Mit der POLKE POST 4 möchten wir eine Meldung aus unserem Stiftungsarchiv mit einem Dank für eine Spende verbinden, die einen wertvollen Beitrag zur wissenschaftlichen Erschließung des Werkes von Sigmar Polke leistet. Wir danken herzlich Herrn Prof. Henry von Bose DD, der uns ein Exemplar der zur Eheschließung seiner Großmutter Lotte mit Waldemar von Böttinger am 12.10.1911 entstandenen Hochzeitszeitung gestiftet hat. Das Titelblatt der Hochzeitszeitung, das im Stil der bis 1943 erschienen Tageszeitung B.Z. am Mittag (Berliner Zeitung am Mittag) gestaltet ist, liegt einem frühen Rasterbild Sigmar Polkes aus der Mitte der 1960er Jahre zugrunde: Das in der Sammlung des Museum Abteiberg in Mönchengladbach verwahrte Bild B.Z. am Mittag (1965).
Polke Post 4 - B.Z. am Mittag – eine Zustiftung an unser Stiftungsarchiv
POLKE POST 4
B.Z. am Mittag
Dass Sigmar Polke 1965 mit einem Geschenk zum 75. Geburtstag von Lotte von Böttinger beauftragt worden war, ist bekannt. Prof. Henry von Bose DD hat uns nun ausführlicher den familiären Hintergrund zu der Bildvorlage und auch zu der Auftragsgeschichte dargelegt.
Der Ausgangspunkt für diese Auftragsarbeit ist in der Ausstellung Neue Realisten zu finden, bei der Rudolf Jährling in seiner Galerie Parnass in der Moltkestraße 67 in Wuppertal-Elberfeld vom 20.11.–30.12.1964 Werke von Gerhard Richter, Konrad Lueg und Sigmar Polke gezeigt hatte. [1]
„Ich selbst war zu der Zeit 20 Jahre alt und habe diese Situation deutlich vor Augen. Von der Ausstellung wurde in unserer in Elberfeld ansässigen Familie und bei Verwandten viel gesprochen.“
Die Ausstellung zog insbesondere das Interesse von Kunstsammelnden aus der Umgebung auf sich. So waren beispielsweise im Anschluss daran verschiedene Aufträge für Portraits des rheinländischen Unternehmers Willy Schniewind und seiner Frau Fänn bei Gerhard Richter eingegangen. [2] Die Vermittlung erfolgte u.a. durch Rudolf Jährling. Auch Lotte von Böttinger war eine geborene Schniewind und Willy Schniewind ihr Cousin. Tatsächlich war es auch das Paar Willy und Fänn Schniewind, das das Bild B.Z. am Mittag bei Polke in Auftrag gab:
„Die Geschichte der Arbeit von Sigmar Polke: BZ am Mittag von 1965 begann damit, dass das mit meiner Großmutter Lotte von Böttinger eng befreundete Ehepaar Willy und Fänn Schniewind für Lottes 75. Geburtstag am 23.11.1965 nach einem geeigneten Geschenk suchte. Rechtzeitig fand sich ein Exemplar der Hochzeitszeitung für das junge Paar Waldemar und Lotte von Böttinger, meine Großeltern mütterlicherseits, vom 12. Oktober 1911: Boettinger – Zeitung am Mittag mit dem Aufmacher ‚Der Sohn des Farbenkönigs heiratet die Seidenprinzessin‘. Die Zeitung ist dem Layout der Berliner Zeitung BZ am Mittag nachempfunden. Auf welchem Weg, durch wessen Vermittlung das Titelblatt der ‚Illustrierte(n) Beilage‘ dieser Hochzeitszeitung von den Auftraggebern an den Künstler gelangte, ist mir nicht bekannt. Eine Parallele zu Richters Beauftragung mit den Portraits der Eheleute Willy und Fänn Schniewind ist zu vermuten. Dann hätte Rudolf Jährling den Auftrag vermittelt.“
Die Gestaltung der Hochzeitszeitung im Design der Berliner Tageszeitung steht mit der Familiengeschichte Waldemars in Zusammenhang. Sein Vater, Geh. Regierungsrat Dr. h.c. Henry Th. von Böttinger, war beruflich wie ehrenamtlich mit der Stadt Berlin eng verbunden, so dass sich Mitglieder der Familie dort häufig aufhielten. Auch der ständige Wohnsitz der Familie von Böttinger im Haus Sonneck in Wuppertal-Sonnborn wurde aufgegriffen: Das als Illustrierte Beilage ausgewiesene Blatt ist als erste Nummer der Sonnecker (statt Berliner) Zeitung betitelt. Die Rückseite ist durch Scherze auf Kosten des jungen Brautpaares in Form eines illustrierten Gedichtes und humoristischer Kommentare bestimmt.
