Polke Post 5 - Ausstellung in Amstelveen: POLKE x BLAUDZUN. Musik ungeklärter Herkunft. Interview mit Nina Bingel (ifa)

POLKE POST 5
POLKE x BLAUDZUN. Musik ungeklärter Herkunft

Sigmar Polke,
Sigmar Polke, Musik ungeklärter Herkunft, 1996 | © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn

Mit der POLKE POST 5 laden wir zu einem Ausstellungsbesuch nach Amstelveen (NL) ein. Das Cobra Museum voor Moderne Kunst zeigt dort die Ausstellung POLKE x BLAUDZUN. Muziek van onbekende herkomst (Polke x Blaudzun. Musik ungeklärter Herkunft). Die 40 großformatigen Gouachen Sigmar Polkes entstanden 1996 eigens für das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) und reisen seitdem als Tourneeausstellung um die Welt. Das Projekt in Amstelveen ist aber mehr als die bloße Präsentation der Werke, es hat vielmehr experimentellen Charakter und belegt erneut, dass Sigmar Polke bis heute zeitgenössische Künstler:innen inspiriert. Im vorliegenden Fall begab sich der Musiker und Komponist BLAUDZUN auf eine musikalische Suche, die der Niederländer wie folgt beschreibt:

"Bei diesem Projekt hatte ich viel Freiheit; hier musste ich als Komponist und Musiker wirklich meine üblichen Wege verlassen. Dabei habe ich mich manchmal eher wie ein Gärtner gefühlt, der vor allem den Raum für Pflanzen bzw. in diesem Fall Klänge schaffen muss, damit sie für sich wirken können."

Entstanden ist das neun Songs umfassende Album Musik ungeklärter Herkunft. In der Ausstellung werden seine Kompositionen zu Gehör gebracht und treten so in einen direkten Dialog mit den Exponaten. Die beiden Künstler verbindet die Vielschichtigkeit und der Formenreichtum in ihrer Kunst. 

Porträt von Blaudzun mit Lichteffekten
Porträt von Blaudzun, inspiriert von Sigmar Polkes Werk Schwarz mit guten Erinnerungen | © Foto: Isolde Woudstra

In einem von Sacha Bronwasser geführten Interview beschreibt BLAUDZUN seine Begeisterung für Sigmar Polkes Werk und seinen Zugang dazu: 

„Man weiß nie wirklich, worauf Polke aus war. Manchmal sind seine Arbeiten satirisch, manchmal poetisch. Oft sind sie ziemlich konzeptuell. Und dann diese Titel, die sehr schön sind, aber nicht per se erklärend. Es können Zitate aus TV-Shows sein, Schlagzeilen, oder Sätze, die er auf der Straße gehört hatte. Ich selber arbeite ja sehr intuitiv und mir wurde sofort klar: Ich werde dieses Werk nicht interpretieren oder erklären. Aber wenn es ein Dialog zwischen Polkes Arbeit und mir sein kann, bin ich dabei. (…) Es macht einen Riesenunterschied, ob man eine Arbeit auf einem Bild sieht oder sie real vor Augen hat. Beispielsweise hatte ich die Gouache Nr. 28 zuerst nicht in Betracht gezogen, trotz des schönen, seltsamen Titels, in dem es um Nachtvögel geht, die sich über das Aufsteigen des Mondes beschweren. Doch dieses Bild sagte mir nichts, bis ich vor ihm stand; erst als ich davor stand … die Textur dieser Arbeit ist sehr speziell. Über ihr liegt eine eigenartige Silberschicht, sodass man sozusagen die Reflektion des Mondes aus dem Titel darin sehen kann." [Sigmar Polke, Schwärze beim Aufsteigen des Mondes, das Gekreisch der Nachtvögel, wenn sie sich über das Aufgestörtwerden beschweren, in der Bildergalerie der Museumswebsite zu sehen]

Anlässlich dieser spannenden künstlerischen Begegnung haben wir Nina Bingel
(stv. Leiterin der Abteilung Kunst des ifa) gebeten, uns einige Fragen zu beantworten:

APS: Das Konzept der ifa-Tourneeausstellungen gibt es seit etwa 50 Jahren. Es handelt sich um ein außergewöhnliches kulturpolitisches Format von Ausstellungen, die für das Reisen kuratiert sind. Wie entsteht eine solche Ausstellung?

