Polke Post 23 - „He Jo, wat is mit de Butter aufs Brot?” – eine Zustiftung von Jo Baumann für unser Archiv

POLKE POST 23
„He Jo, wat is mit de Butter aufs Brot?”

Zeitungsausschnitt mit Werbeanzeige für Vogel's Brot und handgeschriebenen Grüßen
Zeitungsausschnitt, Zustiftung von Jo Baumann | © Archiv der Anna Polke-Stiftung

„He Jo, wat is mit de Butter aufs Brot?” Diese Grüße an Jo Baumann von Sigmar Polke und Britta Zöllner begleiten einen Zeitungsausschnitt mit einer Werbeanzeige für die neuseeländische Brotmarke Vogel‘s. Höchstwahrscheinlich entdeckte Polke die Anzeige auf einer gemeinsamen Reise mit seiner Partnerin Britta, die sie 1980–81 nach Südostasien, Australien und Papua-Neuguinea führte. Die grobkörnige Darstellung und das Motiv der Brotscheibe erinnern an Polkes frühe Rasterbilder aus den 1960er Jahren, die Annoncen für die Konsumgüter des Wirtschaftswunders zeigen, wie zum Beispiel Frau mit Butterbrot, 1964. Sigmar Polke sprang in diesem Fall jedoch wahrscheinlich der Markenname „Vogel“ ins Auge, bei dem er an den Namensvetter Carl Vogel in Hamburg dachte, den Präsidenten der dortigen Hochschule für Bildende Künste, an der Sigmar Polke 1970/71 und von 1977 bis 1989 eine Professur innehatte und der aufgrund seines Namens oftmals Zielscheibe von Wortspielereien und Scherzen war. Jo Bauman war von 1977–2003 an der HFBK tätig, zuerst als Sekretärin von Carl Vogel, später im Prüfungsamt und zuständig für die Stipendien. Diese Rolle füllte sie auf besondere Art aus und war nicht nur für Sigmar Polke, sondern auch für viele andere Lehrende und Studierende wichtige Ansprechpartnerin und Vertrauensperson.  

­Am 15. Mai 2023 starb Jo Baumann (geb. 1938) und der Zeitungsausschnitt wanderte als Teil eines Konvoluts von Dokumenten in das Archiv der Anna Polke-Stiftung. Wir danken Jo Baumann und ihrer Tochter Kate Rageth für die Zustiftung, die aus Briefen, Notizen, Unterlagen zu Polkes Lehrtätigkeit an der HFBK, sowie zu Ausstellungen und Preisen besteht. Es sind nicht nur Dokumente einer Zusammenarbeit, sondern auch einer langjährigen Freundschaft, die nach Ende der Lehrtätigkeit fortbestand.
 
Petra Lange-Berndt, Mitglied unseres Kuratoriums, erinnert sich an die Zusammenarbeit mit Jo Baumann im Kontext des dreiteiligen Ausstellungsprojekts Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen in der Hamburger Kunsthalle in den Jahren 2009 bis 2010:
 
„Wir haben Jo Baumann alles zu verdanken! Sie war über viele Jahre eine zentrale Figur für Lehrende wie Studierende an der HFBK in Hamburg, wo sie als Sekretärin gearbeitet hat. Diese Berufsbezeichnung verweist auf eine Tätigkeit in der Verwaltung mit Schwerpunkt auf Kommunikation. Aber diese trockenen Worte werden Jos Stellung und Person überhaupt nicht gerecht. Denn sie war ein zentraler Knotenpunkt menschlicher Beziehungen, die durch sie überhaupt erst entstanden, und agierte als enge Vertraute für viele Künstler:innen und vor allem für Sigmar Polke während seiner Professur und darüber hinaus.

Nach der Arbeit an der Kunstakademie ist Jo an die Hamburger Kunsthalle gewechselt, wo sie das Büro des dortigen Direktors Hubertus Gassner leitete. Ohne sie hätten wir – außer mir sind das Dorothee Böhm, Michael Liebelt und Dietmar Rübel – unser Ausstellungsprojekt über Sigmar Polke nie realisieren können. Denn nur über, mit und durch Jo ist es uns überhaupt gelungen, mit Sigmar in Kontakt zu kommen: Wir haben erst sie und nicht Gassner von unserem Vorhaben, Sigmars Kunst und Community der 1970er Jahre zu recherchieren und auszustellen, überzeugt. Und Jo hat im Anschluss mehr als ein gutes Wort für uns eingelegt. Auf diesem Weg gelang es schließlich, 2008 in Sigmars Atelier im Weyerstraßerweg in Köln zusammen zu kommen; auch hier war Jo mit von der Partie und hat vermittelt. Die gemeinsame Zugfahrt von Hamburg füllte sie zudem mit einer unendlichen Erzählung über Kunst und Künstler:innen – diese Energie ließ auch auf der Rückfahrt nie nach.  
 
Zudem konnten wir in unserer Ausstellung gleich im ersten Teil zum Thema Clique zahlreiche Archivalien und Kunstwerke aus Jo Baumanns Besitz ausstellen, Dinge, die sich auf zwei großen Tischvitrinen in einem Raum befanden, in dem auch Sigmar Polkes 30 Meter langer Fotofries Hamburg Lerchenfeld (1975/76) hing. So konnten wir uns mit dieser Hommage an die Hamburger Kunstakademie bereits in der Ausstellung bei Jo für ihre unschätzbare Hilfe bedanken. Als dann das Buch zu Sigmar Polke: Wir Kleinbürger! Die 1970er Jahre im Frühjahr 2009 vorlag, sind wir wieder alle zusammen mit Jo in den Zug von Hamburg nach Köln gestiegen und waren erneut im Dauergespräch unterwegs, bis es dann im Weyerstraßerweg Sekt für alle gab. Auch während dieser kleinen Book Release Party konnte niemand Jos guter Laune und Enthusiasmus widerstehen. Im Anschluss haben wir den Kontakt gehalten und verbrachten noch viele schöne Abende: Jo Baumanns Freundlichkeit, Unterstützung, ihr Wissen, ihre Kritik sowie ihre Offenheit werden wir nie vergessen. Umso mehr freuen wir uns, dass der Nachlass nun in der Anna Polke-Stiftung archiviert und zugänglich gemacht wird.“
 

Das Archiv der Anna Polke-Stiftung umfasst Presseartikel, Ephemera und Dokumente wie Korrespondenzen, Aufzeichnungen und Fotografien sowie Audio- und Video-Material wie Rundfunkbeiträge, Interviews und Dokumentationen von Veranstaltungen aus verschiedenen Quellen.
Das Archiv wird derzeit sukzessive erschlossen und steht Forschenden zur Verfügung. Wir danken der Archivförderung des LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrums sowie der Landesinitiative Substanzerhalt (LISE) für Beratung und finanzielle Unterstützung.