Liebe Leser:innen,
diese Zeit der angezogenen Handbremse liefert uns allen diverse Alibis. Uns verschafft es die Gelegenheit, diesen etwas anderen Newsletter zu schreiben, unsere wohl ‚polkeste‘ POST bisher. Vorher möchten wir noch einen positiven Blick in die Zukunft mit kulturellen Veranstaltungen werfen und Ihnen eine neue Gesprächsreihe vorstellen. In diesem Jahr startet unser POLKE SALON, ein gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln, Prof. Dr. Christian Spies, entwickeltes Veranstaltungsformat der Anna Polke-Stiftung. Wir freuen uns sehr über die Förderzusage des Kulturamtes der Stadt Köln. Der POLKE SALON ist ein Ort des Austauschs, der sich Sigmar Polkes Arbeiten und Denken als Künstler zum Vorbild nimmt: Neugierde, offene Enden sowie das Finden und Zusammenbringen dieser. Wir laden Sie herzlich zu regelmäßigen Terminen in die Räume unserer Stiftung ein, erstmals voraussichtlich im Herbst diesen Jahres. Sie treffen dort auf Wissenschaftler:innen, Galerist:innen, Zeitzeug:innen und Freigeister, die in den Dialog über und mit dem Werk Polkes treten. Der POLKE SALON ist ein Forum, in dem aktuelle und vielfältige Perspektiven zu Polkes Schaffen sowie seiner Zeitgeschichte aufgeworfen und diskutiert werden. Er ermöglicht persönliche Begegnungen, neue Erkenntnisse und gemeinsame Gespräche bei Wein und Fingerfood. Um dazu beizutragen, Ihnen auch bis dahin die Zeit etwas kurzweiliger zu gestalten, empfehlen wir Ihnen die Lektüre des folgenden Quarantäne-ABC. Viel Vergnügen!
Das Quarantäne-ABC der Anna Polke–Stiftung
Ratschläge, Tipps und Tricks zur Erheiterung, Vertreibung von Langeweile und Polke-Unwissenheit sowie Vorschläge über verschiedene therapeutische Übungen und Beschäftigungsmaßnahmen für Erwachsene und Kinder.
A – Alice im Wunderland
Haben Sie derzeit nicht auch das Gefühl sich in einer anderen Welt zu befinden, in andere Sphären zu driften – als seien Sie den falschen Kaninchenbau hinuntergeplumpst? Leider befinden wir uns nicht im Wunderland, sondern in einer ausgewachsenen Pandemie. Das schlägt zuweilen auf die Stimmung und macht uns eine Spur unberechenbarer als sonst. Erster Schritt der Besserung: Akzeptanz der eigenen Gemütsverfassung und Diagnostik der Launen. Folgende Übung kann hilfreich sein: Stellen Sie Ihrem Umfeld die Frage, welcher Charakter aus Lewis Carrolls Klassiker Sie heute sind? Die tapfere Alice, der gehetzte und leicht apathische weiße Hase, der verrückte Hutmacher, die psychedelisch berauschte Grinsekatze oder zur Freude Ihrer verbliebenen Mitmenschen gar die Herzkönigin? Trinken Sie darauf erstmal eine Tasse Tee!
B – Baum
‚Social Distancing‘ gilt nicht für Bäume: mit ihnen dürfen wir Kontakt aufnehmen, ihnen nahekommen, Rinde an Haut spüren, auf sie klettern und sie sogar liebevoll entlauben. Je nachdem wieviel Zeit wir mit unseren botanischen Freund:innen verbringen, wachsen sie unseretwegen vielleicht sogar hohl. Das Exemplar Weide eignet sich, wie schon Sigmar Polke bewiesen hat, besonders für dieses Langzeitexperiment.
C – Capriccio
Beinahe niemand hat lustvoller, spielerischer und mit mehr Begeisterung gegen herrschende Regeln verstoßen als Sigmar Polke, sowohl was sein künstlerisches Werk betrifft als auch was seine Person angeht. Das hat sich in seinem Fall als enorm produktiv erwiesen. Da wir uns derzeit in einem Korsett an Regeln befinden, müssen wir uns manchmal Luft verschaffen. Keineswegs möchten wir Sie jedoch zu zivilem Ungehorsam aufrufen, deshalb bitten wir Sie, sich getreu der ursprünglichen Bezeichnung des Capriccios lediglich auf die Gebiete Kunst, Musik und Literatur zu beschränken. Wir empfehlen an dieser Stelle das Umkehrspiel. Alles ins Gegenteil verkehren, statt von links nach rechts, von rechts nach links und von hinten nach vorne lesen. Statt gute, außerordentlich schlechte Musik besonders laut konsumieren, statt Bilder richtig, falsch herum – wenigstens schief – oder oben an die Decke hängen. Freuen Sie sich schon jetzt auf einen wahrhaften Perspektivwechsel!
