Wir freuen uns sehr, dass wir für unsere 16. Ausgabe der POLKE POST Verena Hein, Kuratorin am Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, als Gastautorin gewinnen konnten. Sie kuratierte die Ausstellung Sigmar Polke. Dualismen, die noch bis zum 19. Juni in der von Stefanie Patruno eingerichteten zweiten Station in der Städtischen Galerie Karlsruhe zu sehen ist. In dem folgenden Text berichtet Verena Hein von Wahrnehmungserlebnissen und Begegnungen insbesondere eines jüngeren Publikums vor den Werken Sigmar Polkes. Mit ihrem vorbehaltlosen Blick und Umgang mit Kunst stoßen uns die jungen Rezipient:innen auf zentrale Charakteristika in Polkes Schaffen.
Polke Post 16 - „Seh-arten“ – Rückblick von Kuratorin Verena Hein auf die Ausstellung Dualismen in Regensburg
POLKE POST 16
„Seh-arten“ – Rückblick von Kuratorin Verena Hein auf die Ausstellung Dualismen in Regensburg
„Na klar, Darth Vader!“
– das antworten mir Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse einer Mittelschule aus Regensburg, als ich sie frage, was sie auf der Edition Ohne Titel (Spiegelung I) erkennen können. Sigmar Polke hatte diese Fotografie 1992 in Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Galeristen Erhard Klein herausgegeben. Und ja, auch ich entdecke die Maske der legendären Figur aus Star Wars und muss unweigerlich über diese Les- oder Seh-art schmunzeln. Erhard Klein berichtete, dass Polke die Spiegelung in einer Wasseroberfläche fotografiert, vergrößert – so dass die für den Künstler typischen Rasterpunkte erscheinen –, und um 90 Grad gedreht hat. Durch diese Drehung wirken die Motive wie Rorschachtests oder wie Röntgenaufnahmen – das waren meine Assoziationen, von denen ich dachte, dass die Schülergruppe sie genauso sehen würde. Auch Martin Kippenberger fand an diesen Editionen Gefallen, er hat das Ei-weiss Passepartout (1993) für ein Exemplar von Spiegelung II gestaltet. Es war schön zu sehen, dass Polkes Angebot, einen unvoreingenommenen Blick einzunehmen, von den Besucherinnen und Besucher der Ausstellung eingelöst wurde.
Für die Schau Sigmar Polke. Dualismen haben wir rund 100 Werke zusammengebracht, die anhand von Begriffspaaren vorgestellt werden. Das Konzept geht dem Prinzip der „Zweiheit, Gegensätzlichkeit oder der Polarität“ in seinem Oeuvre nach.[1] Untersucht werden Grundprinzipien, die sich entweder ergänzen oder sich konträr gegenüberstehen. Es geht dabei nicht um klar definierte Polaritäten, sondern vielmehr um die Überwindung von Gegensätzen. 1966 beschrieb es der Künstler: „[Ich] bin froh, daß ich nicht nur schwarz und weiß sehe, sondern beides zugleich.“[2] Und auch seine enge Wegbegleiterin und Kuratorin Bice Curiger bemerkte: „Polke kocht Gegensätze ein, obsolete Dualismen in Beruf, (Menschen-)Geschlecht und Geschichte, und lässt sie in ,Dampf‘ aufgehen, nur die Energie bleibt als zauberhafter ,Beschlag‘ oben liegen.“[3] Diese Energie scheint auf Polkes Arbeiten zu bestehen, ohne wirklich zu altern. Es ist ein Spiel zwischen Wahrnehmung und Magie.
In der so betitelten Sektion waren neben den oben erwähnten Werken die großformatigen Fotografien Himmelsbilder (2006) präsentiert. In den Wolkenformationen glaubt man, figurative Motive oder Gesichter zu erkennen. Dieses Phänomen nennt sich Pareidolie und geht auf die Wahrnehmungspsychologie zurück. Polke setzte dies in einigen seiner Werke ein und lotet so das Sehen, unsere Vorstellungs- und Einbildungskraft wie einen transzendenten Ansatz aus. Eine Sicht, die unser Bewusstsein erweitert, war für den Künstler wesentlich.
