Im POLKE SALON 10: Sigmar Polke. Mother of Invention spricht die Kunsthistorikerin Anja Isabel Schneider mit Jean-Pierre Criqui, Kritiker und Kurator am Centre Pompidou, Paris über Polkes große Fähigkeit zur Erneuerung, unter Betrachtung von Themen in seinem Werk wie der Zirkus oder die Revolution. Criqui schrieb 2001 über die Coolness von Sigmar Polkes Werkgruppe zur Französischen Revolution und charakterisierte ihn – unter dem Einfluss von Frank Zappa – als „true Mother of Invention“. Die ehemalige Stipendiatin der Anna Polke-Stiftung befasst sich mit dem Zirkus als Motiv in Sigmar Polkes Werk und als potenzielle Metapher für Polkes künstlerische Grundhaltung.
Polke Post 27 - Einladung zum POLKE SALON mit Jean-Pierre Criqui und Anja Isabel Schneider
POLKE POST 27
Einladung zum POLKE SALON 10: Sigmar Polke. Mother of Invention
And the world ended. Or so it seemed. Some kind of cosmic disorder, some belch or hiccup in the digestive order of the Galaxy…
(Und die Welt nahm ein Ende. Oder nur scheinbar so. Eine Art kosmische Unordnung, ein Aufstoßen oder Schluckauf im Verdauungssystem der Galaxy...)
Aufgrund seiner Unbestimmtheit und des utopischen, revolutionären Potenzials übt der Zirkus seit jeher eine große Anziehungskraft auf Künstler:innen, Filmemacher:innen und Schriftsteller:innen aus. Auch im Werk Sigmar Polkes tritt das Sujet in Erscheinung. Wenn wir dem Motiv des Zirkus in Polkes Œuvre nachgehen, lässt sich eine Linie ziehen, die von den frühen Rasterbildern, etwa Zirkus, 1966, bis hin zu seinen späteren Arbeiten, wie Zirkusfiguren, 2005, reicht. Dieses Forschungsprojekt beabsichtigt, einen Beitrag zur Analyse von Sigmar Polkes Werk und dessen Verbindungen zum Zirkus zu leisten – und zwar aus einer Perspektive, die sowohl dialogisch als auch transdisziplinär vorgeht.
Ausgehend von Polkes facettenreichen künstlerischen Ansätzen, die den Zirkus oder Elemente davon in Werken wie Messerwerfer, 1975, thematisieren, und neben der Analyse des Begriffs Zirkus als potenzielle Metapher für Polkes künstlerische Grundhaltung, erweist sich das Thema auch dann als höchst fruchtbar, wenn Polkes Erbe in Dialog gebracht wird mit anderen künstlerischen wie theoretischen Positionen. Demzufolge wird das Projekt nicht nur Arbeiten des Künstlers in den Blick nehmen, sondern auch andere Stimmen hinzuziehen: aus Vergangenheit und Gegenwart sowie aus unterschiedlichen Medien. Eine der Stimmen ist die des Autors und Filmemachers Alexander Kluge. Seine Faszination für den Zirkus mündete in diverse Filme, literarische Texte und Ausstellungsprojekte und unterstreicht die erwähnte Relationalität, die sich bei ihm in Form vielgestaltiger Dialoge herausbildet. „Ohne von anderen Gestirnen beleuchtet zu werden,“ bemerkt Kluge auf eindrückliche Art, „leuchtet mein Mond nicht.“[1] Polkes Werk, so lautet meine These, verfügt über eine solche erleuchtende Kraft.[2]
Das Thema Zirkus steht in Verbindung mit verschiedenen thematischen Strängen, die Sigmar Polkes Œuvre durchziehen.