D – Druckfehler
Überdurchschnittlich viel Zeit verbringen wir derzeit damit, dem Nachrichtenstrom zu folgen. Wir möchten Sie dazu ermutigen, sich hierfür vor allem wieder den Printausgaben Ihrer Lieblingszeitungen zu widmen. Denn nach dem Studium der (meist unerfreulichen) Neuigkeiten, lassen sich diese noch zum Suchspiel umfunktionieren. Begeben Sie sich auf die Suche nach Druckfehlern und durchkämmen Sie die einzelnen Reihen. Wer einen findet, kann diesen behalten, großformatig abmalen oder zu unserer Freude an uns senden. Rechtschreibfehler gelten auch. Auf die Plätze fertig los!
E – Eintopf
Zu viel angestaute Energie? Sind Sie von der Aktivität Ihrer Kinder oder gar Ihrer eigenen überfordert? Sie möchten sich einfach nur ein paar entspannte Stunden verschaffen? Dann raten wir Ihnen doch dringend, mal wieder einen ordentlichen Eintopf zu kochen. Vor lauter Avocado-Stullen, grünem Spargel und Smoothies haben wir völlig vergessen, wie es ist, wenn uns ein Gericht regelrecht in die Knie zwingt. Wir empfehlen eine kräftige Suppe aus Jungen Erbsen mit reichlich Schmand und Einlage. Die einzige einzuhaltende Anweisung liegt bei einer Kalorienzufuhr von mindestens 955 kcal pro Portion. Sie werden wenigstens vor der Mahlzeit so glücklich, wie der Junge auf Sigmar Polkes gleichnamiger Zeichnung aussieht.
F – Fenster
Das geöffnete Fenster ist seit der Romantik ein zentrales Motiv unserer Sehnsüchte. Im Moment kommt diesem Schnittpunkt von privatem und öffentlichem Raum besondere Bedeutung zu. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Fensterfront, träumen Sie sich nach draußen, geben Sie sich Ihren innersten Wünschen nach Ferne und Freiheit hin. Funktioniert das etwa nicht? Dann lassen Sie sich doch vom Original Fensterfront im just wieder eröffneten Museum Ludwig in Köln inspirieren. Falls sich, wie bei Polke, anschließend nach wie vor kein höherer (Durch-)Blick auftut, können Sie immer noch Ihre Fenster putzen (das erleichtert ggf. auch den Ausblick), die Gardinen waschen, Fenstersimse bepflanzen oder einfach heimlich die Einblicke in die Quarantäne der Anderen genießen und bestaunen, wer interessantere Launen hat als man selbst.
G – Polkes gesammelte Werke
Mit dem Buchstaben G möchten wir Ihnen mehrere Impulse auf einmal geben. Sie dürfen sich Ihren Favoriten aussuchen: Goethes Werke komplett in der geöffneten Herzogin Anna Amalia Bibliothek lesen; Polkes gesammelte Werke anschauen; Ihre eigenen gesammelten Werke schreiben; Gummiband-Bilder des Dürer-Hasen aus den Überbleibseln der Gesichtsmaskenproduktion anfertigen; alle Goya-Referenzen zu den Werken Sigmar Polkes ausfindig machen, ohne in den schon existierenden Aufsätzen zu spicken; auf Geister und Gespenster warten; endlich herausfinden, wie die Goldsynthese funktioniert und ein paar Klumpen herstellen. Falls Sie sich für die letzte Option entschieden haben und zu einem erfolgreichen Ergebnis gelangt sind, sagen Sie uns doch bitte Bescheid!
