Die Eröffnung der 58. Biennale in Venedig am 11. Mai 2019 inspiriert uns zu der zweiten Ausgabe unserer POLKE POST. Sigmar Polke wurde für die Ausgestaltung des Deutschen Pavillons im Rahmen der 42. Biennale Venedig im Jahr 1986 mit dem Goldenen Löwen geehrt. Dierk Stemmler, der damalige Kurator, hat uns diese Skizze vom Aufbau der Werke im Pavillon für unser Archiv überlassen.
Polke Post 2 - Der Kurator Dierk Stemmler über Sigmar Polkes Athanor-Installation bei der 42. Biennale di Venezia, 1986
POLKE POST 2
Dierk Stemmler über Sigmar Polkes Biennale-Beitrag 1986
Stemmler äußerte sich 2010 in einem Gespräch mit Anna Polke über Polkes Installation Athanor. Wir freuen uns, daraus zitieren zu dürfen:
„Die Lackbilder wurden in der Mitte des Hauptraumes installiert. Diese Installation war auch insofern bemerkenswert, als sie bezogen war auf eine Wandmalerei in der Konche, die, wie man ja weiß, auf Luftfeuchtigkeit reagierte. Diese Art der Reaktion als Malerei einzusetzen war meines Wissens neu und fand von vielen Experten starke Beachtung. Dadurch, dass es sich bei den Lackbildern um Riesenformate handelte und diese teilweise links und rechts jeweils einen Durchgang zu einem der Nebenräume verdeckten, entstanden Sequenzen von Dreierreihen, aber in unregelmäßigen Abständen. Wenn man sich auf die Konche zubewegte entstand somit eine Art von Arrhythmie, was ungeheuer spannend war. Das war eine ganz fantastische Choreografie von Malerei im Raum. Und hinzukam, dass zwei Details plastischer Art dem Ganzen noch einen besonderen Akzent verliehen. Das war einmal ein vom Ruhrlandmuseum der Stadt Essen ausgeliehener Meteorit, der wie ein Magnet wirkte und die Empfindung sich bewegender Kräfte auslöste. Die rechte Ecke des Pavillons wurde von Sigmar ausersehen, um dort einen Zinnoberstein zu installieren. (…)
Übrigens ist natürlich eines der Merkmale seiner Kunst deren wunderbare Vielschichtigkeit. Unterschiedlichste Strukturen, aus den verschiedensten Bereichen dieser Welt, treten mit erfundener, innerer Wirklichkeit zueinander und auch hintereinander, sodass sich überlagernde Transparenzen entstehen. Sigmar Polke sprach in späteren Jahren – so in einem Gespräch mit Rita Blumenthal über deren mehrschichtige Malereien auf Folien – über das Problem der Transparenz als Möglichkeit einer zurückzugewinnenden Räumlichkeit, ohne dass Perspektive gezeichnet werden muss. Das ist bemerkenswert. In diesem Sinne kommt es zu einem Strukturvergleich, der sich eben im Bilde ereignet und zugleich auch von Bild zu Bild fortsetzt, wie später entstandene Zyklen und Werkgruppen bezeugen. Das Oszillieren zwischen den Wirklichkeiten provoziert Mutmaßungen, etwas Figuratives auszumachen, da wo es nicht greifbar ist, nicht dingfest gemacht werden kann. Dennoch ist eine Welt aber präsent: eine Bildwelt, die Vergangenheit, Gegenwart und auch Utopie sowie Fiktion zusammenschweißt. Das ist natürlich auch im Grunde der Gedanke des Athanor, des alchemistischen Schmelzofens, in der Installation der Venedig Biennale gewesen.“
(Dierk Stemmler im Gespräch mit Anna Polke, 2010, Auszug. Das gesamte Gespräch liegt im Archiv der Anna Polke-Stiftung vor)