POLKE POST 5
POLKE x BLAUDZUN. Musik ungeklärter Herkunft
Anlässlich dieser spannenden künstlerischen Begegnung haben wir Nina Bingel
(stv. Leiterin der Abteilung Kunst des ifa) gebeten, uns einige Fragen zu beantworten:
APS: Das Konzept der ifa-Tourneeausstellungen gibt es seit etwa 50 Jahren. Es handelt sich um ein außergewöhnliches kulturpolitisches Format von Ausstellungen, die für das Reisen kuratiert sind. Wie entsteht eine solche Ausstellung?
NB: Wir überlegen gemeinsam mit Kuratorinnen und Kuratoren, einem Fachbeirat und intern, welche Themen und welche Künstlerinnen und Künstler für ein internationales Publikum relevant sein könnten. Dann erstellen wir die Ausstellung und bieten sie Museen weltweit an. Die Tourneen laufen in der Regel mindestens 5 Jahre, aber meist viel länger. Die Ausstellung mit den Arbeiten von Sigmar Polke ist seit 1997 auf Tournee, und sie wird immer noch nachgefragt.
APS: Sie laden seit einigen Jahren die ortsansässigen Kuratorinnen und Kuratoren ein, sich mit den Kunstwerken Ihrer Ausstellungen auseinanderzusetzen, so dass Ko-Kreationen und Synergieeffekte entstehen. Wie funktioniert das? Können Sie das Ergebnis der Zusammenarbeit mit dem Kurator Eric Wie (Cobra Museum voor Moderne Kunst) schildern?
NB: In diesem Fall war es so, dass Eric Wie auf uns zukam mit der Idee den Komponisten und Musiker Blaudzun einzuladen, auf die Arbeiten von Sigmar Polke musikalisch zu reagieren. Blaudzun hatte sich bereits 2018 musikalisch mit Vincent van Goghs Weizenfeld mit Schnitter und Sonne beschäftigt. Bei anderen Projekten hatten wir in der Vergangenheit mit den Kuratorinnen und Kuratoren der Partnermuseen lokale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, Teil der ifa-Ausstellungen zu werden. Bei unseren aktuellen, neuen Projekten versuchen wir gemeinsam mit den Kuratorinnen und Kuratoren der Partnermuseen schon die Ausstellung von Anfang an gemeinsam zu entwickeln und den Entstehungsprozess einer Ausstellung gemeinsam zu gestalten.
APS: Was zeichnet Polkes Arbeiten Musik ungeklärter Herkunft aus Ihrer Sicht besonders aus? Worin liegt Ihrer Meinung nach das Faszinierende, das den internationalen Erfolg dieser Tourneeausstellung begründet?
NB: Sigmar Polkes Werk ist für mich geprägt durch eine verwirrende Vielfalt von bildlichen Informationen und Ausdrucksformen. Die hier gezeigten 40 Papierarbeiten geben einen Einblick in das unglaubliche Repertoire an unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksweisen von Sigmar Polke. Es reicht von linearen oder in Punktraster zerlegten Figurationen, über Ornamente bis zu völlig gegenstandsfreien impulsiven Farbausdrücken. Da wir eher daran gewöhnt sind, künstlerische Individualitäten an ihren unverwechselbaren Erkennungszeichen festzumachen, hat Polkes Werk stets viele Gesichter und Handschriften. Ich könnte mir vorstellen, dass der Erfolg darin begründet ist, dass diese unterschiedliche Ausdrucksweise die Besucherinnen und Besucher fasziniert, erstaunt, anregt und beschäftigt.
APS: Die Bildtitel von Polkes Gouachen haben einen besonderen Stellenwert und Charakter. Wie ist Ihre Erfahrung mit der internationalen Rezeption dieser sperrigen und nicht leicht zugänglichen deutschen Titel?
NB: Soweit ich das überhaupt beurteilen kann, wirken die Titel, die immer in die jeweilige Landessprache übersetzt werden, an den internationalen Ausstellungsorten ähnlich verstörend wie sie auch ein Publikum in Deutschland irritieren. Die Erwartung über den Bildtitel mehr über das Werk zu erfahren, wird nicht erfüllt. Der Titel gibt eher Rätsel auf, als diese zu lüften. Nach einem ersten ratlosen Gesichtsausdruck kann man oft ein plötzliches Lächeln oder ein Schmunzeln beobachten. Man entdeckt den ironischen Charakter seiner Werke und die verborgenen Botschaften.
APS: Wo wird die Sigmar Polke Tourneeausstellung des ifa als nächstes zu sehen sein? Dürfen Sie dazu schon etwas verraten?
NB: Wir planen die nächste Station der Ausstellung Mitte des Jahres in Priština (Kosovo). Die Kooperation zwischen deutschen Museen und Museen in dieser Region ist sehr gering, so dass diese Museen die Chance ergreifen, über das ifa Arbeiten eines wichtigen und wegweisenden Künstlers zu zeigen, der zu den experimentierfreudigsten Vertretern seiner Generation gezählt wird.