Polke Post 18 - Dos and Don’ts – Smoke without Fire, Artist Talk mit Camille Henrot 

POLKE POST 18
Dos and Don’ts – Smoke without Fire 

Vor einem Jahr eröffneten wir die Ausstellung Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle künstlerische Positionen in der Kunsthalle Düsseldorf. Die Künstlerin Camille Henrot entwarf hierfür eine neue Gruppe von Werken, Dos and Don’ts, die in Zusammenarbeit mit dem Grafiker Mike Karstens entstanden. Im Gespräch mit der Kuratorin Nelly Gawellek spricht sie über die Herstellung der Werke, ihre künstlerische Verwandtschaft mit Sigmar Polke und die technischen Möglichkeiten der Gegenwart. 

Nelly Gawellek: Hallo Camille. Wir haben dich eingeladen, an der Ausstellung Produktive Bildstörung teilzunehmen, und bei unserem ersten Skype-Anruf – ich glaube, es war im Juni 2020 – hast du mir erzählt, dass Sigmar Polke großen Einfluss auf dich hatte. Was an seinen Arbeiten hat dich fasziniert?

Camille Henrot: Was mich sehr bestärkt hat, ist sein Verhältnis zu Stil und Bildern, besonders seine Akzeptanz stilistischer Wandelbarkeit. Er nutzt Bilder wie ein Alphabet, eine Art Code. Angezogen hat mich auch sein Interesse an Tricks und Imitation – da ahmt er ein maschinelles Verfahren nach, das technisch locker zu reproduzieren wäre, zu faken aber eine Menge Arbeit ist. Die subtile Verschiebung der Ästhetik, die dabei eintritt, erlaubt es, das Bild völlig anders zu verstehen. Ich denke an die Rasterbilder, in denen er gedruckte Bilder kopiert – aber in Handarbeit.

Mit Blick auf meine eigenen Arbeiten dachte ich darüber nach, dass manche Drucktechniken die Hand zu imitieren scheinen und wie sehr dann wiederum die Hand den Druck zu imitieren versucht. Fürs Bildermachen ergibt das einen ziemlich ausgefuchsten Kreislauf, und diese Idee interessierte mich. Deshalb habe ich vorgeschlagen, für die Ausstellung neue Arbeiten zu schaffen. Zeichnen ist ja meine Haupttätigkeit, aber als wir ins Gespräch kamen, hatte ich gerade seit einem Jahr zu malen begonnen. Ich bekam Interesse an der Idee, Bilder zu malen, die nicht wie gemalt aussehen, beziehungsweise mit den Möglichkeiten zu spielen, die neue Druckgeräte oder Computerprogramme wie Procreate oder Photoshop bieten. Darin finden sich Werkzeuge, die Maltechniken imitieren, dabei aber ihre ganz eigene Ästhetik haben, die durch die Arbeit anderer Künstler:innen, wie Avery Singer, fast selbst schon wieder zu einer Tradition in der Malerei geworden ist.
Bildstörung bedeutet für mich zweierlei Verschiedenes: Das Eingreifen neuer Technologien in die Bildgestaltung, aber auch das Potenzial von Bildern hinsichtlich ihrer Rolle in unserer Gesellschaft. Ich frage mich, wie Bilder heute codiert sind, und wie vorhandene Bilder als Alphabet genutzt werden können. Ich mag Roland Barthes’ Gedanken, dass Sprache faschistisch, Literatur aber befreiend ist. Ich glaube, in der Bildtechnologie verhält es sich ähnlich. Am Internet ist etwas Faschistisches – zum Beispiel bei Google. Es ist so viel Information da, aber sie wird gesteuert und kontrolliert. In dem Vorgang, sich diese Bilder wieder anzueignen, liegt aber ein Weg, wieder eine Freiheit und einen Raum auszubilden, um herrschende Diskurse herauszufordern.

