Polke Post 9 - „Leicht kann jeder!“ Mike Karstens über seine Zusammenarbeit mit Sigmar Polke

POLKE POST 9
„Leicht kann jeder!“

Einige Tage vor Sigmar Polkes Tod treffen Mike Karstens und der Künstler im Frühsommer 2010 ein letztes Mal in Köln zusammen und besprechen Pläne für ein gemeinsames Ausstellungsprojekt. Auf Überlegungen, welchen Titel die Ausstellung haben könne, konstatiert Polke: „Leicht kann jeder!“. Er erklärt Mike Karstens warum er diesen Ausruf so geeignet findet: „Das wissen Sie nicht mehr, oder? Als wir damals die Arbeit gemacht haben mit dem Eisberg, habe ich Sie zwischendurch angerufen und wollte mal hören wie es voran geht. Und da haben Sie so gestöhnt, das wäre die Pest. Und da hab ich dann gesagt: ‚Tja, leicht kann jeder‘.“[1]

In #9 unserer POLKE POST wollen wir gleich zu Beginn unser Augenmerk voller Optimismus auf das gerade angebrochene 2021 richten. Wir alle sehnen uns bessere Zeiten für unsere Gesellschaft und die Kultur herbei; so hoffen wir viele wunderbare Projekte der Stiftung in diesem Jahr zu realisieren. Den Anfang macht am 4. Februar 2021 ein Gespräch zwischen Anna Polke, Mike Karstens und Christian Spies, das den Auftakt unserer in Kooperation mit der Universität zu Köln entstandenen Veranstaltungsreihe POLKE SALON bildet. Dass wir Sie wie geplant als Publikum in unseren Stiftungsräumen werden begrüßen können, ist vor dem Hintergrund der aktuellen Lage leider mehr als ungewiss. In jedem Fall aber werden sich diese drei Gesprächspartner*innen in einen Dialog über und mit dem Werk Sigmar Polkes begeben und sich besonders über die Entstehung seiner Grafik und Malerei austauschen. Auch wenn Sie nicht vor Ort sein können, können Sie an dem Gesprächsabend teilhaben, denn dieser und die folgenden Termine des POLKE SALON werden aufgezeichnet und im Anschluss auf unserer Website veröffentlicht. Dort werden wir Sie ebenfalls kurzfristig über die Möglichkeit informieren, ob die Veranstaltungen öffentlich stattfinden können. 

Als kleinen Vorgeschmack lesen Sie nun in dieser POLKE POST über die Entstehungsgeschichte von Sigmar Polkes Eisberg (2001)[2], das zu den ersten Projekten gehörte, die er mit Mike Karstens realisierte. Grundlage hierfür bildet ein Gespräch von Anna Polke mit Mike Karstens: Dieses ist Teil des Oral Art History-Projekts der Anna Polke-Stiftung So sitzen Sie richtig. Über Sigmar Polke sprechen, das die Stimmen, Eindrücke und Erzählungen von Wegbegleiter:innen, Freund:innen und Zeitgenoss:innen Sigmar Polkes dokumentiert. 

Sigmar Polke und Mike Karstens im Atelier in Köln
Sigmar Polke und Mike Karstens, Köln, 2006 | © Foto: Wolfgang Morell