Polkes B.Z. am Mittag nimmt innerhalb der Werkgruppe der Rasterbilder eine besondere Rolle ein: Es ist eines der frühen Bilder, mit denen der Künstler die ursprüngliche malerische Strategie, massenreproduzierbare Reklamebilder auf Leinwand zu übertragen, bereits abgeändert hatte. Hatten sich die gerasterten Bilder zunächst auf ein tatsächliches drucktechnisches Erzeugnis bezogen, schuf er im Folgenden wiederholt frei erfundene Rasterbilder oder veränderte zumindest das Motiv. So verhält es sich auch bei dem Geburtstagsbild für Lotte von Böttinger. Polkes Bild mimt eine mechanische Reproduktion eines Druckerzeugnisses zu sein, ist aber sui generis gar keine Wiederholung. Die Rasterung eines Bildes tritt durch den Blow-up zum Vorschein und zu den wesentlichen Charakteristika der Rasterbilder gehört die scheinbare Vergrößerung seiner Details. Die Betrachter/innen kommen dadurch jedoch nicht etwa näher heran; im Gegenteil, die Punkte verwischen das Bild, Konturen lösen sich auf und in der Reproduktion wird die künstliche Konstruktion des Bildes vor Augen geführt. Martin Hentschel hat die Phantasmagorischen Qualitäten dieses Mechanismus hervorgehoben und dabei mit Recht betont, dass bereits die Vorlage B.Z. am Mittag ein „Simulakrum“ gewesen sei, denn die Hochzeitszeitung gibt lediglich vor, eine Zeitung zu sein. „Das Ergebnis hat in hohem Maße ornamentalen Charakter. Das eigentlich Bemerkenswerte aber ist, daß Polke das gesamte Bild aus einem Raster entwickelt, für den eine Vorlage niemals bestanden hat. Außerdem bedeckt er die gesamte Bildfläche, während das Titelblatt selbst nur in beschränktem Maße abbildende Funktionen erfüllt. Der Raster imitiert also kein Zeitungsraster; er nimmt sich vielmehr wie eine Abbreviatur des Vorstellungsbildes ‚Zeitung‘ aus. Auf das Motiv bezogen, metamorphosiert er schließlich zum Medium imaginierender Erinnerung.“ [3]
Sigmar Polke bediente sich in den 1960er Jahren der Technik des Rasters mit der Hand, setzte aber auch Schablone und Sprayfarbe ein und malte oder stempelte (mit einem Radiergummi) einzelne Punkte nach. Polke rasterte für B.Z. am Mittag zunächst die ganze Fläche der Leinwand und arbeitet die Formen des Motivs dann durch das Verbinden der Punkte mit dem Pinsel heraus. Das Zusammenwachsen der Rasterpunkte ergibt das Motiv, das nicht detailgetreu und mit unregelmäßiger Struktur wiedergegeben ist. Auch die nicht in Gänze übertragene Schrift bricht aus dem System aus. Die beiden Gesichter des Brautpaares von Böttinger bestehen in Polkes Umsetzung nur aus groben physiognomischen Merkmalen. Die Individualität und Feinheiten, die bei der Hochzeitszeitung insbesondere durch die unterschiedlich feine Schraffur der monochromen Drucktechnik ihren Ausdruck finden, spielen bei Polke keine Rolle mehr.
„Sigmar Polkes Rasterbild hing über Jahre im Eingang des Hauses, das sich meine Großmutter 1965/66 in Wuppertal-Elberfeld erbaut hatte. (…) Erst nach dem Tod der Schenker des Bildes hängte sie es ab. (…) Das von ihnen geschenkte Bild fand nach 15 Jahren einen nicht eben prominenten Platz in einem Gästezimmer im Haus meiner Großmutter im Souterrain, das bisweilen einem Abstellraum glich. Einmal kam ich dort hinein und sah einen Handrasenmäher dagegen gelehnt.“
Der Künstler hatte 1966 betont, dass ihm der „Klischeecharakter des Rasters", „das Unpersönliche, Neutrale und Fabrizierte“ gefalle. [4] Und in der Tat lässt das Zerfallen und Auflösen eines Bildes in Punkte, die in Bewegung geraten und eine eigene Dynamik entfalten, wenig Raum für Lebendigkeit oder Individualität zu. Eine Hochzeitszeitung jedoch ist ein persönliches und emotionales Dokument der eigenen Lebensgeschichte. Vielleicht hat sich Lotte von Böttinger, die nach Auskunft ihres Enkels ohnehin die Kunst des Impressionismus und der Jahrhundertwende bevorzugte, auch deswegen etwas schwer getan mit diesem Geburtstagspräsent; als Ausgangspunkt für ein Rasterbild mag es für den Künstler jedoch gerade deshalb ein reizvolles Motiv gewesen sein.
Sophia Stang
[1] Siehe Günter Herzog: Ganz am Anfang, in: sediment – Mitteilungen zur Geschichte des Kunsthandels, ZADIK, 7, 2004
[2] Vgl. Richter WVZ 42, 42-1, 42-2.
[3] Martin Hentschel: Solve et Coagula. Zum Werk Sigmar Polkes, in: Sigmar Polke. Die drei Lügen der Malerei, Ausst.-Kat. Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle/Berlin, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof. Ostfildern 1997, S. 41–91,
hier S. 55f.
[4] Sigmar Polke: Kultur des Rasters. Ateliergespräch mit dem Maler Sigmar Polke, in: Rheinische Post, Nr. 108, 10.5.1966.