Stipendium 2026 - Violaine Barrois, Invasiver Purpur

Violaine Barrois, Invasiver Purpur. Zukünfte von Material und Pigment bei Rapana venosa

Violaine Barrois (geb. 1984) ist eine bildende Künstlerin, deren Arbeit an der Schnittstelle von Ökologie, Materialgeschichte und kollaborativer Forschung angesiedelt ist. Sie gewinnt Purpurfarbe aus Rapana venosa, einer invasiven Meeresschneckenart im Étang de Berre, und aktiviert damit alte mediterrane Traditionen der Purpurfärbung neu. Als Stipendiatin der Villa Albertine im Jahr 2026 wurde ihre Arbeit international ausgestellt. Sie lebt und arbeitet in der Nähe von Aix-en-Provence.

Während seiner gesamten künstlerischen Laufbahn erforschte Sigmar Polke das transformative Potenzial von Materialien, Pigmenten und chemischen Prozessen. Invasive Purple betrachtet Polkes Biennale Installation Athanor (1986) aus der Perspektive materieller Transformation und Pigmentgeschichte und konzentriert sich dabei auf eine spezifische Fallstudie: die Reaktivierung des Purpurs aus Meeresschnecken – jenes antiken, im Mittelmeerraum aus Murex-Schnecken gewonnenen Farbstoffs – unter Verwendung von Rapana venosa. Die invasive Meeresschneckenart, hat sich erst in jüngerer Zeit im Étang de Berre angesiedelt, einer Lagune im Mittelmeer nahe Marseille, die tiefgreifend von petrochemischer Industrie und Küstenschiffahrt geprägt wurde.

Purpur zählt zu den emblematischsten Pigmenten der antiken Mittelmeerwelt. Seine Herstellung beruhte auf einer komplexen Abfolge von Fermentationsprozessen, enzymatischen Reaktionen, Lichteinwirkung und Oxidation – ein arbeitsintensives Verfahren, das die Farbe zugleich rar machte und politisch auflud.

Länger als ein Jahrtausend war Purpur eng mit imperialer Macht verbunden und wurde in zahlreichen Küstenwerkstätten produziert. Archäologische Funde belegen die Herstellung in Toulon zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 5. Jahrhundert n. Chr. Heute hat sich Rapana venosa – ursprünglich in den Meeren Ostasiens beheimatet und über Treibwasser nach Europa gelangt – in derselben Lagune etabliert, in der diese Traditionen einst verbreitet waren. Ihre Hypobranchialdrüse produziert Tyrindoxylsulfat, denselben biochemischen Vorläuferstoff, den bereits die Phönizier aus Hexaplex trunculus gewannen. Das Molekül ist identisch. Das Tier ist es nicht.
Das Projekt entstand aus einer dreijährigen Forschungsaktion rund um den Étang de Berre, entwickelt in Zusammenarbeit mit Guillaume Marchessaux (IMO – Aix-Marseille Université, CNRS, IRD) und basierend auf den Lehren von Inge Boesken Kanold, Spezialistin für seltene und verlorene historische Farben. Im Rahmen des Projekts wurde ein vollständiges Extraktionsprotokoll entwickelt und erprobt: die Präparation der Hypobranchialdrüse, photochemische Aktivierung, Reduktion des Farbstoffs in einer fermentierenden Färbeküpe sowie die Herstellung eines festen Pigments. Auch die Rezeptur der Purpurküpe, die lange Zeit als weitgehend verloren galt, konnte erfolgreich rekonstruiert werden. Die Forschung wird im Oktober 2026 gemeinsam mit Tom Sidaine (AMU, CNRS) auf dem Kolloquium Penser au bord du monde in Paris unter dem Titel Couleur locale: Rapana venosa – interpréter pour intégrer vorgestellt.
Anstatt Pigment lediglich als Farbe zu verstehen, begreift dieses Projekt Material als aktiven Akteur: instabil, zeitgebunden und ökologisch situiert. Die Transformation von einem farblosen Sekret zu einem tiefen Purpur vollzieht sich innerhalb weniger Minuten unter Sonneneinstrahlung – ein Prozess, der sich nicht vollständig kontrollieren, sondern nur aufmerksam begleiten lässt. Diese Instabilität stellt keine Einschränkung dar, sondern bildet den Kern der künstlerischen Praxis. Gerade hierin liegt die stärkste Resonanz zum Athanor Polkes: Beide Ansätze verstehen Materie als etwas, das sich verwandelt, reagiert und sich einer vollständigen Beherrschung entzieht. Polkes Interesse an verbotenen Pigmenten, toxischen Substanzen und alchemistischen Verfahren war keineswegs bloß metaphorischer Natur. Seine Materialien interagieren auf unvorhersehbare Weise, Oberflächen verändern sich im Laufe der Zeit, und Stoffe erzeugen Effekte, die die ursprüngliche Intention überschreiten. Invasive Purple knüpft an diese Haltung an und verankert sie zugleich in ökologischen Fragestellungen. Polkes Auseinandersetzung mit Bildverzerrungen, veränderten Wahrnehmungszuständen und gefährlichen Materialien findet ein direktes Gegenstück in der Instabilität und biologischen Wirkmacht des Purpurs aus Meeresschnecken – eines Sekrets, das brennt, färbt und nach Schwefel riecht, bevor es überhaupt zur Farbe wird. Indem das Projekt eine antike Farbe aus einem invasiven Organismus gewinnt, hinterfragt es vorherrschende ökologische Narrative. Anstatt einer vermeintlich reinen Natur eine von außen kommende Störung gegenüberzustellen, versteht es Rapana venosa als materiellen Zeugen jener globalen Zirkulation von Waren, Ballastwasser und industriellen Infrastrukturen, die das Anthropozän prägen. Die invasive Art wird damit zu einer Offenbarerin – nicht zu einem Problem, das beseitigt werden muss, sondern zu einem Symptom, das gelesen, bearbeitet und in Pigment verwandelt werden kann. Die Gegenüberstellung dieser Forschung mit Athanor ermöglicht es schließlich, Polkes Werk als Teil einer längeren Geschichte künstlerischer Auseinandersetzungen mit transformativen Substanzen zu begreifen. Seine materiellen Experimente treten dabei in einen Dialog mit gegenwärtiger Pigmentforschung, in der Chemie, Ökologie und kulturelles Erbe nicht länger voneinander zu trennen sind.