­Im Jahr 2000 begann die Zusammenarbeit von Sigmar Polke und Mike Karstens, die ihre produktive Spannung insbesondere durch das Ausloten von (Un-)Möglichkeiten erlangte. „Er hat ja eigentlich immer nur probiert. Er hat alles probiert. Und so hat er das transportieren können in das Medium Druck. Es war natürlich zum Teil Wahnsinn. […] So haben wir gearbeitet. Es ist sehr oft nach ‚trial and error‘ gegangen.“ Bereits bei ihrem ersten durch Linde Rohr-Bongard[3] initiierten Kennenlernen hat sich Sigmar Polke der Courage des gelernten Druckers versichert. Polke habe angesprochen, die Drucker:innen würden ihm immer auf seine ungewöhnlichen Vorhaben antworten, das gehe so nicht. Er habe Karstens gewarnt: „Aber, kommen Sie mir nicht so!“. Karstens antwortete: „Nein, ich sage immer, ich weiß nicht wie es geht.“ Bei dieser heuristischen Herangehensweise wurden also alle Optionen erprobt, in oft lang andauernden Arbeitsprozessen mit Rückschlägen und Zwischenschritten zum Ergebnis hingearbeitet. So ist es sicher auch das gemeinsame Suchen und Finden von Materialien und das losgelöst von etablierten Kategorien gedachte Experimentieren damit, das die gemeinsame Realisierung von Grafikeditionen prägte. „Man muss Lust auf Experiment haben. Das war bei Sigmar Polke so ausgeprägt wie bei keinem anderen. Da durftest du was probieren und es gab auch Sackgassen. Und wir haben dann eigentlich alles hingekriegt, was wir wollten, auf welchem Weg auch immer.“

Eines dieser aufwändigen Druckwerke war der Eisberg, das Mike Karstens als zweite Polke-Arbeit für die Jürgen Becker Galerie im Jahr 2001 umsetzte. Ausgangspunkt der Edition waren drei Fotokopien mit dem Motiv eines Eisbergs. Bei den insbesondere seit den 1990er Jahren entstandenen manipulierten Xerox-Arbeiten bewegte Sigmar Polke die jeweilige Vorlage beim Kopiervorgang. Die dadurch erzeugten Motivveränderungen – Verzerrungen, Überdehnungen, Stauchungen – sind jedoch kein Produkt des Zufalls; jedes Blatt ist das Ergebnis eines vielzählige Male wiederholten Vorgangs und des akribischen Blicks des Künstlers.

Die Blätter offenbaren, als Ergebnis des Zusammenwirkens von maschineller und manueller Technik, eben diese Prozesshaftigkeit: Das Motiv gerät durch die Aneignung in heftige Bewegung, die Naturgewalt schmilzt.

Im Folgenden beschreibt Mike Karstens die Entstehungsgeschichte und wie dieser Umgang mit der Reproduktion dem Eisberg die charakteristische Transparenz und Vibration verlieh: „Es sollten eigentlich drei Blätter werden, wir kamen aber ziemlich schnell darauf, dass es auch gehen kann, dass man sie in ein Blatt bringt. Da sagte er, das mache ich jetzt anders, da will ich wie durch ein Fenster rausschauen, durch drei Fenster. Das Problem war dabei, dass diese Fotokopien schon sehr fein in den Grauwerten waren. Man muss wissen, wenn man von einer Kopie eine Kopie macht und dann davon wieder eine Kopie, dann wird es immer verhärteter und es bricht immer mehr an feinen Tönen weg. […] Aber das kann man mit weichem Film wieder hinkriegen, wenn man sich etwas auskennt. Und da kamen wir dann darauf – auf die relativ verrückte Idee, muss ich sagen – das Ganze nicht zu drucken, sondern in der Ebene zu bleiben. Und zwar nicht auf Fotopapier rückzubelichten, sondern auf Reproduktionsfilm, der seidenmatt, aber transparent war. In der Größe. […] völlig wahnsinnig, das Ganze. Das habe ich dann in der Dunkelkammer gemacht. Damals gab es jemanden, der einen riesigen Vergrößerer hatte, damit konnte man bis zu einer Größe von zwei Metern wieder rückvergrößern. Der auch wusste, dass ich das selbst kann. Der mich auch in die Werkstatt gelassen hat. Da habe ich also tagelang in der Werkstatt Vergrößerungen gemacht. Und gewässert, fixiert, alles irrsinnig. Das waren ja diese ganz großen Lappen. Wir kamen uns vor wie ein Albatros irgendwann, du hattest nachher Muskelkater in den Armen. Und diese Reprofilme – viele glauben heute ja, das ist gedruckt; es wird immer wieder falsch beschrieben als Druck auf Synthetik Papier, aber es ist Film.“ 