H – Handel
Hatten Sie in der letzten Zeit ungewöhnliche Geschäftsideen? Unbedingt verfolgen! Denn wer hätte beispielsweise jemals gedacht, dass um Desinfektionsmittel, Gesichtsmasken oder Toilettenpapier noch so ein Wirbel gemacht werden wird. Statt Aktien zu kaufen, müssen wir nun über andere Investitionsmöglichkeiten und Verkaufsstrategien nachdenken. Sigmar Polke dachte einst schon darüber nach, ob der Handel mit Luft wohl noch lukrativ werden wird. In den Zeiten von durch Viren verseuchter Luft kein abwegiger Gedanke. Möglichst schnell sollten wir mit dem Horten beginnen und uns einen Vorrat anlegen. Füllen Sie Luft ab: bei Nacht, in der Natur, in entlegenen Gebieten oder auf dem Hausdach – und das in möglichst großen Behältern. Aber Pssst!
I – Interieur
In dieser Zeit, in der wir alle zu Hause bleiben, entgeht kein Detail des umgebenden Interieurs unserer kritischen Überprüfung. Kolleg:innen bekommen auf einmal Einblicke per Webcam in unsere eigenen vier Wände. Zeige mir wie Du wohnst und ich sage Dir, wer Du bist. Vielleicht ist es an der Zeit sich von alten Liebhaberstücken zu trennen? In diese Kategorie fallen die terrakottafarbene Wischtechnick, schicke Fototapeten oder Wandtattoos, weißes Kunstledersitzmobiliar, der Ficus Benjaminus oder die beliebte Wachstischdecke. Es hilft nichts, Ärmel hochkrempeln, ausmisten, umräumen und neu gestalten. Die Möbelhäuser sind wieder geöffnet. Sigmar Polkes Interieur von 1966 zeigte schon damals die in unserer heutigen Lebenssituation essentiell gewordene Innenausstattung – stellen Sie den Schreibtisch vor das Fenster, Blick nach draußen inklusive.
J – Jeux d’enfants
Spielen ist wichtig für Groß und Klein, kommt derzeit leider jedoch häufig zu kurz. Das Hin- und Herwerfen können wir empfehlen, versetzt es unsere Körper zumindest mal wieder in den Zustand von Aktivität und gewährt zeitgleich die Wahrung der gebotenen Kontaktsperre. Auf Sigmar Polkes Werk Jeux d’enfants werfen sich die in vermeintlicher Idylle spielenden Kinder den abgetrennten Kopf eines Mitglieds des Ancien Régime einander zu. Das sollte nun nicht unbedingt das Spielobjekt unserer Begierde werden, aber wie wäre es denn mit einem Blumenkohl, Kristallgläsern, Eiern oder einer Pampelmuse?
K – Kartoffel
In diesen surrealen Zeiten des Hortens und der Hamsterkäufe ist die Kartoffel nicht zu unterschätzen. Sie hat sich bereits lang bewährt und multipel einsetzbar scheint sie bedeutsamer als Nudeln und Klopapier zusammen. Schon Sigmar Polke hat bewiesen, das Schattengewächs eignet sich für viel mehr als den Verzehr. So kann man aus ihr Apparate bauen, Stücke entwerfen, Häuser bauen, die alten Exemplare zu Haufen stapeln oder ihnen auch einfach nur beim Sprießen zuschauen und dokumentieren wie lang die Triebe bis zum Herbst werden.
L – Langeweileschleife
Geplagt von Langeweile? Dann ist es Zeit für eine Schleife! Benötigt wird ausschließlich braunes Tesa- oder Paketklebeband und eine leere Wand. Lassen Sie Ihrer Stimmung nun freien Lauf und versuchen Sie die krummste, verschlungenste oder chaotischste Schleife mittels des Klebebandes zu fabrizieren. All diejenigen, die sich eine Vorlage wünschen, finden hier Inspiration.
M – Mu Nieltnam Netorruprup
Extra Knobelaufgabe für die Polke-Expert:innen und solche, die es noch werden wollen: Was diente Polke als Referenz für diesen bemerkenswerten Werk- und Ausstellungstitel? Einen Tipp geben wir: Nebelsrellaf. Zur Belohnung darf einmal am Fliegenpilz geleckt werden.
