Am 13. Februar 2022 feiern wir Sigmar Polkes 81. Geburtstag und wir freuen uns, dass die Ausstellung Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle künstlerische Positionen, die wir zum 80. Jubiläum realisieren konnten, noch bis zum 6. März 2022 verlängert wurde.
Dafür danken wir der Kunsthalle Düsseldorf sowie den beteiligten Künstler:innen und Leihgeber:innen.
Das in Verbindung mit der Ausstellung geplante Festival an der Kunstakademie Düsseldorf (25.–27. November 2021) musste als Präsenzveranstaltung leider abgesagt werden, wird jedoch als digitales Programm online veröffentlicht.
In der Zwischenzeit freuen wir uns außerdem über großes Publikumsinteresse an der Ausstellung und darüber, dass wir einige weitere geplante Veranstaltungen vor Ort und vor den Werken durchführen konnten. Der Künstler und Autor Hans-Christian Dany sprach am 20. Januar 2022 mit Max Schulze über den „Wunsch zu verschwinden“. Eigentlich als Finissage geplant, durften wir letztes Wochenende Kerstin Brätsch und Urs Rickenbach begrüßen, die mit der Kuratorin Patrizia Dander über den Entstehungsprozess von Brätschs Glasmalereien, den künstlerischen Vorgänger Polke und dessen großen Zyklus der Grossmünster-Fenster sprachen. Für den nun letzten Tag der Ausstellung, den 6. März 2022 feilen wir gerade noch an einem Programm – falls unter Corona-Auflagen möglich mit Geburtstagstorten und Musik.
Polke Post 14 - Happy Birthday – again, Sigmar Polke!
POLKE POST 14
Happy Birthday – again, Sigmar Polke!
Kerstin Brätsch, die seit 2011 mit Urs Rickenbach und der Glaswerkstatt Mäder in Zürich arbeitet, in der schon die Polke-Fenster gefertigt wurden, hat für die Ausstellung Produktive Bildstörung eine Installation aus bereits existierenden und neuen Gläsern geschaffen (Die Namen/Die Linien, 2021). In ihrer nun schon über ein Jahrzehnt andauernden Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Glas und den damit verbundenen Arbeitsprozessen in Kollaboration mit den Handwerker:innen bei Glas Mäder, testet Brätsch die Grenzen künstlerischer Autonomie und klassischer Gattungen.
Für den Ausstellungskatalog untersuchte Charlotte Lang wie sich diese Bild- oder in diesem Fall besser Kunstgeschichtsstörungen bei Kerstin Brätsch und Sigmar Polke vollziehen.
Anlässlich Sigmars 81. Geburtstag möchten wir diese Werkbegegnung Sigmar Polke –Kerstin Brätsch mit Ihnen und Euch teilen. Die Gegenüberstellung steht für uns beispielhaft dafür, wie Polkes Werke in die Gegenwart hineinwirken, als Impulsgeber für ein jetziges Kunstschaffen und Ausgangspunkt für die Diskussion immer noch ganz aktueller Fragen an die Kunst.
All Ready Maid – wie der Titel einer Werkserie von Kerstin Brätsch besagt, hat es in der Kunst anscheinend alles bereits gegeben. Dementsprechend steht jegliche künstlerische Praxis unweigerlich auch immer in einer Vielzahl von Traditionen. Für die Reflexion des eigenen Schaffens heißt dies in der Konsequenz auch, sich mit den höheren Wesen der (Kunst-)Geschichte auseinanderzusetzen.
Welche Form eine solche Beschäftigung annehmen kann, zeigt Sigmar Polke, indem er für den zur Gruppenausstellung im Museum Morsbroich, Leverkusen, erschienenen Katalog Konzeption – Conception 1969 das Modell einer Symbiose mit keinem geringeren als Leonardo da Vinci entwirft. Der Auslöser für diese Konstruktionen um Leonardo da Vinci und Sigmar Polke war, dass Polke bereits im Alter von 28 Jahren seine bedeutendsten biografischen Daten ermitteln wollte. Hierfür transponiert der Künstler seine Lebens- und Schaffensdaten in den unbekannteren Teil der Leonardo-Biografie: Selbstmagnetisierung, Sforza-Denkmal, Fotos zur Palmenserie, Arbeit am Abendmahl – alles ist aus gemeinsamer Energie entstanden! Diese Aufstellung wird von einer akribischen Zeichnung auf Millimeterpapier begleitet, welche die biografischen Schwerpunkte und ihre Ermittlung mit Hilfe des Goldenen Schnitts illustriert. Polke schreibt sich somit in die Vita des großen italienischen Künstlergenius ein und stellt offensiv und humorvoll seine Anwartschaft auf eine ihm würdige Positionierung innerhalb des Kunstkanons.
Für Kerstin Brätsch, deren künstlerische Praktiken gewissermaßen als Dauerstressor für den Malereidiskurs gelten, gehört Sigmar Polke zu den Künstler-Subjekten einer vorangegangenen Generation, deren Erbe eine selbstreflexive Position wie die ihre umtreibt.
Sigmar Polkes und Kerstin Brätschs Lebensläufe kreuzen sich örtlich in Zürich bei der Firma Glas Mäder. Für Polkes Umsetzung der Kirchenfenster im Grossmünster Zürich arbeitete der Künstler von 2006 bis 2009 dort zusammen mit dem Glasmaler Urs Rickenbach. Einige Jahre später experimentierte Brätsch wiederum mit dessen Hilfe, um ihre Malerei in das Medium Glas zu transferieren. Daraus entstanden ab 2012 ihre sogenannten Antikgläser der Serie
All Ready Maid Betwixt and Between, wie Holo Mai Pele, Is It You or Perhaps You? (Mund der Wahrheit) und Holo Mai Poli‘ahu: Facefold (dritte Dame). Für diese verwertete die Künstlerin nicht nur Lüster- und Emailfarbe, Blei und Schwarzlot auf Antikglas, sondern inkorporierte auch Glassteine, Kirchenfensterbordüren und Achatscheiben – wie sie Sigmar Polke bei seinen Kirchenfenstern eingesetzt hatte. Die Resultate sind fratzenähnliche Glasporträts, die trotz der Transparenz und Fragilität des Mediums eine eigentümliche Körperlichkeit erlangen. Insbesondere die aus Achatscheiben kreierten Augen suchen durch ihre psychedelisch aufgerissene Imitation einer Iris direkten Kontakt zu den Betrachtenden. So ist neben dem Seitenhieb auf den Übervater Marcel Duchamp auch Sigis Erbe ein Teil von Brätschs Arbeit und die Künstler-Künstler werden in ihr unvermeidlich heraufbeschworen. In dieser ungenierten und selbstironischen Abarbeitung an den künstlerischen Vorgänger:innen kristallisiert sich eine fundamentale Verwandtschaft zwischen Brätschs und Polkes Praxis heraus. Beide heißen die höheren Wesen willkommen und laden sie ein, aktiver Bestandteil der künstlerischen Auseinandersetzung zu sein.“
Charlotte Lang, Sigmar Polke – Kerstin Brätsch, in: Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle künstlerische Positionen, Ausst.-Kat. Kunsthalle Düsseldorf, Berlin, 2021, S. 62–65