Wir gratulieren unseren diesjährigen Stipendiat:innen Gökcan Demirkazık (University of California, Los Angeles), Joanna Nencek (Künstlerin, Essen) und Mona Schubert (a.r.t.e.s. Graduate School, Köln).
Mona Schubert forscht im Rahmen ihrer Promotion „(Re-)Konstruktion eines Mediums. Fotografie auf der documenta” zu fotografischen Praktiken der 1970er Jahre und wird Sigmar Polkes Fotoserie São Paulo einer Analyse unterziehen. Wir sind schon jetzt gespannt auf ihre Forschungsergebnisse und teilen hier einen Auszug aus ihrem Exposé.
Polke Post 26 - Die Projekte unserer aktuellen Stipendiat:innen: Queering Visions? Sigmar Polke’s Fotoserie São Paulo (1975) u.a.
POLKE POST 26:
Gökcan Demirkazık, Joanna Nencek und Mona Schubert sind die Stipendiat:innen im Jahr 2024
Queering Visions? Sigmar Polkes Fotoserie São Paulo (1975)
Während der Laufzeit der 13. Bienal de São Paulo 1975, begleitete Sigmar Polke den Künstler Blinky Palermo und Evelyn Weiss, Kuratorin der westdeutschen Beiträge, bei einem Stadtspaziergang. Dabei fertigte Polke seine Fotoserie São Paulo an, die eine Schwulenbar der brasilianischen Metropole und ihre Besucher*innen ins Zentrum rückt. Bei genauerer Betrachtung der spontan entstandenen Aufnahmen stellt sich die Frage, ob das fotografische Erfassen dieser queeren Gemeinschaft in einem ihm fremden kulturellen Kontext als widerständig, als voyeuristisch oder sogar kolonial gefärbt betrachtet werden kann. Denn die LGBTQIA+-Szene im von der Militärdiktatur geführten Land benötigte diese Schutzräume, da sie sich zum damaligen Zeitpunkt in der Öffentlichkeit nie so frei präsentieren konnte. [1] Auch wenn homosexuelle Handlungen bereits seit 1823 in Brasilien nicht mehr juristisch verfolgt wurden, so wurde die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung in São Paulo erst 2003, rund 30 Jahre nach Polkes fotografischer Annäherung, verboten. Gleichsam war auch die brasilianische Kunstszene, insbesondere die Bienal de São Paulo, in den 1970er Jahren von starker Zensur betroffen, der lokale Künstler*innen nur sehr subtil begegnen konnten, wie Isobel Whitelegg jüngst dargelegt hat. [2] (...)
Für meine Auseinandersetzung lassen sich zunächst auf die Fotografie bezogene queer- theoretische Ansätze heranziehen. Aus intersektionaler Perspektive wäre anzumerken, dass das Fotografieren queerer Menschen des Globalen Südens aus Perspektive eines heterosexuellen, cis-männlichen und westlich geprägten Blicks die Gefahr birgt, diese Gemeinschaft zu objektivieren und zu reduzieren, indem sie als andersartig dargestellt werden. Auf der anderen Seite würde eine solche Reduzierung von Polkes Perspektive das subversive Potential seiner Aufnahmen zu oberflächlich behandeln. Susanne Huber rückt von dieser essentialistischen Betrachtungsweise ab und argumentiert in der Blog-Serie Snaps from a Queer Angle, dass ein queeres Kunstwerk nicht zwangsläufig eine queere Autor*innenschaft erfordert und auch queere Künstler*innen hegemoniale Gesellschaftsordnungen aufrechterhalten können. [3] Der Begriff „queer“ bezeichnet, wie Huber betont, sowohl eine Handlung als auch eine Haltung, die konventionelle Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität zu destabilisieren versucht. Daher ist es wichtig, Polkes Position innerhalb der westdeutschen Fotoszene zu konkretisieren, die sich insbesondere in den 1970er Jahren verstärkt mit Geschlechtsidentitäten, binären Rollenverteilungen und sexueller Orientierung auseinandersetzte. Der Thematik nahm sich jüngst die Gruppenausstellung Stereo_Typen, die 2019 im Kunstmuseum in Bonn stattfand, näher an, in die auch Polkes Fotoserie Weihnachten bei Polke von 1973 eingebunden wurde. [4] Polkes zwei Jahre später entstandene Fotoserie São Paulo ist somit weniger als alleinstehendes Phänomen zu begreifen, sondern muss als Teil der innerdeutschen, künstlerischen Auseinandersetzungen und im Kontext seiner vorherigen, individuellen Projekte betrachtet werden. (…)
Hier lohnt sich ein Vergleich mit weiteren Fotoarbeiten Polkes, wie jene während eines Road Trips durch Afghanistan und Pakistan angefertigten Aufnahmen, die vor der brasilianischen Biennale entstanden sind und an die historische ‚Orientfotografie‘ des 19. Jahrhunderts anknüpfen. [5] Dabei zeigt sich einerseits eine über sexuelle Orientierung herausgehende, interkulturelle Auseinandersetzung, andererseits lassen sich durch die darin aufgeworfenen Problematiken der westlichen Exotisierung des ‚Orients‘, respektive des ‚Anderen‘, Verbindungslinien nach Brasilien ziehen.