Nicht nur durch den Wunsch nach Durchsicht, die Nähe zu Glas und Film, das Changieren zwischen künstlerischen Medien, sondern letztlich auch durch den im nächsten Produktionsschritt noch entstandenen farbigen Hinterdruck des Reprofilmmaterials kulminieren in der Arbeit Eisberg zahlreiche Aspekte von Sigmar Polkes künstlerischem Schaffen. Mike Karstens beschreibt die besonderen Anforderungen, die bis zur Fertigstellung der Edition getreu dem Leitspruch ‚trial and error‘ gemeistert werden mussten, nachdem der erste versuchte Farbdruck nicht hielt: „Als ich nach zwei, drei Tagen diesen Probedruck in die Hand nahm, da fiel mir die Farbe runter. So ein Glück. Wenn wir das alles gemacht hätten …. so war klar: Das ist die falsche Farbe auf dem Material. Aber es gab ja gar keine Farbe, die auf Reprofilm hält. Das ist ja auch Unsinn. Das hat noch nie jemand gemacht vorher. Also haben wir dann verschiedene Farbsysteme ausprobiert und dann jeweils immer eine Woche gewartet. Das dritte Farbsystem war dann auch kratzfest, schon nach zwei Tagen und auch noch nach einer Woche und das ist bis heute so. Und die Farbe haben wir dann genommen. […] Und es ist dann auch eine sehr schöne Edition geworden und hochgesucht im Markt. Es ist nur eine 60er Auflage, die sich aufteilt in vier Farbstellungen. Es ist also eigentlich eine Auflage von 15 × 4. Es gibt wenige, die alle vier Farbstellungen haben.“

Sigmar Polkes Werk ist gekennzeichnet durch Überlagerungen, durch die Arbeit mit mehreren Schichten, auch in der Druckgrafik. Auf diese Weise entstand auf dem ungewöhnlichen transparenten Trägermaterial das Triptychon Eisberg, dessen Teile sich ineinander winden und fließen. Die Überlagerungen führen vor, dass sich alles bewegt, auch der Kopf, so Polke. Er hatte Bice Curiger erläutert, dass seine Bilder sich ständig verändern: „Du musst schnell gucken. Bei meinen Bildern musst du sehr schnell gucken. […] Ein Bild wird erst zum Bild, wenn man das seinige dazutut. Bei veränderlichen Bildern musst Du Dich selber da hineinbringen, damit Du mitfliessen kannst.“[4] Zu dieser gewünschten Art des Sehens gehört auch die Bewegung der Betrachter*innen im Raum und ihre Blicke, die das schmelzende Eis begleiten. Die Installation aller vier Varianten – weiß, türkis, blau und flieder – kann nach hoffentlich baldiger Wiedereröffnung der Museen in der neu eingerichteten Sammlungspräsentation des Kunstraum am Limes in Hillscheid (Installationsansichten auf der Website) erlebt werden.
 
                                                                                                                     

[1] Sigmar Polke wiedergegeben von Mike Karstens, im Gespräch mit Anna Polke, Münster 2011, Archiv der Anna Polke-Stiftung. Diesem Interview sind auch alle weiteren zitierten oder paraphrasierten Äußerungen Mike Karstens entnommen. 
[2] Sigmar Polke, Eisberg, 2001, Farbserigrafie auf und hinter Reproduktionsfilmmaterial, 68 × 142 cm, Auflage: 60.
[3] Die Kunstjournalistin Linde Rohr-Bongard verantwortet seit 1985 den Kunstkompass. In ihrem Auftrag entstand 2000 als Ergebnis der ersten Realisierung einer Edition Sigmar Polkes durch Mike Karstens S.H. oder die Liebe zum Stoff in 15 Variationen für Capital.
[4] Sigmar Polke zit. n.: Ein Bild ist an sich schon eine Gemeinheit. Bice Curiger im Gespräch mit Sigmar Polke. 18. Dezember 1984, in: Parkett Nr. 26, Zürich 1990, S. 15.