Polke Post 21 - „Gegen den Strich und ohne Furcht“ – Auszug aus einem Gespräch von Nelly Gawellek mit Michael Trier

POLKE POST 21
„Gegen den Strich und ohne Furcht“

­Im POLKE SALON 8 sprach die Kunstwissenschaftlerin Nelly Gawellek mit dem Restaurator Michael Trier, der Sigmar Polke und seine Arbeit über viele Jahre begleitet hat. Das Gespräch widmet sich Polkes unkonventionellem Einsatz von Materialien und Techniken und gewährt außerdem einen persönlichen Einblick sowohl in die Zusammenarbeit mit ihm als auch in die Biografie Michel Triers. Hier veröffentlichen wir einen Auszug:

NELLY GAWELLEK: Mit diesen Bildern, den Negativwerten (1982) beginnt eine Phase, in der Polke ganz vielfältige Materialien einsetzt für seine Gemälde. Ich möchte kurz ein paar Material- und Technikangaben nennen, die einen Eindruck verschaffen. Für das Gemälde Goldklumpen, das etwa aus der gleichen Zeit stammt (1982), verwendete Polke: Realgar, Auripigment, Schweinfurter Grün auf Leinwand; Silber, Silbernitrat, Silberjodid, Cobalt-II-Chlorid und Kunstharz auf Leinwand für den Hochstand von 1985; Meteoritengranulat und Harz auf Leinwand für The Spirits that Lend Strength Are Invisible I (1988) und violettes Pigment für den Achsenzeit-Zyklus ­(2005­–2007) – gehaucht, gepustet, gewischt und poliert auf Kunststoffsiegel. Wie kam er auf die Materialien und wo hat er sie herbekommen?

MICHAEL TRIER: Die Materialien hat er aus ganz unterschiedlichen Quellen beschafft. Da gab es einerseits in Köln das Farbengeschäft Wolkenaer, die verkauften auch Maler- und Anstreicherbedarf. Da kam sehr viel her, auch die Lacke. Die Farben, wie Auripigment oder Realgar – das sind arsenhaltige Farben, die gab es über Kremer Pigmente, eine Farbmühle, die es immer noch gibt und mittlerweile der Weltmarktführer für Pigmente ist. Georg Kremer hat, glaube ich, Ende der 1970er Jahre angefangen und sehr viel für Kunstschaffende bereitgestellt, eben auch alte Farben, die teilweise in der mittelalterlichen Buchmalerei Verwendung fanden. Die hat er nachgebaut und das hat Polke interessiert. Zudem gibt es andere Dinge, wie zum Beispiel Meteoritenstaub, oder auch diese ganzen Silberverbindungen, die kamen eher aus dem Bereich der Fotografie. Und andere Stoffe, wie das Cobalt-Chlorid, das sind Indikatorfarben, die in der Industrie Verwendung finden, wie Lackmuspapier – also Materialien, die Prozesse visualisieren. Das hat er alles eingesetzt. Alles war gegen die Theorie, gegen den Strich und ohne Furcht.

Sigmar Polke trägt eine Gasmaske und verteilt Lack auf einer Leinwand
Sigmar Polke 1992 beim Experimentieren mit Lacken im Kölner Atelier von Michel Trier | © Foto: Michael Trier

­NELLY GAWELLEK: Wie kam er denn darauf?

MICHAEL TRIER: Ich würde sagen Neugier und ein offener Blick auf die Dinge – immer wieder gucken und auch experimentieren. Polke hat ja auch die ganzen sogenannten Farbproben gemacht, diese Probebilder, auf denen wurde das durchdekliniert: Wie verhält sich das miteinander? Welche Effekte gibt es? Was stößt sich ab? Was funktioniert, wie? Wie sieht es nachher aus?

NELLY GAWELLEK: Du hattest es gerade schon angesprochen: Einige dieser Substanzen sind giftig und besonders über diese wird natürlich immer gerne gesprochen. Wie würdest du das einschätzen? Was hat das für ihn für eine Rolle gespielt?

MICHAEL TRIER: Ich schätze das Gift war sicher etwas Reizvolles. Wobei Gift damals auch ein Synonym für manche Drogen war und etwas Halluzinatorisches hatte. Also es gibt bei Polke Auripigment, Realgar oder Schweinfurter Grün, das sind arsenhaltige Stoffe, die sind gefährlich. Dann hat er die Uranfotografien gefertigt, was erstmal sehr erschreckend wirkt, wenn man es hört. Aber es sind gar nicht so viele Bilder, die er letzten Endes mit Realgar, Auripigment und Schweinfurter Grün gemalt hat. Das ist eigentlich eine relativ überschaubare Gruppe Anfang bis Mitte der 1980er Jahre und danach ist das eigentliche Gift, was noch vorhanden ist, nur das Lösungsmittel.

Sigmar Polke, Farbprobe mit giftigem Schweinfurter Grün
Sigmar Polke, Ohne Titel (Farbprobe), 1982, Azurit und Schweinfurter Grün auf Leinwand | © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn

NELLY GAWELLEK: Also es ging ihm vielleicht auch gar nicht so sehr um dieses Gift oder darum, dass die Substanz giftig ist, sondern um die Wirkung?

MICHAEL TRIER: Es ging um die Wirkung. Es ist der Farbton – Schweinfurter Grün etwa, ist ein ganz spezielles, ziemlich tolles Grün. Ich weiß nicht genau seit wann, aber der Verkauf dieses Grüns ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts verboten. […] 

NELLY GAWELLEK: Was hat dir besonders an Polkes Arbeit gefallen oder was waren für dich Highlights eurer gemeinsamen Arbeit?

MICHAEL TRIER: Also es gibt Bilder, die ich über die Jahrzehnte hinweg nach wie vor sehr schätze. Ich finde, sein Werk wird einfach nicht schwächer, das sieht man auch an dem Interesse. Viele Generationen von Kunstschaffenden haben ihn immer wieder als leuchtendes Vorbild genommen. Das ist eine seiner Qualitäten. 

 […] 

Das Gespräch wurde für die Veröffentlichung gekürzt und bearbeitet.

Der POLKE SALON ist eine Gesprächsreihe der Anna Polke-Stiftung mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln, Prof. Dr. Christian Spies.