Stipendium 2026 - Ameli Klein Spuren des Ephemeren

Ameli Klein, Spuren des Ephemeren: Sigmar Polkes Venedig-Fotografien als hauntologisches Bildarchiv

Ameli Klein | © Foto: Lys Y. Seng

Ameli M. Klein ist Direktorin des Kunstverein Ludwigshafen. In ihrer Arbeit untersucht sie die Politik und Poetik von Wahrheit und verfolgt, wie Ideologien in Formen, Institutionen und dem kollektiven Gedächtnis wirksam werden. Unter Verwendung der Hauntologie als Methode schloss sie kürzlich den nomadischen Ausstellungszyklus Genius Loci: Notes on Places ab, der Vernon Lee gewidmet war; eine begleitende Publikation erscheint demnächst bei Deutscher Kunstverlag. Im Jahr 2026 kuratierte sie Fabricated Realities: Graphics at the Edge of Belief, die sechste Ausgabe des F.I.G. Festival for Illustration and Graphics in Sofia. Klein ist 2027 Visiting Fellow am Bard Graduate Center in New York City.

Wie bleiben Bilder bestehen, nachdem die Bedingungen ihrer Entstehung verschwunden sind? Was bleibt zurück, wenn Fotografien ihre dokumentarische Gewissheit verlieren und zu Orten von Mehrdeutigkeit, Transformation und Wiederkehr werden?

Mein Forschungsprojekt untersucht diese Fragen anhand eines bislang wenig beachteten Konvoluts von Fotografien, die Sigmar Polke während der Vorbereitungen zu Athanor für den Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig 1986 anfertigte.

Die Fotografien entstanden im und um den leeren Pavillon, bevor die Installation vollendet war, und nehmen innerhalb von Polkes Werk eine schwer einzuordnende Stellung ein. Weder sind sie reine Dokumentationen noch autonome Kunstwerke. Sie entstanden durch Verfahren der Schichtung, Mehrfachbelichtung, chemischen Intervention und materiellen Zufälligkeit. Anstatt eine stabile Realität festzuhalten, verwandeln sie die dargestellten Räume, lösen Architektur in Licht, Atmosphäre und geisterhafte Spuren auf. Die Kamera wird dabei weniger zu einem Instrument der Repräsentation als zu einem Medium der Transmutation.

Mein Projekt nähert sich diesen Fotografien durch das Konzept der Hauntologie, das von Jacques Derrida entwickelt und später von Mark Fisher weitergeführt wurde, um die Fortdauer der Vergangenheit in der Gegenwart zu beschreiben. Hauntologie beschäftigt sich mit Spuren, Abwesenheiten und ungelösten Geschichten – mit jenen Elementen, die gegenwärtige Erfahrungen weiterhin prägen, obwohl sie verloren oder vergessen scheinen. Polkes Venedig-Fotografien sind in einem besonders wörtlichen Sinne hauntologische Objekte. Sie halten einen Raum im Zustand des Werdens fest, noch bevor die Ausstellung existierte, und destabilisieren diesen Raum zugleich durch fotografische und chemische Transformationen. Es sind Bilder, die von dem heimgesucht werden, was noch nicht geschehen ist, und von dem, was sich nicht mehr vollständig rekonstruieren lässt.

Das Projekt untersucht darüber hinaus das Nachleben dieser Fotografien. Obwohl Teile der Serie im Athanor-Katalog veröffentlicht wurden und vierzig Unikate über den Museumsverein des Museums Abteiberg Mönchengladbach verbreitet wurden, ist das Konvolut inzwischen auf private und institutionelle Sammlungen verstreut. Heute existieren die Fotografien vor allem als Fragmente eines größeren Ganzen. Ihre Zirkulation, Zerstreuung und teilweise ihr Verschwinden bilden einen wesentlichen Bestandteil der Forschung. Anstatt das Archiv als einen stabilen Speicher von Wissen zu begreifen, untersucht das Projekt, wie Bilder durch Bewegung, Verlust und Rekontextualisierung Bedeutung gewinnen und verändern.