Stipendium 2025 - Francesca Valentini, Phd, Die Alchemie der Repräsentation: Sigmar Polke in Venedig

Francesca Valentini, Phd, Die Alchemie der Repräsentation: Sigmar Polke in Venedig

Francesca Valentini | © Foto: Andrea Guermani

Francesca Valentini ist Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin mit Schwerpunkt auf Moderne und zeitgenössische Kunst. Sie lehrt Geschichte der Fotografie an der École Supérieure des Arts de l’image LE 75 in Brüssel, wo sie auch für das Qualitäts- und Nachhaltigkeitsmanagement zuständig ist. Zu ihren Forschungsinteressen gehören Künstler:innenpublikationen, die Geschichte und gesellschaftspolitische Relevanz internationaler Ausstellungen (mit Fokus auf die Biennale von Venedig) sowie Kunstpädagogik und Künstlerische Bildung. Ihr nächstes Buch Art Book, Artist's Book, Exhibition Catalogue ist in Vorbereitung (Köln: König).

Die Alchemie der Repräsentation: Sigmar Polke in Venedig untersucht die durchgehende Beziehung des Künstlers zur Biennale von Venedig und konzentriert sich insbesondere auf Athanor (1986), eine ortsspezifische Installation, die Polke für den Deutschen Pavillon auf der 42. Biennale di Venezia schuf. Das Projekt zielt darauf ab, Polkes Präsenz in Venedig zu katalogisieren und zu kontextualisieren sowie zu bewerten, wie Athanor das Konzept der nationalen Repräsentation im Laufe der Zeit reflektiert und bricht – vom geteilten Deutschland der 1980er Jahre bis zu zeitgenössischen Kritiken wie Maria Eichhorns Relocating a Structure (2022). Polkes Teilnahme an der Biennale war regelmäßig und bedeutsam. Er debütierte 1980 mit Kartoffelhaus (1967), Grattacielo (1968) und Incontro telepatico (1968) und kehrte 1986 als offizieller Vertreter der Bundesrepublik Deutschland nach Venedig zurück.

In diesem entscheidenden Jahr stellte er Athanor vor – eine Gruppe von Arbeiten, die nach dem alchemistischen Ofen benannt ist, der die Transformation und das langwierige Experimentieren symbolisiert. Eingebettet in die strenge neoklassizistische Struktur des Deutschen Pavillons (1938 unter der Naziherrschaft erbaut) erhielt Athanor eine starke politische und räumliche Bedeutung.

An der Außenwand des Pavillons begrüßte die Arbeit Polizeischwein (1986) die Besucher*innen, provokativ neben der frisch angebrachten Aufschrift „Bundesrepublik Deutschland” – ein Detail, das mit dem Kalten Krieg in Verbindung gebracht wurde, da Ost- und Westdeutschland damals getrennt auf der Biennale ausstellten.
Obwohl Polke den gesamten Pavillon mit seiner anspruchsvollen Installation aktivierte, wurde er nicht mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Pavillon ausgezeichnet. Stattdessen erhielt er einen der beiden Goldenen Löwen als bester Künstler. Diese Entscheidung der Jury kann als eine subtile Umdeutung von Polkes Arbeit verstanden werden, die so weniger als nationales Statement denn als individueller Akt der Transformation gedeutet wird.
Seine Verbindung zu Venedig bestand auch nach 1986 fort. 1993 zeigte Polke im Rahmen von „Araldico“ drei monumentale Gemälde neben Buren, Clemente und Twombly. Er kehrte 1999, 2003 und 2007 mit der bemerkenswerten Serie Achsenzeit – sieben riesige Leinwände, die in der leuchtenden Haupthalle des Palazzo delle Esposizioni installiert waren. 2011 widmete Bice Curiger, die künstlerische Leiterin der 54. Biennale von Venedig und eine langjährige Bewunderin Polkes, dem Künstler einen ganzen Raum in der internationalen Ausstellung in den Giardini. Neben fünf Werken aus dem Jahr 2007 wählte sie schließlich auch die Arbeit Polizeischwein von 1986 aus, um eine Verbindung zu Athanor herzustellen und die Kontinuität von Polkes Themen zu betonen: nationale Identität, Ironie und Transformation. Curigers Ausstellung „ILLUMInations“ hinterfragte die Relevanz nationaler Pavillons ausdrücklich und lud die Betrachter*innen dazu ein, Künstler*innen als intellektuelle und spirituelle Quellen zu begreifen – was ihre Auswahl von Polizeischwein umso eindrucksvoller macht.
In einem Interview aus dem Jahr 1984 tauschten sich Curiger und Polke mit trockener Ironie über nationale Identität aus – Aussagen, die mit Blick auf Athanor und dem spezifischen Kontext der Biennale von Venedig neue Bedeutung gewinnen.[1] Von den Teilungen des Kalten Krieges bis zu gegenwärtigen Debatten über Postnationalismus wirken Polkes Interventionen zugleich historisch verankert und vorausschauend relevant.

Das Stipendium der Anna Polke-Stiftung bietet mir die Möglichkeit, meine Forschungen in vielfältiger Hinsicht zu vertiefen und zu erweitern. Es ermöglicht mir eine umfangreiche Archivarbeit im ASAC – dem Historischen Archiv für Zeitgenössische Kunst der Venedig-Biennale – mit besonderem Augenmerk auf Polkes wiederholte Teilnahmen, allen voran auf seine Arbeit Athanor von 1986. Darüber hinaus erhalte ich Zugang zu den Archiven der Anna Polke-Stiftung, die Materialien mit direktem Bezug zu Athanor sowie eine umfangreichere Dokumentation von Polkes Teilnahmen an der Biennale von Venedig über die Jahre hinweg enthalten.
Aufgrund meiner langjährigen Mitwirkung an der Biennale, sowohl als Kunstvermittlerin wie auch als Forscherin, beabsichtige ich, die Archivrecherche in den Kontext der breiteren Geschichte der venezianischen Institution, der aufkommenden Debatten um das Konzept der nationalen Repräsentation sowie der (historischen) Relevanz nationaler Pavillons zu stellen. In einem abschließenden kritischen Essay werde ich die anhaltende Bedeutung von Athanor sowie deren Wirkung in zeitgenössischen Diskussionen über Identität, Nationalität und künstlerische Handlungsmacht untersuchen. Parallel dazu plane ich die Produktion eines Podcasts, um diese Forschung einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und komplexe Ideen in eine anschauliche und anregende Erzählung zu übersetzen. Auf diese Weise hoffe ich, nicht nur Polkes Vermächtnis mit einer breiteren Öffentlichkeit zu teilen, sondern auch einen Dialog darüber anzustoßen, wie Kunst die Strukturen, die unser kollektives Verständnis von der Welt bestimmen, beleuchten – und herausfordern – kann.

[1] „Ein Bild ist an sich schon eine Gemeinheit: Bice Curiger im Gespräch mit Sigmar Polke“, Parkett, Nr. 26 (1990): 6–16, 11–12; erstmals veröffentlicht in Art Press, Nr. 91, April 1985.