Installationsansicht,
Installationsansicht, Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle künstlerische Positionen, Kunsthalle Düsseldorf, 2021 | © Camille Henrot, Foto: Katja Illner

NG: Du hast erwähnt, dass dich Polkes technische Malverfahren inspiriert haben, etwa in seinen Rasterbildern oder anderen Arbeiten wie Strahlen Sehen [2006–07], bei denen er Bilder auf dem Fotokopierer verzerrte und eine Zusatzschicht Acrylgel auf die Leinwand auftrug, um einen holografischen Effekt zu erzielen. Polke verwendete also einen Mix aus mechanischen und manuellen Techniken, um optische Tricks zu erzeugen. Kannst du uns ein wenig über dein Vorgehen bei der Gestaltung von Dos and Don’ts sagen, für die du digitale, technische und manuelle Methoden angewendet hast?

CH: Das ist tatsächlich eine lange Abfolge von Schritten. Zuerst habe ich mit Tinte breite Pinselstriche gemalt und diese dann gescannt und vektorisiert. Ich bin also umgekehrt vorgegangen wie Polke mit den Punkten. Ich habe nicht mit dem gedruckten Bild angefangen, sondern mit dem handgemachten. Die vektorisierten Pinselstriche ließ ich als Vinylmasken herstellen, mit denen ich die Leinwand abdeckte, die dann mit einem Gesso präpariert und bedruckt wurde. Dabei arbeitete ich mit dem Drucker und Galeristen Mike Karstens zusammen, mit dem du mich bekanntgemacht hast und der, wie ich finde, großen Anteil an diesem Projekt hat. Nach dem Bedrucken der Leinwände nahm ich die Vinylmasken ab, sodass die rohe Leinwand wieder frei lag. Anschließend habe ich die bedruckte und die rohe Leinwandfläche – innerhalb und außerhalb der Pinselstrichform – noch einmal übermalt.
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Camille Henrot und Mike Karstens in der Druckwerkstatt, 2021
Camille Henrot und Mike Karstens in der Druckwerkstatt, 2021 | © Foto: Nelly Gawellek
Camille Henrot, 
Camille Henrot, Dos and Don’ts (After Being Doing), 2021 | © Camille Henrot

­CH: In After Being Doing malte ich mit Wasserfarben ein Sonogramm. Wenn wir von Störung sprechen, betrifft das nicht nur technische, sondern auch gesellschaftliche und politische Aspekte. Ich denke daran, wie zum Beispiel die digitalen Medien sich auf die Überwachung ausgewirkt haben – ein Thema, das auch Polke interessierte. Ich habe unsere Haut immer für die letzte uns schützende Grenze gehalten, aber das ist nicht länger der Fall, wenn wir uns die allgegenwärtige Nutzung von Gesundheits-Apps vor Augen halten, die unsere Daten sammeln. Sonografie, ein medizinisches Verfahren, das hochfrequente Klangwellen nutzt, um Bilder vom Körperinneren zu erzeugen, beleuchtet diese menschliche Grenze und greift zugleich in sie ein. Es wird viel darübergeschrieben, wie Ultraschall Babys im Bauch tatsächlich stört, und wie sie diesem Zugriff zu entkommen versuchen. Sie wollen gewissermaßen nicht gesehen werden, so wie viele von uns nicht fotografiert oder gefilmt werden wollen. Es ist also eine Reflexion darüber, was es bedeutet, beobachtet zu werden, und über die Spannung zwischen Sicherheit und Privatsphäre. Die gleiche Dynamik gilt für die Recherche im Internet. Wir bekommen Hilfe, aber wir werden auch gesehen. Ich fand, diese Serie bot die passende Gelegenheit, meine Sammlung der Bildschirmfotos einzusetzen, die ich von Computer-Fehlermeldungen angelegt habe. Ich meine, Sigmar Polke hat das auch gemacht – Sachen zusammentragen –, und eines Tages wusste er, was damit anzufangen war, richtig? Natürlich ließen sich die Bildschirmfotos unmöglich in hoher Qualität drucken. Es war also wieder ein wenig wie ein umgekehrter Polke – wir haben alles neu aufgesetzt und jede einzelne Linie gefüllt, um einen vergrößerten Tintenstrahldruck anfertigen zu können. 
 

Wer mehr aus dem Gespräch lesen möchte, kann einen Blick in unsere Publikation Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle Perspektiven werfen, die im DISTANZ Verlag erschienen ist oder die Aufzeichnung auf der Seite des Festivals ansehen: http://festival-anna-polke-stiftung.com.