Parapsychologische Experimente fanden somit sein Interesse, etwa im herausragenden Werk Tischerücken aus dem Jahr 1981, genauso wie neurologische Strukturen im Gemälde Schrott (1994). Durch die Verwendung von glitzernder Interferenzfarbe mutet es wie eine Vision eines 3D-Modells von Nervenbahnen an. Schon in den Rasterbildern der 1960er Jahre beschäftigte sich Polke damit: Am Raster gefalle ihm „das durch eine Vergrößerung des Bildes hervorgerufene Verschwimmen und in Bewegung geraten der Punkte, der Wechsel von Erkennbarkeit und Unerkennbarkeit des Motivs, die Unentschiedenheit und Zweideutigkeit der Situation, das Offenbleiben.“[4] Dieses „Offenbleiben“ und damit das nicht-mögliche Entschlüsseln des Motivs habe ich besonders in Gesprächen mit Besucherinnen und Besuchern vor Menschenmenge (1966) erfahren. Persönliche Erinnerungen, Vorlieben oder auch der Erfahrungsschatz der jeweiligen Altersgruppe filtern oder triggern gewissermaßen die Deutung. Dieses Wissen um ein Bildgedächtnis, das individuell oder kollektiv sein mag, belegt Polkes künstlerischen Ansatz, der eine Zeitlosigkeit mit sich trägt. Denn diese Bilder, die in der Vergangenheit geformt wurden, werden durch das Raster nicht fixiert, sie bleiben in ihrer Struktur und ihrem Wesen offen und durchlässig.
Der ambigue Charakter der visuellen Mehrdeutigkeit findet sich auch im Verhältnis Bildträger und Bild und in der Nutzung unterschiedlicher Bildmedien.[5] Polke verwendete verschiedene Materialien, die selbst Inhalte vermittelten, etwa bedruckte Dekostoffe. Die Ambiguität ist wie ein Netz über sein ganzes Schaffen gespannt. Ein Spiel mit einem unglaublichen Wissen in Kunst- und Zeitgeschichte, Literatur, künstlerischen Techniken u.v.m., und mit der Haltung, dem Kunstwerk gewissermaßen Raum einzuräumen, sich selbst zu vollenden – zum Dialog mit den Betrachtenden einzuladen. Noch eine Anekdote der Schulklasse: Eine Schülerin erkannte im weißen breiten Pinselstrich der Papierarbeit Serviettengebrauch (1981) den Geruch des Essens, der den Figuren, die im Scherenschnitt ausgeführt sind, in die Nase steigt. Dass Polke so einen weiteren Sinn, als physiologische Wahrnehmung anspricht, ist auch ein Augenblick, in dem sein Humor erfahrbar ist. Das Überraschende und oft mit Ironie bezeichnete Moment in Polkes Schaffen könnte man vielleicht mit dem Satori des Zen-Buddhismus umschreiben, das dem Lachen vergleichbar ist, aber mehr ein plötzliches Erwachen darstellt, das die Wahrnehmung klar werden lässt.
Verena Hein
[1] „Dualismus“, zitiert nach Duden, https://www.duden.de/rechtschreibung/Dualismus (letzter Zugriff: 17.5.2022).
Die Ausstellung war vom 9.10.2021 bis zum 16.01.2022 im Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg zu sehen und anschließend in der Städtischen Galerie Karlsruhe vom 5.3. bis zum 12.6.2022 (verlängert bis 19.6.2022).
[2] Sigmar Polke, in: Dieter Hülsmann, „Kultur des Rasters. Ateliergespräch mit dem Maler Sigmar Polke“, in: Rheinische Post, Nr. 108, 10.5.1966.
[3] Bice Curiger verwendete den Begriff der Dualismen in der von ihr 2005 kuratierten Schau Werke und Tage. Vgl. dies., „Werke und Tage: ,Wer hier nichts erkennen kann, muss selber pendeln!ʻ“, in: Sigmar Polke. Werke und Tage (Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich), Köln 2005, S. 8–27, hier: S. 11.
[4] Polke (1966) wie Anm. 2.
[5] Vgl. hierzu: Verena Krieger, „,At war with the obviousʻ – Kulturen der Ambiguität. Historische, psychologische und ästhetische Dimensionen des Mehrdeutigen“, in: dies. und Rachel Mader (Hg.), Ambiguität in der Kunst. Typen und Funktionen eines ästhetischen Paradigmas, Weimar/Wien 2010, S. 13–49.