N – Negativwert
Wir möchten Sie dazu anregen in die alchemistischen Gefilde einzutauchen, mit Materie und Stoffen zu experimentieren, sich dem Zauber der Farben und ihrer Reaktion hinzugeben. Schenken Sie dem kleinen Polke in Ihnen Gehör und widmen Sie sich der besonderen Farbe Violett! Einen geeigneten Einstieg liefert folgendes Experiment: Stellen Sie zuerst Rotkohlsaft her, indem das in Stücke geschnittene (un)geliebte Gemüse mit einem Liter heißen Wasser übergossen wird. Nach ordentlicher Abkühlung wird das violette Gebräu gefiltert in drei Behältnisse abgefüllt. Verabreichen Sie anschließend den Gefäßen separat jeweils ein paar Tröpfchen Zitronensaft, Duschgel oder Bröckchen von Waschpulver. Verzeichnen Sie nun Ihre Beobachtungen. Wir raten von der Verkostung dringend ab. Falls Sie nicht wiederstehen können, kommen die restlichen vier Liter Wasser ins Spiel, um den Mund auszuspülen. Haben Sie diesen Versuch erfolgreich absolviert? Herzlichen Glückwunsch, dann können Sie jetzt auf Silbernitrat, Quecksilber und Uran umsteigen.
O – Overall
Schon Polke wusste die Funktion des Overalls zu schätzen, wie zahlreiche Fotos beweisen. Versuchen Sie doch auch mal in das extravagante Outfit zu schlüpfen, statt sich an Jogginghosen, Leggins, Kapuzenpullis und anderen fragwürdigen, derzeit hochfrequentierten Kleidungsstücken zu bedienen. Denn der Überzieher hat nur vereinzelte Öffnungen, ist überaus bequem und strapazierfähig, um nur einige Vorzüge zu nennen. Sobald die Wohnung betreten wird, kann dieser als Ganzes mit Mundschutz und Handschuhen abgestriffen werden und man fühlt sich wie neu geboren.
P – Polkes Peitsche
Trotz ‚Social Distancing‘ gehen Ihnen eine Reihe von Leuten gehörig auf den Wecker? Politiker:innen? Passant:innen? Virolog:innen? Partner:in? Kinder? Eltern? Man besinnt sich derzeit ja wieder zurück auf alte Werte, mit denen alles besser war. Vielleicht ist die Zeit wieder reif für (maß- und humorvolle) Züchtigung. Das Prinzip von Polkes Peitsche lässt sich für unsere Zwecke hervorragend übertragen und eignet sich als Verlängerung des Armes besonders (Sicherheitsabstand!). DIY: Sie benötigen lediglich einen Stock mit Klebeband und einer Länge von ca. 70cm (ein Besenstiel tut es auch), fünf Fotomaten-Fotos an Kordeln, die Sie in den Stadien Ihres derzeitigen Unmutes zeigen. Zusammengesetzt soll das Ganze dann ungefähr so aussehen, wie hier, beim Auspeitschen mit Polke. Für die selbstkritische Fraktion: Das Utensil eignet sich ebenso hervorragend zur Selbstgeißelung.
Q – Quadrate
Sind Ihre Augen bzw. Pupillen schon quadratisch dank der Stunden vor diversen Bildschirmen, geschuldet den Video-Konferenzen, i-Calls, FaceTime-Sitzungen, der Beantwortung unzähliger Emails und Nachrichten, nicht zu vergessen dem Konsum der zusätzlich ausgestrahlten Folgen von der Sendung mit der Maus sowie den neuesten Netflix-Serien? Dann stellen wir Ihnen hiermit ein Rezept aus: Richten Sie zum Ausgleich Ihre Aufmerksamkeit auf das (analoge!) Zeichnen und Ausmalen von Quadraten. Sie fangen an mit kleinen schwarzen Quadraten, gehen über zu gelben Quadraten, anschließend widmen Sie sich weißen Quadraten, bis auf magische Weise Ihre Augen wieder die Ursprungsform angenommen haben.
R – Reiher
Sehnen wir uns derzeit nicht alle nach kleinbürgerlichen Idealen? Nach großzügigen Balkonen und Gärten, nach Sicherheit im behüteten Eigenheim, nach Gefriertruhen und Eisschränken, die Vorräte für Wochen beherbergen können? Demgegenüber verspüren wir jedoch ebenso den Drang nach Ausbruch und Exotik, nach einem Stückchen Freiheit, einem Hauch Abenteuer. Wie wäre es deshalb mit einer kleinen Ornithologie-Einheit? Auch in unseren Gefilden gibt es schließlich so exotische Exemplare wie den Reiher, die Nilgans, ganz zu schweigen von den Schwärmen von Halsbandsittichen. Packen Sie den Feldstecher aus und machen sich auf die Suche nach unseren gefiederten Freunden. Ob vom Küchenfenster aus oder auf Tuchfühlung im Anpirschmodus – hier ist alles erlaubt, es herrscht derzeit schließlich keine Vogelgrippe. Vom Verzehr raten wir trotzdem dringend ab!
