Polke Post 12 - Droste Festival Dark Magic: Sophia Stang über Sigmar Polke und das Magische

POLKE POST 12
Sigmar Polke und das Magische

Die #12 der POLKE POST befasst sich mit Polkes Faszination für das Magische. Auf Einladung der Burg Hülshoff – Center for Literature nahmen Anna Polke und Sophia Stang am digitalen Droste Festival rund um das Thema Dark Magic teil. Der Abend am 25. Juni 2021 widmete sich den magischen Korrespondenzen im Werk von Sigmar Polke und Thomas Kling: Magier unter sich und unter uns: Thomas Kling und Sigmar Polke – Lesung, Talk und Gesprächsrunde mit Anna Polke, Marcel Beyer, Sophia Stang und Gabriele Wix.
Wir nehmen diese besondere Veranstaltung zum Anlass für unsere POLKE POST und teilen einen Auszug aus dem Vortrag „Du musst schnell gucken“. Magie und flüchtige Materialisierungen im Werk Sigmar Polkes von Sophia Stang: ­ ­ ­

Gespenster, Zauberer, optische Täuschungen, Zauberlaternen, Magische Quadrate und parapsychologische Phänomene. Die Magie hat Sigmar Polke produktiv auf den verschiedenen Ebenen des Arbeitens genutzt:als Thema seiner Malerei, gebunden an die Darstellung konkreter Figuren oder Objekte, aber vielmehr noch reizte sie ihn als fruchtbarer Nährboden des künstlerischen Schaffensprozesses. Sie tritt zutage in seinem Interesse an alchemistischen Prozessen, den Kräften der Materialien und den mitunter unvorhersehbaren Umwandlungen ihrer Verbindungen. Das Magische, ob spirituellen Ursprungs oder als Ergebnis des Waltens von stofflichen Eigenheiten, ist substantieller Bestandteil seines Spiels mit Bildträger und dem Publikum, das vor Polkes chamäleonartigen Bildern auf- und ab-, in die Hocke, auf die Zehenspitzen und ganz dicht herangeht oder gar versucht, einen Blick hinter das Bild zu erhaschen.

„Du musst schnell gucken. Bei meinen Bildern musst du sehr schnell gucken. […] Ein Bild wird erst zum Bild, wenn man das seinige dazutut. Bei veränderlichen Bildern musst Du Dich selbst da hereinbringen, damit Du mitfliessen kannst. Sonst fällst Du aus dem Rahmen. Sonst fällt das Bild von der Wand.“

Sigmar Polke, zit. n. der dt. Version des Interviews mit Bice Curiger aus art press (1984) in: Parkett, Nr. 26, 1990, S. 6–27, hier: 15.

Zu Polkes Interesse für Erscheinungen übersinnlicher, unerklärlicher Kräfte und Wahrnehmungstäuschungen tritt in den 1980er Jahren die Begeisterung für Farben, deren Ursprung, Gewinnung und Geschichte, die Erde und die Mineralien. Angeregt durch seine großen Reisen des Jahrzehnts – hierzu zählt allen voran die mehr als ein Jahr dauernde Reise durch Australien, Indonesien, Malaysia, Papua-Neuguinea, Singapur und Thailand von Frühling 1980 bis 1981 – beschäftigt er sich mit der Farbe.  […] Dabei weckte besonders die Monochromie von violettem Pigment sein Interesse. Er beschreibt: „[…] ich bin bei den Farben eingestiegen, bin aber nicht auf Erdfarben gekommen, sondern auf Violett. Eine ganz abstrakte Angelegenheit, die es nur hier gibt; das ist für mich auch überraschend.“[2] In nicht wenigen seiner Bilder seit den 1980er Jahren arbeitet er mit dieser geläufigen Industriefarbe, so auch in der 1982 entstandenen Werkgruppe Negativwerte, die Polke im Jahr ihrer Entstehung, in der von Rudi Fuchs ausgerichteten documenta 7 präsentierte. Über den drei 260 × 200 cm großen Leinwänden liegt ein Goldschimmer, den der Künstler durch Reibung, durch Polieren des aufgetragenen Pigments erzeugte und der durch die weiße Grundierung der Leinwände reflektiert und somit verstärkt wird.[3] Lichteinfall lässt die Bilder unterschiedlich aussehen – für keine und keinen Betrachtenden ergibt sich der gleiche Anblick, je nach Blickwinkel changieren die Bilder zwischen Hell und Dunkel, zwischen Lila, Olivgrün und Gold. Der Titel der Arbeiten erinnert an fotografische Verfahren, an die Umkehr von Tonwerten beim Negativfilm: Bei dem Material, das sich umgekehrt zu Helligkeit und Farbe des aufgenommenen Motivs verhält, wird das Helle dunkel und das Dunkle hell. 