NB: Wir überlegen gemeinsam mit Kuratorinnen und Kuratoren, einem Fachbeirat und intern, welche Themen und welche Künstlerinnen und Künstler für ein internationales Publikum relevant sein könnten. Dann erstellen wir die Ausstellung und bieten sie Museen weltweit an. Die Tourneen laufen in der Regel mindestens 5 Jahre, aber meist viel länger. Die Ausstellung mit den Arbeiten von Sigmar Polke ist seit 1997 auf Tournee, und sie wird immer noch nachgefragt.

APS: Sie laden seit einigen Jahren die ortsansässigen Kuratorinnen und Kuratoren ein, sich mit den Kunstwerken Ihrer Ausstellungen auseinanderzusetzen, so dass Ko-Kreationen und Synergieeffekte entstehen. Wie funktioniert das? Können Sie das Ergebnis der Zusammenarbeit mit dem Kurator Eric Wie (Cobra Museum voor Moderne Kunst) schildern?

NB: In diesem Fall war es so, dass Eric Wie auf uns zukam mit der Idee den Komponisten und Musiker Blaudzun einzuladen, auf die Arbeiten von Sigmar Polke musikalisch zu reagieren. Blaudzun hatte sich bereits 2018 musikalisch mit Vincent van Goghs Weizenfeld mit Schnitter und Sonne beschäftigt. Bei anderen Projekten hatten wir in der Vergangenheit mit den Kuratorinnen und Kuratoren der Partnermuseen lokale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, Teil der ifa-Ausstellungen zu werden. Bei unseren aktuellen, neuen Projekten versuchen wir gemeinsam mit den Kuratorinnen und Kuratoren der Partnermuseen schon die Ausstellung von Anfang an gemeinsam zu entwickeln und den Entstehungsprozess einer Ausstellung gemeinsam zu gestalten.

APS: Was zeichnet Polkes Arbeiten Musik ungeklärter Herkunft aus Ihrer Sicht besonders aus? Worin liegt Ihrer Meinung nach das Faszinierende, das den internationalen Erfolg dieser Tourneeausstellung begründet?

NB: Sigmar Polkes Werk ist für mich geprägt durch eine verwirrende Vielfalt von bildlichen Informationen und Ausdrucksformen. Die hier gezeigten 40 Papierarbeiten geben einen Einblick in das unglaubliche Repertoire an unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksweisen von Sigmar Polke. Es reicht von linearen oder in Punktraster zerlegten Figurationen, über Ornamente bis zu völlig gegenstandsfreien impulsiven Farbausdrücken. Da wir eher daran gewöhnt sind, künstlerische Individualitäten an ihren unverwechselbaren Erkennungszeichen festzumachen, hat Polkes Werk stets viele Gesichter und Handschriften. Ich könnte mir vorstellen, dass der Erfolg darin begründet ist, dass diese unterschiedliche Ausdrucksweise die Besucherinnen und Besucher fasziniert, erstaunt, anregt und beschäftigt.

APS: Die Bildtitel von Polkes Gouachen haben einen besonderen Stellenwert und Charakter. Wie ist Ihre Erfahrung mit der internationalen Rezeption dieser sperrigen und nicht leicht zugänglichen deutschen Titel?

NB: Soweit ich das überhaupt beurteilen kann, wirken die Titel, die immer in die jeweilige Landessprache übersetzt werden, an den internationalen Ausstellungsorten ähnlich verstörend wie sie auch ein Publikum in Deutschland irritieren. Die Erwartung über den Bildtitel mehr über das Werk zu erfahren, wird nicht erfüllt. Der Titel gibt eher Rätsel auf, als diese zu lüften. Nach einem ersten ratlosen Gesichtsausdruck kann man oft ein plötzliches Lächeln oder ein Schmunzeln beobachten. Man entdeckt den ironischen Charakter seiner Werke und die verborgenen Botschaften.

APS: Wo wird die Sigmar Polke Tourneeausstellung des ifa als nächstes zu sehen sein? Dürfen Sie dazu schon etwas verraten?

NB: Wir planen die nächste Station der Ausstellung Mitte des Jahres in Priština (Kosovo). Die Kooperation zwischen deutschen Museen und Museen in dieser Region ist sehr gering, so dass diese Museen die Chance ergreifen, über das ifa Arbeiten eines wichtigen und wegweisenden Künstlers zu zeigen, der zu den experimentierfreudigsten Vertretern seiner Generation gezählt wird.
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