Polke Post 20 - Launch Reader: Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle Perspektiven

POLKE POST 20
Launch Reader: Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle Perspektiven

Mit großer Freude kündigen wir das Erscheinen unserer neuen Publikation an:
Reader: Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle Perspektiven ist ab sofort erhältlich im DISTANZ-Verlag. 
 
Der Reader versammelt die Beiträge von internationalen Wissenschaftler:innen und Künstler:innen zu unserem Online-Festival. Bice Curiger, Camille Henrot, Sandra Neugärtner, Alexander Kluge, Magnus Schäfer, Daniel Spaulding u.a. untersuchen in Kommentaren, Gesprächen oder Essays Polkes Werk und dessen Bildkontexte und ziehen Verbindungen zur gegenwärtigen Kunstproduktion. Ergänzt werden diese um neue Texte von Lilian Haberer, Adam Jasper, Franziska Kunze, Charlotte Lang und Gabriele Wix, die das unerschöpfliche Potential der Bildstörung nicht nur für Polkes Kunst herausstellen.

Die Gruppenausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf (2021/22), der begleitende Katalog, ein umfangreiches Rahmenprogramm sowie Kooperationen mit der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der Kunstakademie Düsseldorf und das Online-Festival haben das Jubiläumsprojekt zu dem gemacht, was wir mit der vorliegenden zweiten Publikation feiern möchten: einen Anstoß zur anhaltenden Beschäftigung mit dem Werk von Sigmar Polke. 
 
Unser herzlicher Dank gilt den Autor:innen, Fotograf:innen, Lektor:innen, Übersetzer:innen, dem Team von DISTANZ sowie Petra Hollenbach und Thomas Spallek für die Gestaltung. 
 
Mit zwei Launch-Veranstaltungen feiern wir das Erscheinen des Buchs:
 
Samstag, 29. April 2023, 11.30 Uhr, DISTANZ, Berlin:
Breakfast-Talk mit Bice Curiger und Raphael Hefti
 
Dienstag, 2. Mai 2023, 19 Uhr, Kunsthalle Düsseldorf / Salon des Amateurs:
Nelly Gawellek im Gespräch mit Lilian Haberer und Franziska Kunze   ­ ­

Reader: Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle Perspektiven | © Foto: Nadine Schwickart

Im Folgenden ein Auszug aus dem Text von Franziska Kunze, die Sigmar Polkes manipulierte Aufnahmen des deutschen Biennale-Pavillons untersucht und als „aktive, vielleicht sogar aktivistische Art der Fotografie“ interpretiert: ­ ­ ­ ­

Sigmar Polke, Pavillon Biennale Venedig
Sigmar Polke, Pavillon Biennale Venedig, 1986, Silbergelatineabzug, 30,8 × 40,4 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München  | © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn

[Sigmar] Polke entstammt der zweiten Generation von Künstler:innen, die seit Kriegsende nach Bildfindungen jenseits des Mimetischen suchten und sich dabei kritisch mit den Vor-Bildern auseinandersetzten, die sie den Massenmedien entnahmen, um sie anschließend zu transformieren. […] Ebenso wie andere Künstler:innen ihrer Generation stellten sie die scheinbaren Wahrheitsgaranten aus Pressemeldungen bloß und entlarvten die Konstruiertheit des fotografischen Bildes mit malerischen Mitteln. […] Die Besonderheit [von Polkes] Biennale-Beitrags bestand darin, dass die ausgestellten Bildwerke sich permanent veränderten, da die chemischen Materialverbindungen auf die Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Ausstellungsraum reagierten.[1] Für seine Recherchen hatte sich Polke Monate zuvor an diesen Ort begeben, ihn auf sich wirken lassen und fotografiert.[2] 
Das Diktum der Metamorphose, unter dem sein Beitrag stand, kam bereits hier zum Tragen. Polke hob im analogen Entwicklungsprozess nicht nur das latente Bild aus der Unsichtbarkeit, sondern beschwor auch die Geister der Vergangenheit. Immer wieder hatte er sich in seiner Kunst mit dem Okkulten auseinandergesetzt und auf es Bezug genommen. Nicht nur die Bilder selbst, sondern auch deren Titel wie Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen! (1969) oder Tischerücken (1981) stehen für diesen Hang zum Transzendenten. Dienten ihm in der Malerei Pinsel und Farben als Zauberstab, waren es in der Fotografie Kamera und Entwicklerflüssigkeiten. Mit diesen belebte er die Tradition der Geisterfotografie wieder, die Ende des 19. Jahrhunderts Hochkonjunktur gefeiert hatte.[3] Polke tritt während dieser Vorbereitung in doppelter Rolle in Erscheinung: der des geisterbeschwörenden Mediums einerseits und des Fotografen andererseits, der nur ihm sichtbar Erscheinendes in die Sphäre der allgemeinen Sichtbarkeit zu manövrieren vermag.

Der Künstler konterkariert hintersinnig die so sorgsam etablierte Kernaufgabe der Fotografie, Realität abzubilden, und führt sie ad absurdum. Er kombinierte Negative, die Eindrücke des Pavillons wiedergeben, mit anderen Aufnahmen von Elementen und Spuren, die vor Ort seine Aufmerksamkeit erregten[4]: ein Schaum ungewissen Ursprungs oder eine gesprungene Glasscheibe. Im sogenannten Sandwichverfahren legte er die Negative übereinander und überlagerte damit auch die Bedeutungsebenen, schuf Zwischenzonen, die den Ort des Geschehens kommentierten und einordneten – als von der Woge der Vergangenheit überschwemmt, als gebrochen. […]

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[1] Vgl. Dierk Stemmler (Hg.), Sigmar Polke: Athanor. Il Padiglione, Ausst.-Kat. XLII. Biennale di Venezia 1986, Düsseldorf 1986, o. P.
[2] Vgl. Jürgen Hohmeyer: „,Es wird sich schon was zeigen‘ – Jürgen Hohmeyer über den deutschen Biennale-Teilnehmer Sigmar Polke“, in: Der Spiegel, Nr. 26, 1986, S. 160–163, hier S. 161.
[3] Dazu ausführlicher in: Erhard Schüttpelz, „Empfindliche Materie. Geisterfotografie als Geisterangriff (Großbritannien 1872)“, in: Fotogeschichte, Nr. 84, 2002, S. 59–70.
[4] Vgl. Dierk Stemmler (Hg.), Sigmar Polke: Athanor. Il Padiglione, Ausst.-Kat. XLII. Biennale di Venezia 1986, Düsseldorf 1986, o. P.

Auszug aus: Franziska Kunze, „Sigmar Polkes Materialisierungsstrategien von Vergangenheitsphantasmen", in: Reader: Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle Perspektiven, Berlin, 2023, S. 163–166, hier S.164.