Sigmar Polke, Negativwert III (Aldebaran), 1986
Sigmar Polke, Negativwert III (Aldebaran), 1986 | © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn

Das Changieren der Pigmente evoziert ein kosmisches Leuchten, das zugleich von den dunklen Tiefen der Leinwände wieder geschluckt wird; es sind galaktische Lineamente und Gebilde auszumachen, die an Sternennebel und bewegte Szenen am Nachthimmel ebenso wie an dunkle Materie des Weltalls erinnern. Die drei Werke hat Polke als Zusatz mit den Namen der Sterne Alkor, Mizar und Aldebaran betitelt. Aldebaran gehört zum Sternbild Stier und zu den hellsten Sternen am Firmament. Mizar ist ein heller Doppelstern, der vom kleineren Stern Alkor begleitet wird (Pferd und Reiter); die beiden bilden die Deichsel des Großen Wagens und gelten als „Augenprüfer“: Schon mit bloßem Auge kann man sie erkennen und so die eigene Sehkraft testen. So sucht das betrachtende Auge nach Fixpunkten auch in Polkes Negativwerten. Versucht man diese Gemälde, beispielsweise als Exponate in einer Ausstellung fotografisch festzuhalten, scheinen sie jedes Licht zu schlucken. Die evozierte dunkle Tiefe erinnert auch an einen schwarzen Spiegel (ein Obsidian), der als Werkzeug der Zauber- und Wahrsagekunst übersinnliche Erkenntnisse verspricht. […] Von der Kritik wurde dieser neue Aspekt des Materials in Polkes Schaffen zunächst nicht unbedingt begrüßt. 1984 werden die Negativwerte beispielsweise bei der monografischen Ausstellung im Kunsthaus Zürich von Harald Szeemann an einem Nebenschauplatz, im Treppenhaus, gezeigt.[4] Seine Werke waren als bissige Auseinandersetzungen mit dem gesellschaftlichen und politischen Zeitgeschehen angenommen worden, die nun zu fehlen schienen.

Betrachtet man es unter den hier im Vordergrund stehenden Themen, wird klar, dass es sich nicht um einen Umbruch, sondern eine konsequente Fortsetzung seines Schaffens (wie auch schon in anderen Zusammenhängen vorgeführt) handelt. Gemein sind die Reflexion und Aufforderung zum kritischen Sehen, denn in der Regel sehen wir die Dinge nicht so wie sie sind. Illusion und Irritation sind in Sigmar Polkes Schaffen verschiedenster Gattungen wesentliche Aspekte. Auch seine Materialexperimente sind gekennzeichnet durch Störungen zu erwartender Prozessverläufe und „fehlerhafte“ Resultate.  […]
 
Dem Paradoxon, dass Kunstwerke mit der Zwangsläufigkeit ihrer Entstehung in Stagnation existieren, dem setzte Polke mit der „chamäleonartigen Natur”[5] seiner Werke die Bewegung, das Veränderliche, das Mögliche und Prozesshafte entgegen. 
Der Zugang über die mystischen Felder der Magie, Zauberkunst oder Alchemie unterstützte sein Anliegen, in seinem Schaffen Fixierungen auszuweichen; der Fixierung auf Herkunft, Historie, Autorschaft und nicht zuletzt die vermeintlichen Wahrheiten, die Bilder vorgeben zu transportieren. Die ständige Veränderung und das Vibrieren seiner Bilder zwingen uns nicht nur zum schnellen Gucken, sondern auch zum ständigen Hinterfragen unserer Wahrnehmung, danach, was wahr und falsch, was Traum, Zauber, Magie und was Wirklichkeit ist.                        

Sophia Stang

[1] Sigmar Polke, zit. n. der dt. Version des Interviews mit Bice Curiger aus art press (1984) in: Parkett, Nr. 26, 1990, S. 6–27, hier: 15.
[2] Ebd., S. 8. 
[3] Ich danke Michael Trier für wichtige Hinweise zur Technik.
[4] Siehe hierzu auch Bice Curiger im Rahmen des POLKE SALON 2 im Gespräch mit Julie Sissia,https://www.anna-polke-stiftung.com/veranstaltungen/#polke-salon
[5] Thomas McEvilley, Flower Power or Trying to Say the Obvious about Sigmar Polke, in: Parkett, Nr. 30, 1991, 
S. 32–55, hier: 51.