Am 13. Februar 2019 wäre Sigmar Polke 78 Jahre alt geworden. Für uns ist dieses Datum ein schöner Anlass, die erste Ausgabe unseres Newsletters, der POLKE POST zu versenden. Wir haben gerade die Anna Polke-Stiftung öffentlich bekanntgegeben und erhalten sehr viele positive Rückmeldungen. Darüber freuen wir uns und sagen herzlichen Dank!
Sigmar Polkes Werk soll auch noch Jahre nach seinem Tod wahrgenommen, diskutiert und erforscht werden, dafür setzen wir uns mit Freude, Energie, Ideen und Hingabe ein. Kontaktieren Sie uns, wenn Sie dazu beitragen möchten.
Polke Post 1 - Happy Birthday, Sigmar Polke! Sigmar Polke erzählt die Geschichte von Marguerite Yourcenar: Wie Wang-Fu errettet wurde
POLKE POST 1
Happy Birthday, Sigmar Polke!
Zur Einstimmung zitieren wir aus der Erzählung von Marguerite Yourcenar mit dem Titel Wie Wang-Fu errettet wurde. Sigmar Polke hat diese Geschichte anlässlich der Verleihung des Erasmuspreises der Stiftung Praemium Erasmianum im Jahr 1994 in Amsterdam in Gänze und auswendig vorgetragen.
Die Erzählung handelt von dem greisen Maler Wang-Fu und seinem Schüler Ling, die gemeinsam durch das Königreich Han wandern. Ihre Wanderung führt sie bis an die Außenbezirke der Kaiserstadt, wo sie eine Herberge suchen, um die Nacht darin verbringen zu können. Im Morgengrauen dringen die Soldaten des Kaisers in die Herberge ein und verschleppen Wang-Fu und Ling in den Kaiserpalast. Der Kaiser fällt das Todesurteil über Wang-Fu und tötet seinen Schüler. Vor der Urteilsvollstreckung befiehlt er Wang-Fu noch eines seiner Werke aus der kaiserlichen Sammlung zu vollenden:
„(…) Ich besitze in meiner Sammlung deiner Werke ein herrliches Bild, auf dem das Gebirge, die Flußmündungen und das Meer sich spiegeln – unendlich verkleinert zwar, aber mit einer Deutlichkeit, die jene der Wirklichkeit übertrifft – wie Figuren in der Innenwand einer Kugel. Aber dieses Bild ist unvollendet, Wang-Fu, dein Meisterwerk ist noch skizzenhaft. Sicher hast du, als du im einsamen Tal saßest und maltest, auf einen Vogel gemerkt, der vorüberflog, oder auf ein Kind, das dem Vogel nachlief. (…) Wang-Fu, ich will, daß du die lichten Stunden, die dir noch bleiben, darauf verwendest, dieses Bild fertigzumalen. Es wird so die letzten Geheimnisse enthalten, die du im Lauf deines langen Lebens gesammelt hast.‘ (…) Wang fing an, die Flügelspitze einer Wolke, die über einem Berg schwebte, rosig zu färben. Dann setzte er kleine Kräuselfältchen auf die Fläche des Meeres, die das Gefühl der Heiterkeit noch vertieften. Der Jadeboden des kaiserlichen Saales wurde merkwürdig feucht, aber Wang-Fu war ganz in seine Arbeit versunken und merkte gar nicht, dass er schon mit den Füßen im Wasser stand.
Unter den Pinselstrichen des Malers wurde das zerbrechliche Boot größer und größer. Schon nahm es den ganzen Vordergrund auf der Seidenrolle ein. Aus der Ferne ertönte plötzlich das regelmäßige Geräusch der Ruder, rasch und lebhaft wie Flügelschlag. Es kam näher und erfüllte sacht die ganze Halle, dann hörte es auf. (…) Die Höflinge standen bis zu den Schultern im Wasser, und da die Etikette sie zur Unbeweglichkeit zwang, stellten sie sich auf die Zehenspitzen. Schließlich reichte das Wasser bis an das kaiserliche Herz. (…)
Das war doch Ling. (…) Leise sagte Wang-Fu, während er weitermalte: ‚Ich glaubte dich tot.‘ ‚Wie hätte ich sterben können‘, antwortet Ling ehrfurchtsvoll, ‚da Ihr am Leben seid?‘
Und er half dem Meister das Boot zu besteigen. Die Jadedecke spiegelte sich im Wasser, so daß Ling in einer Grotte zu rudern schien. Die Zöpfe der überfluteten Höflinge ringelten sich auf dem Wasser, auf dem wie eine Lotosblume das bleiche Haupt des Kaisers schwamm.
‚Sieh, mein Schüler‘, sagte Wang-Fu melancholisch. ‚Diese Unseligen werden zugrunde gehen, wenn es nicht bereits geschehen ist. Ich hätte nicht gedacht, daß es in einem Meer genügend Wasser gäbe, um einen Kaiser zu ertränken. (…)
Wang-Fu ergriff das Steuer, und Ling legte sich in die Ruder. Ihr starker, wir ein Herzschlag regelmäßiger Takt tönte aufs neue durch die ganze Halle. Und schon sank unmerklich der Wasserspiegel um die großen, senkrechten Felsen, die wieder zu Säulen wurden. Bald glänzten nur noch wenige Lachen in den Senken des Fußbodens. Die Gewänder der Höflinge waren trocken, nur dem Kaiser blieben ein paar Schaumflocken im Fransensaum seines Mantels zurück. Das Bild, das Wang-Fu fertiggemalt hatte, stand gegen einen Vorhang gelehnt. Ein Boot nahm darauf den ganzen Vordergrund ein. Aber langsam entfernte es sich, und über der feinen Spur, die es zurückließ, schloß sich das Meer. Schon war das Gesicht der beiden Männer, die im Boot saßen, nicht mehr zu erkennen. (…) die Spur erlosch in der unbelebten Wasserfläche, und der Maler Wang-Fu und sein Schüler Ling verschwanden für immer auf dem blauen Jademeer, das Wang-Fu erfunden hatte.“
(in Auszügen zitiert aus: Marguerite Yourcenar, Orientalische Erzählungen, Insel-Bücherei Nr. 809, Frankfurt am Main 1964, S. 5–21)
Marguerite Yourcenar (1903, Brüssel – 1987, Northeast Harbour, Maine) war eine Schriftstellerin und Preisträgerin des Praemium Erasmianum. Außerdem war sie die erste Frau, die in die Académie française aufgenommen wurde.