development“, ArtForum, Bd. 10, Nr. 7 (März 1972), verfügbar unter https://www.artforum.com/print/197203/on-style-an-examination-of-roy-lichtenstein-s-development-37504.
[6] Alloway, „On Style: An Examination of Roy Lichtenstein’s Development“, https://www.artforum.com/print/197203/on-style-an-examination-of-roy-lichtenstein-s-development-37504.
[7] Beispielsweise schreibt Hal Foster über dadaistische Strategien der ‚mimetischen Verschlechterung‘, was womöglich auf Lichtensteins akribische oder exzessive Übersetzungen der formalen Aspekte von Konsumobjekten und Werbungen übertragen werden kann. Siehe Hal Foster, Bad New Days: Art, Criticism, Emergency (London; New York: Verso, 2015), Kindle-Ausgabe.
[8] Jean Baudrillard, „Pop Art: eine Kunst des Konsums?“ [1970], nachgedruckt in id., Die Konsumgesellschaft: Ihre Mythen, ihre Strukturen (Wiesbaden: Springer VS, 2015), S. 167-177. 
[9] Theodor Adorno und Max Horkheimer, „Kulturindustrie: Aufklärung als Massenbetrug“ [1944], in id., Dialektik der Aufklärung (Frankfurt/Main: Fischer, 1988) S. 128-176.
[10] Siehe Gail Day, Dialectical Passions: Negation in Postwar Art Theory (New York: Columbia University Press, 2011), S. 5.