Polke Post 24 - Neuerscheinung: Die Kunstakademie Düsseldorf 1773–2023, mit einem Text von Sophia Stang über den Auftakt zum Kapitalistischen Realismus

POLKE POST 24
„Kein Geld für wilde Tiere“ – Kuttner, Lueg, Polke, Richter und der Düsseldorfer Auftakt zum Kapitalistischen Realismus 

Sigmar Polke und Besucher:innen in der selbst organisierten Ausstellung in der Kaiserstraße
Ausstellungsansicht der Kaiserstraße 31a, Düsseldorf, 11.5.1963 | © Foto: Manfred Kuttner, Archiv Kuttner, Erkrath

Im Jahr 1963 organisierten die Künstler Manfred Kuttner, Konrad Lueg, Sigmar Polke und Gerhard Richter in einem leerstehenden Ladenlokal in der Kaiserstraße 31a eine Ausstellung ihrer Arbeiten, die später als Beginn mehrerer gemeinsamer Aktionen unter dem Label Kapitalistischer Realismus in die Kunstgeschichte einging. Die vier Künstler waren ein Jahr zuvor im Sommersemester 1962 an der Kunstakademie Düsseldorf in der Klasse von K.O. Götz zusammengekommen und suchten daraufhin nach attraktiven Orten zur Präsentation der eigenen Werke abseits der Akademie. Schon in ihrer ersten Show suchten sie mit selbst gewählten Begriffen auf der collagierten Einladungskarte und eigens formulierten Kommentaren im vor Ort ausgelegten Gästebuch („Kein Geld für wilde Tiere“) die Rezeption ihrer Werke zu beeinflussen. In dieser POLKE POST teilen wir einen Auszug aus dem kürzlich im Jubiläumsband zum 250-jährigen Bestehen der Kunstakademie veröffentlichten Aufsatz von Sophia Stang zu dieser ersten gemeinsamen Ausstellung der vier Studierenden, die für Sigmar Polke die erste Ausstellungsbeteiligung überhaupt war. Ihre Rekonstruktion der dort gezeigten Werke birgt einige Überraschungen... Die Fotografien Manfred Kuttners zeigen den gut besuchten Eröffnungstag. (Abb. 1) […] Das Schaufenster der Kaiserstraße präsentierte ein Arrangement aus Manfred Kuttners Heiliger Stuhl (1962, Kat. 47), Konrad Luegs OWO, ein Waschmittelpaket mit umgedrehtem M im Logo, Richters Objekt aus zwei Puppen und Glasrahmen sowie Polkes Massenmedien, ein an einer Schnur aufgehängtes Paket aus zusammengebundenen Illustrierten. Lueg hatte – analog zu Rauschenbergs Solvent Transfer Technik – fragmentierte Motive aus Printmedien, darunter lachende Frauengesichter und Zahnpastatuben, mithilfe von Lösungsmitteln auf die Leinwände übertragen.[1] Die sechs großformatigen Werke, die Konrad Lueg in der Ausstellung zeigte, standen unter unmittelbarem Einfluss der Arbeiten von Robert Rauschenberg, die er und seine Freunde in der Abschiedsausstellung der Galerie 22 im Jahre 1960 gemeinsam mit Werken Cy Twomblys gesehen hatten. Auch Gerhard Richter präsentierte sechs Leinwände, von denen er zwei Werke (Tagebuch und Erschießung) danach noch bei der Vorgartenausstellung in der Galerie Parnass zeigte, bevor er sie vernichtete. Sein ausgestelltes Werk Party (1963) verweise auf das „Fragwürdige, Billige, Flache und ‚Verfaulte‘“ der Vergnügungsgesellschaft. Für das Bild übertrug Richter die Fotografie eines Silvester-Punschs mit dem Schweizer Schlagersänger Vico Torriani in Malerei und verarbeitete dieses mit Schnitten und roter Lackfarbe zu einer, so Yvonne Friedrichs in ihrem Artikel der Rheinischen Post, „bluttriefenden Veranstaltung“.[2]     

