Wir freuen uns sehr, mit dieser POLKE POST 11 einen Gastbeitrag von Dr. Julie Sissia versenden zu können. Die Autorin ist nicht nur Stipendiatin der Anna Polke-Stiftung (2019), sondern führte vor dem Hintergrund ihres Forschungsthemas „Cher Maître“. Sigmar Polke und Frankreich ein Gespräch im Rahmen unseres POLKE SALON. Sie sprach mit Bice Curiger, künstlerische Direktorin der Fondation Vincent van Gogh in Arles, über die Ausstellungsbeteiligungen und Rezeption von Sigmar Polkes Werk in Frankreich sowie über nationale Kategorien im kunstkritischen Diskurs und wie diese nicht zuletzt die Arbeit der Kunsthistorikerin und Kuratorin selbst seit den 1980er Jahren betreffen.
Polke Post 11 - „Braque-geschädigt“ Bice Curiger, Sigmar Polke und Frankreich
POLKE POST 11
„Braque-geschädigt“. Bice Curiger, Sigmar Polke und Frankreich
„Die sind Braque-geschädigt, von Gitarren verseucht, und von Stillleben betäubt, wenn sie wenigstens noch mit Gift gemalt wären, die Orangen! Die grossen Einluller, die Schnuller, Picasso und Luller, Frikasso. Es gibt in Frankreich nur einen guten Künstler, das ist der dicke Eric.“[1]
Diese Worte Sigmar Polkes wurden zuerst im April 1985 in der französischen art press veröffentlicht, als Teil eines Gesprächs zwischen Polke und seiner Freundin und Komplizin Bice Curiger, die sich damals schon als Kuratorin und Gründerin der Schweizer Kunstzeitschrift Parkett einen Namen gemacht hatte. Das ausführliche Interview, dessen Wert angesichts des Misstrauens des Malers gegenüber Kunsthistoriker:innen und Kritiker:innen kaum hoch genug geschätzt werden kann, ist ein äußerst unterhaltsames Zeugnis dieser Begegnung. Ihre Gesichter sind während des Gesprächs hinter zeremoniellen Masken aus Borneo verborgen und ihre Begegnung erinnert an Verhandlungen zwischen zwei rivalisierenden „Stammeshäuptlingen“. Das Gespräch springt hin und her, nur scheinbar unzusammenhängend.
Beide tragen auf diesem Foto Hudoq-Masken aus Borneo, Ost-Kalimantan, aus der Mahakam Region. Diese Masken hatte Sigmar Polke im Kunsthandel für außereuropäische Kunst von Werner Funke in Köln erworben. Wir danken Herrn Funke für die folgenden Auskünfte zu den Masken: "Die Hudoq Masken finden wir bei den Dayak, insbesonders bei den Bahau und Kayan. Hudoq ist in der Sprache der Dayak die Bezeichnung für den Hornbillvogel. Besondere Kraft verleihen den Masken eben diese Federn des Hornbillvogels, der in der Mythologie der Dayakis eine wichtige Figur ist. Die Vorstellungen der Dayakis sind verwurzelt im Animismus, d.h. die Anwesenheit der Ahnenwesen spielt im sozialen wie spirituellen Leben der Dayakis die zentrale Rolle. Tanzende haben die Masken zu verschiedenen Gelegenheiten, besonders zu Gawai, dem Erntefest zur Reisernte, sowie geschmückt mit aus Bananenblättern geformten Gewändern getragen. Weiter dienten die Masken auch zur Abwehr von Krankheiten und Plagen." | © Curiger / Foto: Erdrand, mit freundlicher Genehmigung Parkett-Archiv und Luma Foundation.
Immer wenn sich das Gespräch um Frankreich und die Franzosen dreht, steigert Polke seine Ironie und erfreut sich an einer Reihe von verbalen Pirouetten, die aus Wortspielen und dadaistischen Ideenassoziationen bestehen. Seine mit Geschick ausgeführten verbalen Attacken treffen unweigerlich ins Schwarze. Die Eitelkeit – und Tautologie –, die, sei es im Diskurs der Kunst oder der Politik, jede Suche nach nationaler Identität begleitet, wird unerbittlich seziert. Scharfsinnig entlarvt Polke die Widersprüche der französischen Kulturpolitik und Kunstinstitutionen, und deren aus einem anderen Zeitalter mitgeschleppten universalistischen Ansprüche. Er wirft Licht auf Schattenzonen der von Gewalt geprägten Nationalgeschichte, die in der Kunst und den historischen Diskursen verborgen liegen.
Polke „lacht und brüllt“ und nimmt kein Blatt vor den Mund, um das Verhalten Frankreichs anzuprangern, während in Neukaledonien gerade der Bürgerkrieg seinen Höhepunkt erreicht.
„Die Force de Frappe auszustatten mit neuen Feindbildern, das wäre eine neue Aufgabe, die übersteigt Jack Langs Fähigkeiten. Mit den paar Kanaken, mit denen die sich da rumprügeln müssen, das ist wirklich allerhand, das ist ja wirklich unter der Würde. Eine Nation, die Freiheit und Gleichheit proklamiert, die haben überhaupt keine Feindbilder, können auch andere Bilder nicht mehr lesen.“[2]
Polke, dessen Diskurs sich wie seine Bilder durch die Aneinanderreihung von Motiven und das Überlagern von Schichten entfaltet, berührt die Reibungspunkte zwischen kolonialer Vergangenheit und revolutionärem Ideal, aber auch die Konvergenzpunkte zwischen militärischer Strategie und visuellen Dispositiven des Wissens. Seine Worte sind schon in ihrer Form politisch, denn sie entziehen sich jeder Linearität. Die Schweizer Kunsthistorikerin und der deutsche Künstler bringen so spezifisch französische Themen zum Vorschein, die wiederum ein unerwartetes Licht auf Polkes Werk werfen.
In diesem Gespräch geht es also darum, die Interviewerin zu interviewen. Und da „Kunst Strafe [ist]“, werden wir uns ernsthaft mit den Meilensteinen der Polke-Rezeption in Frankreich wie der 1988 von Suzanne Pagé orchestrierten monografischen Ausstellung im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris oder der berühmten Schau Magiciens de la Terre (1989) und der Parkett-Ausstellung im Centre Pompidou (1986) beschäftigen. Der Austausch wird die Gelegenheit zur weiteren Diskussion bestimmter Werke und unveröffentlichter Archivdokumente bieten.
An dieser Stelle sei noch angemerkt, dass das betreffende Interview zwischen Bice Curiger und Sigmar Polke einleitend mit einem Hinweis auf Van Gogh beginnt, Namensgeber der Stiftung, die Bice Curiger derzeit in Arles leitet: „Nun fällt mir diese frühe Zeichnung von Dir ein, mit dem Messer und dem Ohr. Da ist doch Van Gogh damit gemeint.“[3]
Fortsetzung folgt […]
Dr. Julie Sissia
[1] Sigmar Polke. La peinture est une ignominie, in: art press, Nr. 91, 1985, S. 4–10. Hier Sigmar Polke zit. n. der dt. Version in: Parkett, Nr. 26, 1990, S. 6–27, hier S. 12. Alle folgenden Zitate entstammen dem Parkett-Interview.
[2] Sigmar Polke, ebd.
[3] Bice Curiger, ebd., S. 7.