S – Schimpftuch
Ist Ihnen in diesen Tagen nicht auch außerordentlich häufig nach einer Schimpftirade zumute? Angefangen bei dem unflätigen Verhalten anderer Supermarktbesucher:innen bis hin zu Politikern, die vorschlagen sich selbst eine ordentliche Portion Desinfektionsmittel zu spritzen. Wie befreiend wäre es laut „du Eumel“ oder „du Stinkmorchel“ hinaus in die Welt schreien zu können und sich ein wenig Luft zu verschaffen. Im Hinblick auf den sozialen Frieden, der gewahrt werden soll, ist das natürlich nicht ganz unproblematisch. Unser Vorschlag: Transferieren Sie diesen Drang – manche Dinge sollten besser aufgeschrieben werden. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Sigmar Polkes Schimpftuch. Verschriftlichen Sie prägnante, Ihnen auf der Zunge liegende Worte entweder auf einem Taschentuch, einem alten Spannbettlaken oder anderen Stoffresten. Das gewählte Format eröffnet verschiedene Anschluss-Szenarien: So kann Ihr persönliches Schimpftuch aus dem Fenster gehängt werden – gut sichtbar für alle Nachbar:innen – oder Sie auch einfach in der Hosentasche zum nächsten Supermarktbesuch begleiten.
T – Telefonzeichnung
Telefonzeichnungen sind ein Spaß für alle Hausbewohner:innen. Telefonieren, Skypen, Zoomen sind die Werkzeuge der aktuellen Kontaktaufnahme. Das bietet häufig freie Hände, die beschäftigt werden wollen. Man nehme ein paar große Papierbögen und lege diese neben den Kommunikationsapparat der Wahl. Über mehrere Tage und Wochen dürfen diese von den diversen Personen des eigenen Haushaltes gleichzeitig verziert, bekritzelt, mit Notizen oder Kaffeeflecken versehen werden. Was sich schon bei den Bewohner:innen des Gaspelshof bewährt hat, funktioniert auch heute noch. Was dabei herauskommt – ob Kunstwerk oder Andenken – bleibt Ihnen überlassen.
U – Unendlichkeitsacht
Sind Sie inzwischen soweit, dass alle Seiten der Zauberwürfel farblich übereinstimmen, die Klangschalen zerbrochen, zahlreiche Mandalas ausgemalt und Sudokus und Kreuzworträtsel ausgefüllt (oder zerrissen) sind? Dann laden wir Sie zu einer Fahrt auf der Unendlichkeitsacht ein. Driften Sie mit Hilfe des Hubble-Teleskops in die wahrhaftige Unendlichkeit und Weite tausender Galaxien ab. Dabei können Sie nach schwarzen Löchern oder Fliegenden Untertassen Ausschau halten. All diejenigen, die etwas mehr auf dem Boden geblieben sind, markieren im Garten oder größten Zimmer der Wohnung das Unendlichkeitszeichen: die Acht. Fahren Sie dieses ab. Als Vehikel erlaubt sind Bobby Cars, Fahrräder, Motorräder, eigentlich alles was Räder hat – außer E-Roller. Bitte verfolgen Sie die Tätigkeit bis Sie sich vollends im Zustand eines höheren Seins oder der geistigen Umnachtung befinden. Beides liegt ja nicht allzu weit auseinander.