Was Sigmar Polke neben dem Objekt im Schaufenster in der Kaiserstraße ausgestellt hatte, wurde bisher nicht rekonstruiert.[3] Vielleicht auch deswegen ist unter dem Stichwort Kapitalistischer Realismus verallgemeinernd von Polkes Rasterbildern, Würstchen, Palmen und Socken die Rede, die die konsum- und gesellschaftskritische Interpretation in besonderem Maße stützen, aber erst später oder gar nicht in betreffenden Ausstellungen der 1960er gezeigt wurden.[4] Polke war der Jüngste unter den Ausstellenden, es war die erste Ausstellungsbeteiligung des 22-jährigen; hier und auch bei den folgenden gemeinsamen Präsentationen fiel seine Beteiligung weniger umfangreich aus.[5] Polke schuf während seines Studiums unter anderem monochrome Papierarbeiten in Tradition der gestischen Malerei und arbeitete nach seinem Orientierungssemester mit der Übermalung von Zeitschriften. Es ist daher nicht abwegig, die vier kleinformatigen, überarbeiteten Zeitungsausschnitte, von denen einer als Werbung für das Haarspray Binafix ausgemacht werden kann, als Werke Polkes zu identifizieren (Abb. 3). Gestützt wird die Vermutung durch Yvonne Friedrichs Ausstellungsrezension zur Kaiserstraße, in der sie Polkes Ausarbeitung „von vorhandenen Illustrierten- und Reklamebildern“ erwähnt: „So wird etwa aus einem hübschen Mannequin (aus einer Modezeitschrift) durch Verwischen des Drucks mit Terpentin eine ‚Madonna‘.“ Ähnlich wie Luegs Werke thematisieren diese Papierarbeiten das Bild der Frau in der Werbung für Haarspray oder Zahnpasta, den konservativen Sexismus der Mode-, Freizeit- und Haushaltsindustrie. Weiter beschreibt Friedrichs: „Gruselige Bilder aus Kriminalgeschichten werden im Ausschnitt pointiert übertragen“.[6] Zwei (keinem der anderen zugeschriebenen) Werke, vor denen Karin und Sigmar Polke von Manfred Kuttner fotografiert werden (Abb. 4), passen zu dieser Beschreibung und sind weiterhin aufgrund stilistischer Kriterien durchaus dem Werk Sigmar Polkes zuzuordnen. Das Bild mit der Darstellung einer Frau und eines Mannes mit der Sprechblase „Du l[i?]ebst solange bis du stirbst“ zeigt Analogien zu seinen frühen Werken wie Bikini Frau oder O.T. (Doppelportrait) (beide 1963) und verweist auf die vielen Darstellungen von Liebespaaren, die ab 1963 entstehen, und die Zeichnungen, in denen Polke die Wirksamkeit der Spannung zwischen Bild und Text erprobt. Für das obere Bild, das eine Frau im Morgenmantel mit einer ebenfalls angedeuteten Sprechblase zeigt, lassen sich weniger Referenzen ausmachen. Allerdings ist es auf einem Foto der Vorgartenausstellung in Wuppertal links an das Gemäuer der Villa Jährling gelehnt erneut zu sehen (Abb. 5); auch das Bild mit den beiden Köpfen steht im Schnee des Vorgarten (Abb. 6).[7] […] ­ ­

Mit Blick auf die tatsächlich ausgestellten Werke, zumal von Lueg und Polke, lässt sich resümieren, dass in der Kaiserstraße nicht die Idole der Kleinbürgerlichkeit präsentiert wurden, die wenig später im Fokus ihres Schaffens und der Rezeption des Kapitalistischen Realismus‘ stehen. Die Lebens- und Konsumgewohnheiten in der Zeit des Wirtschaftswunders waren hier (noch) nicht unbedingt das vorrangige Ziel der künstlerischen Auseinandersetzung, sondern das mediale Zirkulieren von Bildern aus Freizeit und Werbung in der Tradition des informationstechnologischen Interesses K.O. Götzs. Bei der Übertragung in Malerei reflektierten Kuttner, Lueg, Polke und Richter die Technologie der Bilder: Fragmentierung, Vergrößerung, Verwischung, Struktur. In diesem Zusammenhang befragten sie auch das Subjektive des künstlerischen Ausdrucks in der Malerei. Das Klischee offenbart das vermeintlich Objektive. Gepaart mit einem neuen Bewusstsein für die jüngeren Ausdrucksformen Aktion und Happening sowie einer spielerischen Lust am ironischen Kommentar blieb dies gekoppelt an eine Reflexion über die Malerei, die sich als „Optische Täuschung“ und „Vexierbild“ präsentiert.
 
