Polke Post 7 - Zum 10. Todestag von Sigmar Polke, Jacqueline Burckhardt über Sigmar Polkes Kirchenfenster im Zürcher Großmünster

POLKE POST 7
Sigmar Polkes Fenster für das Grossmünster Zürich

­In der POLKE POST 7 wollen wir in Andenken an Sigmar Polke, der am 10. Juni 2010 verstorben ist, gemeinsam mit Jacqueline Burckhardt eine Zeitreise unternehmen, die uns vom zehnten Todestag Polkes bis an den Anfang der Menschheitsgeschichte führt – von wo aus sich wiederum gleich mehrere Fenster zur Zukunft öffnen.

Jacqueline Burckhardt (*1947) ist Restauratorin und Kunsthistorikerin, eine langjährige Freundin Polkes. Im Rahmen des Oral Art History-Projekts So sitzen Sie richtig der Anna Polke-Stiftung erzählt sie von ihrem Weg zur Kunst, ihrer Begegnung mit Sigmar Polke und den gemeinsamen Projekten.
Einen möglichen Hinweis auf eine geistige Verwandtschaft mit Sigmar Polke, den sie Ende der 1970er Jahre in Zürich traf, finden wir schon früh in ihrer Biografie: Fasziniert von den Ruinen ihrer temporären Heimatstadt Rom, wollte sie bereits als Kind Feldarchäologin werden. Nach ihrem Studium der Restaurierung in Rom und der Kunstgeschichte in Zürich fand sie dort in den 1970er Jahren immer mehr Zugang zur zeitgenössischen Kunst. Dabei wurde ihr klar: „Es gibt nicht die historische oder die zeitgenössische Kunst, es gibt nur DIE Kunst […].“[1]

Von Anfang an war sie begeistert von Polkes Universum, der sich in seinem Werk ähnlich ungehindert durch alle Zeiten bewegt. Ihre Freundschaft führte zu mehreren Kollaborationen Polkes für das von Burckhardt mitherausgegebene Kunstmagazin Parkett sowie zur Realisierung von zwei Projekten, die Jacqueline Burckhardt maßgeblich kuratierte: Polkes Installation mit Pyritsonnen in einem Laborgebäude von Adolf Krischanitz auf dem Novartis Campus in Basel und seine Neugestaltung von zwölf Fenstern für das Zürcher Großmünster.

Sigmar Polke arrangiert Achatsteine in seinem Atelier
Sigmar Polke in seinem Atelier | © Foto: Jacqueline Burckhardt

Im Oktober 2009 wurden die Fenster in einem Festgottesdienst eingeweiht, an dem Sigmar Polke trotz fortschreitender Krankheit noch teilnehmen und so die feierliche Übergabe seiner letzten großen künstlerischen Arbeit an die Öffentlichkeit miterleben konnte. Der Einweihung war ein mehrjähriger Planungs- und Arbeitsprozess vorangegangen. Bereits 2003 hatten die Initiator*innen Ulrich Gerster, Regine Helbling und Claude Lambert der Kirchenpflege Großmünster vorgeschlagen, die Fenster neu zu gestalten. Es folgte ein Projektwettbewerb, in dem Sigmar Polke die Mitglieder der Jury überzeugen konnte. Dank der engagierten Arbeit der Firma Glas Mäder aus Zürich, allen voran Urs Rickenbach und seinem Team und der Unterstützung einer begleitenden Kommission bestehend aus Jacqueline Burckhardt und Bice Curiger sowie Ulrich Gerster, Regine Helbling, Claude Lambert und der Pfarrerin des Großmünsters Käthi La Roche, die den Produktionsprozess begleiteten, konnte Polke das sowohl künstlerisch als auch organisatorisch anspruchsvolle Projekt zwischen 2006 und 2009 realisieren.
 
Die gewaltige Aufgabe, zwölf Fenster zu gestalten, löste Polke unter Berücksichtigung der schon existierenden Fenster, besonders dem von Augusto Giacometti (1877–1947) im Chor, das die Geburt Christi zeigt und damit den Beginn des Neuen Testament markiert. Polke wählte mit der Genesis und Präfigurationen Christi seine Hauptthemen aus dem Alten Testament und spielt damit nicht nur auf das Christentum an, sondern auf alle drei monotheistischen Religionen. Bereits ganz früh, so Burckhardt, habe Polke in diesem Prozess Achatscheiben gesammelt, mit ihnen zu experimentieren begonnen und gestaltete damit schließlich sieben der zwölf Fenster.
 

