Im Folgenden ein überarbeiteter Auszug aus Jacqueline Burckhardts Erzählungen:
„Die Kirche ist nach Osten ausgerichtet, und man betritt sie durch das Portal in der Nordwand. Im Westen gibt es keine Türe, durch die man direkt das ganze Schiff bis zum Chor abschreiten könnte, wie es meistens im Kirchenbau der Fall ist. Im Osten geht die Sonne auf, daher ist dort in den drei Chorfenstern von Augusto Giacometti von 1933 die Geburt Christi dargestellt. Der Beginn des Neuen Testaments in der Bibel.
Das erste von Polkes Fenstern befindet sich in der nordwestlichen Ecke der Kirche, metaphorisch gesehen im Dunkeln. Dort beginnt der Zyklus der sieben Fenster, welche vollständig mit transluziden Achatscheiben ausgekleidet sind und die Weltschöpfung verkörpern. Vier dieser Fenster sind den vier Elementen Erde, Feuer, Wasser, Luft gewidmet. Achate bilden sich in den Blasen der erkalteten Lava. In Jahrmillionen sind die Hohlräume durch Ablagerungen und Kristallisationen konzentrisch nach innen zugewachsen, wobei im Kern oft eine Druse bleibt, die unvorstellbar altes Wasser birgt. Die vier Elemente sind daher in den Steinen wörtlich eingefangen, wobei an der Entstehung eines Achats auch zwei ganz unterschiedliche Zeitdimensionen mitwirken: der Big Bang oder die vulkanische Eruption, und dann das ewig lange Danach, in dem sich der Stein allmählich formt. Polke lässt – wie immer – das Material selbst sprechen, er illustriert nichts. Und wir sind aufgefordert, die Steine und all die Spuren, die von ihrer Entstehung sprechen, darin zu lesen.
Oben in den Fenstern der vier Elemente sind jeweils sogenannte Augenachate eingefügt. Sie symbolisieren das Auge Gottes oder einer Instanz, die die Schöpfung vollzieht. Die meisten Achatscheiben kamen aus Brasilien und waren bereits geschnitten und mittels Hitze und Säuren künstlich gefärbt, rot, blau, grün. Ihre Naturfarben sind weniger bunt, eher grau oder pastell-, bernstein- und ockerfarben.
Von Fenster zu Fenster wählte Polke Achatscheiben mit immer komplexer werdenden Binnenzeichnungen aus und komponierte sie so, dass darin der Fortgang der Evolution abzulesen ist. Dazu hat er bei jedem Stein zuerst geprüft, was mit ihm zu assoziieren ist, um ihn dann präzise in die Komposition einzugliedern. Bereits in der Gestaltung der ersten drei Fenster, Erde, Feuer, Wasser, erscheinen Vertikalität und Verzweigungen, die auf Strukturen hinweisen, die sich bereits aus dem Chaos, dem legendären Tohuwabohu, entwickelt haben. Beim Luft-Fenster gruppieren sich die Steine oben zu einer rudimentären Maske mit Augen, Nase, aufgeblasenen Backen und einer runden Mundöffnung, durch die die Luft ausgepustet wird. Beim fünften und größten Achatfenster assoziiert man Biologisches. Die Zeichnungen, Farben und Formen in den Steinen und ihren Konstellationen erinnern an Zellen und Zellteilungen, an MRI- oder Röntgenbilder, an Organschnitte oder an Fratzen.
Gegenüber dem Eingang in die Kirche befindet sich ein kreisrundes Achatfenster in der Südwand, das ganz ruhig, meditativ, in verhaltenen Bernsteinfarben leuchtet. Über dem Ein- bzw. Ausgang hingegen erscheint das pure Gegenteil davon: eine Lünette mit den farbigsten und größten Achaten, blauen, grünen und roten, aber auch mit ganz prächtigen schwarz-weißen Scheiben. Die Besucher werden beim Eintritt also vom besinnlichen Rundfenster empfangen und beim Austritt unter der buntfarbigen Lünette wieder – zack – ins pralle Leben entlassen.
Die Achate wurden ja wie Salami in Scheiben geschnitten. Es gibt daher jene Stücke, die zwar nie ganz identisch aber dennoch sehr ähnlich sind. Mehrfach spielte Polke mit einer Folge solcher Scheiben, in der Lünette hat er sie auffällig symmetrisch arrangiert. Dort gibt es oben in der Mitte zwei blaue Steine, die im Kontrast zu den Augenachaten, die das Schöpferauge symbolisieren, nun höchst profan wie zwei Mickey Mouse-Augen anmuten. Ein richtig poppiges Fenster ist es geworden, das durch seine Farbigkeit und Symmetrie den Flügeln eines gigantischen Schmetterlings gleicht. Man denkt auch an die Faltbilder von Hermann Rorschach, mit denen sich Polke immer wieder beschäftigte. Somit erhält die Lünette auch den Hinweis auf die Psyche. Dieses letzte der sieben Achatfenster verkörpert die Entwicklungsgeschichte im fortgeschrittenen Zustand, sozusagen am siebten Tag der Genesis. Nach den sieben Fenstern aus dem Naturmaterial folgen gegen Osten hin fünf weitere Fenster aus Glas. Denn nun ist in der Evolution der Mensch aufgetreten, der selbst Material künstlich herzustellen vermag, wie eben auch Glas.