V – Vorgartenausstellung
Wenn Sie sich unser ABC zu Gemüte geführt und jeden Punkt ordentlich bearbeitet haben, sollte aus den Buchstaben G, S, T, X, Z eine Reihe mehr oder weniger ansehnlicher Ergebnisse entstanden sein. Sie fragen sich nun: „Was mache ich mit dem Kram?“ Selbstverständlich haben wir auch hierfür einen polkeesken Vorschlag parat. Ergreifen Sie die Initiative und organisieren eine Vorgartenausstellung. Stellen Sie die Artefakte in Ihrem Vorgarten ab, drapieren Sie diese auf Matsch und Gras, lehnen Sie diese an Mülltonnen, Zäune, Bäume oder Büsche. So können die Meisterwerke Ihrer Schöpfung mit mehr als zwei Meter Abstand von der Straße bestaunt werden. Vielleicht werden Sie auf diesem Wege sogar noch entdeckt. Sigmar Polke, Gerhard Richter und Konrad Lueg bescherte das zwei Wochen später in der Galerie Parnass, Wuppertal, immerhin eine Ausstellung. Wer keinen Vorgarten hat, sucht sich einfach einen geeigneten in der unmittelbaren Nachbarschaft aus. Schrebergärten sind nicht erlaubt.
W – Würstchen
Therapeutisch wird gerne das Zählen als meditative Aufgabe verordnet. Für uns hat sich das Zählen von Würstchen im Besonderen bewährt – ob im Glas, in der Packung oder der Vorratskammer ist dabei egal. Die vegetarischen und veganen Leser:innen der POLKE POST können die Würstchen auf Sigmar Polkes gleichnamigem Bild zählen: Blättern Sie dazu beispielsweise S. 43 im Katalog Sigmar Polke. Werke aus der Sammlung Froehlich (Museum für Neue Kunst, ZKM Karlsruhe, 2000/01) auf.
X – Xerox
Wollten Sie nicht auch schon längst ihrem kreativen Potential freien Lauf lassen, sich selbst künstlerisch betätigen – auch schon vor Covid-19? Dann möchten wir Sie hierzu unbedingt ermutigen. Aber bitte keine Panik, Sie brauchen hierfür keine Staffelei, müssen sich nicht von Lösungsmittelschwaden benebeln lassen oder kiloweise Farbe anschaffen. Sie benötigen – Schritt 1 – lediglich einen handelsüblichen Kopierer. Schritt 2 besteht in der Wahl eines Motives: Die Zaghafteren unter Ihnen nehmen ein Foto oder eine Zeichnung. Achtung, beim Vorgang des Kopierens, soll nun zaghaft an der Kopie gezogen bis heftig gerüttelt werden. Die Wagemutigen unter unseren Leser:innen, können die Köpfe Ihrer Kontaktpersonen oder Pfoten der Haustiere verzerrt ablichten. Die Anna Polke-Stiftung übernimmt weder Verantwortung noch Haftung für das Wohl der Beteiligten, weder lebend oder technisch.
Y – Yggdrasil
Nein, diesen Begriff haben wir uns nicht zu Ihrer Verwirrung selbst ausgedacht. Es handelt sich hierbei um die sogenannte Weltesche, auch bekannt als den das Universum verkörpernden Weltenbaum. Viele von uns geben sich momentan einer verstärkten Meditations- und Yogapraxis hin. Falls Sie zu diesen Ambitionierten gehören, integrieren Sie die Stellung des Yggdrasils in Ihren persönlichen Ablauf. Aufrechter Stand, die Arme nach oben langgestreckt, während die Hände mit gespreizten Fingern abgeknickt zu beiden Seiten nach Außen zeigen. Heben Sie anschließend das rechte Bein an, bis Ihr Fuß auf der Höhe Ihres Gesichts erscheint. Berühren Sie nun mit dem großen Zeh den linken Nasenflügel. Wir verbleiben hier für mindestens sechs Atemzüge, ommmmmmmm.
Z – Zollstockpalme
Erinnert Sie Ihre Zimmerpalme auch an die verpassten Reisen für dieses Jahr? Schwelgen Sie von Zeit zu Zeit sehnsüchtig in die Ferne? Dann fertigen Sie sich Ihre eigene Palmenserie, aus: einem Zollstock, den Brotresten Ihrer Kinder, den aufbewahrten Knöpfen der letzten Jahrzehnte, den abgestreiften Gummihandschuhen des vergangenen Einkaufs, den übriggebliebenen Geburtstagsluftballons, Ihren Wattepads, übereinandergestapelten Gläsern – oder Sie stellen die Liebsten Ihrer Wahl mit Papierwedeln zur Polke als Palme im Garten oder Wohnzimmer auf.
CL
Polke Post 6 - Das Quarantäne-ABC
POLKE POST 6
Das Quarantäne-ABC