Polke Post 3 - Über Sigmar Polkes Werk Pasadena (1968) zum 50. Jubiläum der Mondlandung

POLKE POST 3
Pasadena und die Mondlandung

„Das ist die eigentümliche Räumlichkeit, ein ins Unermeßliche gehender Raum, eine unendliche Weite und Kälte. Er könnte planetarische, kosmische Vorstellungen evozieren. Die vielen Punkte vibrieren, schwingen, verschwimmen, tauchen wieder auf, es stellen sich Assoziationen ein, zu Sendezeichen, Funkbildern, Television. Dann schleicht sich eine gewisse Stimmung in meine Bilder, ein bißchen Einsamkeit, Verlassenheit, Weite und Sehnsucht.“ 

Sigmar Polke über seine Rasterbilder im Gespräch mit Dieter Hülsmanns, Kultur des Rasters. Ateliergespräch mit Sigmar Polke, in: Rheinische Post, Nr. 108, 10. Mai 1966

Sigmar Polke, Pasadena, 1968
Sigmar Polke, Pasadena, 1968 | © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn

In diesem Jahr feiern wir das 50. Jubiläum der Mondlandung: Im Juli 1969 betrat der Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Mit Werken wie Sternenhimmeltuch (1968) oder Polke als Astronaut (1968) hat auch Sigmar Polke sich Ende der 1960er Jahre in das Weltall geschrieben. Wir widmen uns anlässlich dieses Jubiläums in dieser POLKE POST seinem Werk Pasadena (1968), das ebenfalls zu dieser Zeit entstand.
 
„Das zehnte Foto, das in Pasadena aufgezeichnet wurde. Es zeigt die Mondoberfläche am Landeplatz von „Surveyor–1". Der Stein links vorne ist 15,0 cm hoch und 30,8 cm lang. Die hellen Punkte sind Sonnenreflexe."

So weist Polke die Quelle in seinem Rasterbild aus. Bereits vor der Mondlandung wurden durch die NASA die ersten Bilder der Mondoberfläche medial verbreitet. Die Sonde Surveyor–1 der
US-amerikanischen Raumfahrtbehörde sendete 1966 die ersten Daten und Bilder vom Mond zur Erde. Die fotografischen Ansichten der Mondoberfläche wurden damals einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht, für die diese jenseits des gewohnten Sehens und Erkennens lagen.
Mit Pasadena greift Polke eine dieser frühen NASA-Aufnahmen gemeinsam mit einer Bildunterschrift auf, die keine Unterschrift, sondern Teil des Bildes ist, und mehr Fragen nach dem Informationswert dieses Bildes aufwirft als sie diese beantwortet. Das betreffende Foto ist heute inklusive der entsprechenden Erklärung auf der Website des Lunar and Planetory Institute zu finden. 

Christoph Wagner hat sich mit der Metaphysik der wissenschaftlichen Bilder in Sigmar Polkes Werk beschäftigt und wir freuen uns, einen Auszug aus seinem Beitrag zu diesem Thema zitieren zu dürfen:

„Es ist bezeichnend für den damals 27-jährigen Künstler, der 1966 überhaupt 
zum ersten Mal mit einer Einzelausstellung – in der Galerie René Block in Berlin – an die Öffentlichkeit getreten war und der mit seinen Malerkollegen die kämpferische Position eines ‚Kapitalistischen Realismus‘ formulierte, dass er mit seinem Gemälde ironisch-augenzwinkernd die innere Differenz zwischen Text- und Bildbezügen dieser neuen, tagesaktuellen Wirklichkeitsbeschreibung aufdeckt: Angesichts eines Bildes, in dem man nahezu nichts als eine Flecken- und Rasterstruktur erkennt, erfährt man etwas über millimetergenaue Größen zweier Steine, einen ‚Landeplatz‘ und ‚Sonnenreflexe‘. Nicht weniger als das Bild ist der Text in seinem Informationsgehalt korrumpiert.

Foto von der Mondoberfläce, aufgenommen von der Raumsonde Surveyor, 1966
Surveyor I-2, Zehntes Foto der Mondoberfläche aufgenommen von der Raumsonde Surveyor I am 2. Juni 1966 | © Foto: Lunar and Planetory Institute, www.lpi.usra.edu

Zugleich wird die multiple Transformation des Bildes in der Übertragung in verschiedene mediale Modalitäten thematisiert, ausgehend vom belichteten Zelluloid der Fotoaufnahme, über die Digitalisierung und Funkübertragung bis zur ‚Aufzeichnung‘ auf der Bodenstation in Pasadena und der drucktechnischen Rasterung der fotografischen Vorlage. Die Schrift ist hier Bestandteil der Malerei, das Bild zugleich Informationsträger. Und doch weisen beide Ebenen in ihren unauflöslich gegeneinander verschobenen Fluchtpunkten zugleich auch auf die Fadenscheinigkeit von Texten und Bildern, die Metaphysik der wissenschaftlichen Bilder. Beide zeigen nichts, sondern verweisen, nicht zuletzt immer auch auf sich selbst, auf die Opazität der verwendeten Medien. Und genau hier liegt der künstlerische Erkenntniswert, die verblüffende Evidenz seines Gemäldes: Nur wenn die Konstruktion der Bilder an sich in den Blick rückt, kann nach ihrem Erkenntnisgehalt gefragt werden. (…) In den frühen 1990er Jahren hat die Kunstgeschichte mit ihrem durch Gottfried Boehm und
W. T. J. Mitchell angestoßenen iconic turn bzw. pictorial turn einen der grundlegenden Paradigmenwechsel in den Geisteswissenschaften angestoßen, die Erkenntnis in die ikonische Struktur und Bedeutung von Bildern für alle Bereiche der menschlichen Erkenntnis. Dieser iconic turn ist bis heute in vielen Wissensbereichen noch nicht oder nicht in letzter Konsequenz vollzogen: Er bedeutet nicht weniger als den Bildern zu misstrauen, was zugleich mit der Verpflichtung verbunden ist, nach ihrer Herkunft, ihren Kontextualisierungen, ihren Implikationen, ihren ästhetischen und technischen Konstruktionen zu fragen. Die bildtheoretische, ästhetikgeschichtliche und konzeptuelle Reflexion über das Bild und seine Funktionen reicht weit in die Kunstgeschichte und die Geschichte der Theorie der Bilder zurück. 
Dazu hat Sigmar Polke 1968 mit Pasadena ein Schlüsselbild gemalt: Es gibt keine Wahrheiten in Bildern, es sei denn, dass man die mit Bildern vollzogenen ästhetischen Interventionen reflektiert. Diese Erkenntnis der ikonischen Wende in der Kunstgeschichte wäre nicht nur in den Geisteswissenschaften fruchtbar zu machen, sondern – so scheint uns Polke schon 1968 zuzurufen – auf den bildbasierten Umgang mit Visualisierungen in alle wissenschaftlichen Bereiche zu übertragen.“ 

Auszug aus: Christoph Wagner: „Sigmar Polke und die Metaphysik der wissenschaftlichen Bilder“, in: Blick in die Wissenschaft, 37, 2018, S. 45–48.