Im Folgenden ein überarbeiteter Auszug aus Jacqueline Burckhardts Erzählungen:

„Die Kirche ist nach Osten ausgerichtet, und man betritt sie durch das Portal in der Nordwand. Im Westen gibt es keine Türe, durch die man direkt das ganze Schiff bis zum Chor abschreiten könnte, wie es meistens im Kirchenbau der Fall ist. Im Osten geht die Sonne auf, daher ist dort in den drei Chorfenstern von Augusto Giacometti von 1933 die Geburt Christi dargestellt. Der Beginn des Neuen Testaments in der Bibel.

Das erste von Polkes Fenstern befindet sich in der nordwestlichen Ecke der Kirche, metaphorisch gesehen im Dunkeln. Dort beginnt der Zyklus der sieben Fenster, welche vollständig mit transluziden Achatscheiben ausgekleidet sind und die Weltschöpfung verkörpern. Vier dieser Fenster sind den vier Elementen Erde, Feuer, Wasser, Luft gewidmet. Achate bilden sich in den Blasen der erkalteten Lava. In Jahrmillionen sind die Hohlräume durch Ablagerungen und Kristallisationen konzentrisch nach innen zugewachsen, wobei im Kern oft eine Druse bleibt, die unvorstellbar altes Wasser birgt. Die vier Elemente sind daher in den Steinen wörtlich eingefangen, wobei an der Entstehung eines Achats auch zwei ganz unterschiedliche Zeitdimensionen mitwirken: der Big Bang oder die vulkanische Eruption, und dann das ewig lange Danach, in dem sich der Stein allmählich formt. Polke lässt – wie immer – das Material selbst sprechen, er illustriert nichts. Und wir sind aufgefordert, die Steine und all die Spuren, die von ihrer Entstehung sprechen, darin zu lesen.
Oben in den Fenstern der vier Elemente sind jeweils sogenannte Augenachate eingefügt. Sie symbolisieren das Auge Gottes oder einer Instanz, die die Schöpfung vollzieht. Die meisten Achatscheiben kamen aus Brasilien und waren bereits geschnitten und mittels Hitze und Säuren künstlich gefärbt, rot, blau, grün. Ihre Naturfarben sind weniger bunt, eher grau oder pastell-, bernstein- und ockerfarben.

Von Fenster zu Fenster wählte Polke Achatscheiben mit immer komplexer werdenden Binnenzeichnungen aus und komponierte sie so, dass darin der Fortgang der Evolution abzulesen ist. Dazu hat er bei jedem Stein zuerst geprüft, was mit ihm zu assoziieren ist, um ihn dann präzise in die Komposition einzugliedern. Bereits in der Gestaltung der ersten drei Fenster, Erde, Feuer, Wasser, erscheinen Vertikalität und Verzweigungen, die auf Strukturen hinweisen, die sich bereits aus dem Chaos, dem legendären Tohuwabohu, entwickelt haben. Beim Luft-Fenster gruppieren sich die Steine oben zu einer rudimentären Maske mit Augen, Nase, aufgeblasenen Backen und einer runden Mundöffnung, durch die die Luft ausgepustet wird. Beim fünften und größten Achatfenster assoziiert man Biologisches. Die Zeichnungen, Farben und Formen in den Steinen und ihren Konstellationen erinnern an Zellen und Zellteilungen, an MRI- oder Röntgenbilder, an Organschnitte oder an Fratzen.

Gegenüber dem Eingang in die Kirche befindet sich ein kreisrundes Achatfenster in der Südwand, das ganz ruhig, meditativ, in verhaltenen Bernsteinfarben leuchtet. Über dem Ein- bzw. Ausgang hingegen erscheint das pure Gegenteil davon: eine Lünette mit den farbigsten und größten Achaten, blauen, grünen und roten, aber auch mit ganz prächtigen schwarz-weißen Scheiben. Die Besucher werden beim Eintritt also vom besinnlichen Rundfenster empfangen und beim Austritt unter der buntfarbigen Lünette wieder – zack – ins pralle Leben entlassen.