Sophia Stang

[1] Siehe Brigitte Kölle, Die Kunst des Ausstellens. Untersuchungen zum Werk des Künstlers Konrad Fischer/ Lueg (1939–1996), Hildesheim Univ. Diss. 2005, S. 24.  Die sechs Werke sind verzeichnet im Werkverzeichnis: Thomas Kellein (Hg.), Ich nenne mich als Maler Konrad Lueg, Ausst.-Kat. New York 1999/Bielefeld 1999/2000/ Gent 2000, Bielefeld 1999, Nr. 1–6, S. 40–45. Von den ausgestellten Arbeiten sind drei im Nachlass des Künstlers erhalten, die anderen drei verschollen. 
[2] Yvonne Friedrichs, Kulturelle Chronik – Die letzte Masche, in: Rheinische Post, 16.5.1963. Die Fotografie aus der Neuen Illustrierten, 30.12.1962, findet sich in Richters Atlas Tafel 9 eingeklebt.                                          
[3] So z.B. bei Stephan Strsembski, Kapitalistischer Realismus. Objekt und Kritik in der Kunst der 60er Jahre, Köln Univ. Diss. 2008, Hamburg 2010, S. 56, der vermutet, der Kommentar in der Rheinischen Post bezöge sich versehentlich auf Richter. 
[4] Eine detaillierte Analyse seiner Beteiligungen steht noch aus. 
[5] Polke hatte sicherlich bis dahin weniger erarbeitet als etwa Richter, der auf eine Studienzeit an der Dresdner Akademie zurückblicken konnte und bereits zu Beginn seines Studiums in Düsseldorf nach wenigen Monaten des Arbeitsrauschs den Klassenraum nach eigenen Aussagen bis zur Decke mit informellen Arbeiten zugepflastert hatte. Dietmar Elger, Gerhard Richter, Maler, Köln 2002, S. 48, 50. 
[6] Friedrichs 1963 (wie Anm. 2). Kongruent zu deuten ist auch der Kommentar in den Düsseldorfer Nachrichten, 29.5.1963: „Polkes Zusammenstellung von Anzeigenseiten, Comics usw. entbehren noch der Entschlossenheit des Vorgehens. Sie verlieren sehr gegenüber der Schärfe von Richters Bildern.“, zit. n. Strsembski 2010 (wie Anm. 3), S. 60.
[7] Auf den Fotografien der Vorgartenausstellung lassen sich weiterhin Polkes Doppelportrait Fabiola (1964) und Ohne Titel (Hering) / Fischbrötchen (1963, in der ursprünglichen Version mit geigendem Kellner) sicher identifizieren (ZADIK, A5, VIII, 108, 20) und zwei weitere auf dem Boden liegende Werke als mögliche Werke Polkes ausmachen (ZADIK, A5, VIII, 108, 19).
 
 
Der Auszug aus dem im Band Die Kunstakademie Düsseldorf 1773–2023. Kunstgeschichte einer Institution (hg. von Johannes Myssok, Deutscher Kunstverlag, 2024) erschienenen Aufsatz wurde für diese POLKE POST leicht abgeändert.

© der abgebildeten Werke von: Manfred Kuttner © Archiv Kuttner, Erkrath; Konrad Lueg © VG Bild-Kunst, Bonn; Sigmar Polke © The Estate of Sigmar Polke, Köln / VG Bild-Kunst, Bonn; Gerhard Richter © Gerhard Richter 2022