Aber auch die ethischen Problematiken der insbesondere nach der Professionalisierung der Kleinbildkameras boomenden Street Photography sollen diskutiert werden. Dazu gehört etwa der Balanceakt zwischen der künstlerischen Freiheit Polkes und dem Recht der Fotografierten auf Privatsphäre, [6] die auch Polkes nicht-nachbearbeiteten New Yorker Aufnahmen von zum Teil schlafenden, obdachlosen Menschen, New Yorker Bettler (1974), aufwerfen.
Die in Kürze skizzierten fotohistorischen und -theoretischen Diskurse sollen mit einer materialbasierten Betrachtung zusammengedacht werden, die die Opazität der Fotografien als künstlerische Strategie nach dem 2019 publizierten Ansatz von Franziska Kunze unter die Lupe nimmt. [7] Daraus ergeben sich verschiedene zentrale Fragen, die man anhand der Fotoserie São Paulo durchleuchten kann: Was bedeuten die von Polke im Nachgang vorgenommenen chemischen Manipulationen des, wie eingangs skizziert, heiklen Aufnahmematerials? Sind sie inhaltlich, als durchkreuzende, gar als schützende Bildschicht zu denken? Oder aber sind sie den medienspezifischen Auseinandersetzungen der 1970er Jahre geschuldet, die mit der lange Zeit diskursbestimmenden Greenberg’schen Abbilddoktrin [8] einer möglichst detailgetreuen und unverzerrten fotografischen Aufnahme brachen?
Mona Schubert
[1] Siehe dazu weiterführend: James N. Green, „‘Who Is the Macho Who Wants to Kill Me?‘ Male Homosexuality, Revolutionary Masculinity,and the Brazilian Armed Struggle of the 1960s and 1970s“, in: Hispanic American Historical Review, Jg. 92, Nr. 3, S. 437-469.
[2] Isobel Whitelegg, „How to Talk About Biennials That Don’t Exist: Reassembling the Twelfth São Paulo Biennial (1973)“, in: Tate Papers, Nr. 34, 2021-2022, https://www.tate.org.uk/research/tate-papers/34/biennials- that-dont-exist-reassembling-twelfth-sao-paulo-biennial-1973, alle Links vom 15.4.2024.
[3] Susanne Huber, „Act and Position“, in: Snaps from a Queer Angle, Still Searching… Blog des Fotomuseum Winterthur, 21.08.2020, https://www.fotomuseum.ch/de/2020/08/21/act-and-position/
[4] Peter Backof, „Die Ausstellung ‚Stereo_Typen‘. Überwindung des Geschlechts“, in: Deutschlandfunk, 25.3.2019, https://www.deutschlandfunk.de/die-ausstellung-stereo-typen-ueberwindung-des-geschlechts-100.html
[5] Siehe dazu weiterführend: Silke Lemmes u. Nina Weimer (Hg.), Sigmar Polke. Road trip through the Middle East. Pictorial Photography from Afghanistan and Pakistan, Ausst.-Kat. Sies + Höke, Düsseldorf 2020.
[6] Lorenz Müller-Tamm, Street Photography und Persönlichkeitsrecht, Baden-Baden: Nomos 2023 [= Bild und Recht - Studien zur Regulierung des Visuellen, Bd. 12].
[7] Franziska Kunze, Opake Fotografien. Das Sichtbarmachen fotografischer Materialität als künstlerische Strategie, Reimer: Berlin 2019.
[8] Clement Greenberg, „Das Glasauge der Kamera [= „The Camera‘s Glas Eye“, 1946], S. 107-113 u. ders., „Vier Fotografen“ [= „Four Photographs“, 1964], in: ders. (Hg.), Essenz der Moderne. Ausgewählte Essays und Kritiken, Amsterdam u. Dresden: Verlag der Kunst G+B Fine Arts 1997, S. 336-343.