Die Achate wurden ja wie Salami in Scheiben geschnitten. Es gibt daher jene Stücke, die zwar nie ganz identisch aber dennoch sehr ähnlich sind. Mehrfach spielte Polke mit einer Folge solcher Scheiben, in der Lünette hat er sie auffällig symmetrisch arrangiert. Dort gibt es oben in der Mitte zwei blaue Steine, die im Kontrast zu den Augenachaten, die das Schöpferauge symbolisieren, nun höchst profan wie zwei Mickey Mouse-Augen anmuten. Ein richtig poppiges Fenster ist es geworden, das durch seine Farbigkeit und Symmetrie den Flügeln eines gigantischen Schmetterlings gleicht. Man denkt auch an die Faltbilder von Hermann Rorschach, mit denen sich Polke immer wieder beschäftigte. Somit erhält die Lünette auch den Hinweis auf die Psyche. Dieses letzte der sieben Achatfenster verkörpert die Entwicklungsgeschichte im fortgeschrittenen Zustand, sozusagen am siebten Tag der Genesis. Nach den sieben Fenstern aus dem Naturmaterial folgen gegen Osten hin fünf weitere Fenster aus Glas. Denn nun ist in der Evolution der Mensch aufgetreten, der selbst Material künstlich herzustellen vermag, wie eben auch Glas.

Polke lag daran, alle zwölf Fenster so erscheinen zu lassen, als hätten sie bereits seit der Romanik die Kirche zieren können.

Er wollte weder materiell noch stilistisch einen Fremdkörper einführen. Die Achate sind daher mit Bleiruten in der Technik der Butzenscheibenfenster eingefasst, die um das Jahr 1200 erfunden wurde. Aber niemals hätte man im Mittelalter Achatscheiben so dünn, also ca. 1 bis 2 cm, schneiden können. Dazu braucht es eine Diamantsäge oder eine Laseranlage, Elektrizität.
Die Inspiration für die Fenster aus Naturstein fand Polke in den Alabasterfenstern des Mausoleums der Galla Placidia in Ravenna, einem Gebäude aus dem frühen 5. Jahrhundert. Alabaster ist sehr viel weicher als Achat und konnte bereits in der Antike und noch früher so bearbeitet werden, dass er durchscheinend wurde.

Als Erster in der Kunstgeschichte hat nun Polke eine Kirche mit Fenstern aus Achatscheiben ausgestattet, denen ein höchst anspruchsvolles ikonografisches Programm zugrunde liegt. Schon immer interessierte er sich im doppelten Wortsinn für das Eindringen in die Materie, das Durch-sie-Hindurchsehen und für all die Elemente, aus der sie besteht und aus der letztlich die Welt zusammengesetzt ist.“

Im Gespräch mit Anna Polke führt Jacqueline Burckhardt durch das ikonografische Programm, das Polke für die zwölf Fenster entwickelt hat und erzählt über die verwendeten Materialien und Techniken, mithilfe derer er es schafft, einen riesige Zeitspanne zu kondensieren, von den Anfängen der Welt bis zum Ende seiner ganz persönlichen Zeitrechnung, aber auch darüber hinaus.
Eine Reise durch Zeit, Materie und Raum, in der sich auch die verschiedensten Lebens- und Schaffensstränge Polkes bündeln: Seine Verbindung zur Kunstszene der Schweiz, insbesondere der Stadt Zürich, mit der er seit den 1970er Jahren im Austausch war, seine unermüdliche Experimentierfreude mit Materialien, Techniken und Themen. Und nicht zuletzt geht es von hieraus auch im großen Bogen zurück zu seinen eigenen künstlerischen Anfängen als Glasmalerlehrling in Düsseldorf Ende der 1950er Jahre. Wie kaum jemals zuvor in seinem Werk durchkreuzt Sigmar Polke die Menschheitsgeschichte – von der Schöpfung des Menschen bis zur Entdeckung der Elektrizität, vom Big Bang bis zum Pop – und hinterlässt als ‚Tribut‘ einen wahren Bilderschatz, schier unfassbar in seiner Dichte und Komplexität.
 
Das Gespräch mit Jacqueline Burckhardt ist Teil des Oral Art History-Projekts der Anna Polke-Stiftung So sitzen Sie richtig, das die Stimmen, Eindrücke und Erzählungen von Wegbegleiter:innen, Freund:innen und Zeitgenoss:innen Sigmar Polkes dokumentiert. Es kann auf Anfrage im Archiv der Anna Polke-Stiftung eingesehen werden.

[1] Jacqueline Burckhardt im Gespräch mit Anna Polke, Zürich, 6. und 7. August 2019