Zweifelsfrei stellt Polkes Auseinandersetzung mit diesem Motiv nicht nur Bezüge zu gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Kontexten her und prangert etwa die politische Schwäche, utopischen Träumen nachzuhängen, kritisch als reines Bauen von Luftschlössern an, sondern bringt auch einen alternativen Raum ins allgemeine Bewusstsein – einen Raum, der üblicherweise am Rande der Gesellschaft liegt und kaum wahrgenommen wird. Die Figur, die ihn verkörpert, so wage ich zu behaupten, ist der Seiltänzer[3] und „andere Ärialisten“: Ihre riskanten, „Saltos sind das Äußerste, was der menschliche Körper hergibt, aber er gibt sie her.“[4] Wenn das utopische Element des Zirkus von Denkern wie Ernst Bloch, Walter Benjamin oder Siegfried Kracauer hervorgehoben wird, die dem Zirkus das utopische Potenzial zur Umkehrung der konventionellen Weltordnungen zuschreiben – das heißt das Vermögen, all die Regeln, Zwänge und Restriktionen, die unsere Realität bestimmen, außer Kraft zu setzen, selbst wenn dies nur temporär geschieht – so ist es an uns zu fragen: Welche andere Art von Räumen wird in den hier ausgewählten Arbeiten unter ebendiesem Oberbegriff dargestellt oder berührt; ganz gleich, ob nun die Zirkuskuppel oder andere für den Zirkus typische Räume? Wollen wir neue Perspektiven auf Sigmar Polkes künstlerische Produktion eröffnen, stellt sich die Frage, welche Formen von Solidarität, Kooperation oder Widerstand in der aktuellen Auseinandersetzung mit dem Zirkus in Forschung und Praxis identifiziert werden können.
Mehrere der Markenzeichen Polkes bilden das Hintergrundszenario in Zirkusfiguren, 2005: Erkennbar sind eine fotografische Straßenansicht, in Form von handgemalten Rasterpunkten umgesetzt, und ein Streifen gemusterter Stoff. In dieser Kulisse führen Clowns, Akrobaten und Tiere je einen eigenen Balanceakt vor. Die Zirkusfiguren stellt Polke einem zweiten Werk, Die Trennung des Mondes von den einzelnen Planeten, 2005, gegenüber: eine abstrahierte Umsetzung derselben Szene, die er invertiert und spiegelverkehrt darstellt und diesmal vor ein Mosaikmuster setzt. Den nunmehr schematischen Zirkusfiguren fügt Polke zwei große Würfel hinzu, die den Vordergrund dominieren.
Jenseits all dieser offenkundigen Verweise auf Begriffe wie Zufall und Spiel finden wir uns durch den Titel des Werks Die Trennung des Mondes von den einzelnen Planeten in kosmische Sphären versetzt. Wie in Kluges Pluriversum sind kosmische Motive auch in Polkes Werk reichlich vorhanden; betrachten wir zum Beispiel sein Selbstportrait als Astronaut (Polke als Astronaut, 1968). Im gleichen Jahr erweitert der Künstler das Planetensystem gar um einen zehnten Planeten, „Polke“, den er uns zu erkunden einlädt (Erweiterung des Planetensystems um einen 10. Planeten, 1968). Wenn wir den Bogen nun erneut zum Werk Die Trennung des Mondes von den einzelnen Planeten schlagen, kommt uns die Zeile aus Angela Carters Nights at the Circus (Nächte im Zirkus) in den Sinn, die literarische Erforschung einer kosmischen Störung inmitten einer Überfülle von Tropen.
[1] Alexander Kluge, in „Glückliche Umstände, leihweise: Alexander Kluge im Gespräch mit Thomas Combrink“, (Hrsg.), Glückliche Umstände, leihweise (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008), S. 338-339.
[2] Siehe Kluges Hommage an Polke Achsenzeit Axial Age (Hommage an Sigmar Polke), 2021, Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle künstlerische Positionen, http://www.festival-anna-polke-stiftung.com (letzter Zugriff am 1. Juni 2023).
[3] Polke ist seinerseits als Seiltänzer beschrieben worden: „[…] ein Seiltänzer, ein richtiger Artist, ohne Netz und ohne doppelten Boden“. Bruno Brunnet, „Im stillen Gedenken an Schlingelchen“, BZ-Berlin, 13.06.2010.
[4] Ernst Bloch, „Bessere Luftschlösser in Jahrmarkt und Zirkus, in Märchen und Kolportage,” [1959] in Das Prinzip Hoffnung, Kapitel 1-32 (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1985), S. 423 und 422.
Auszug aus dem Exposé von Anja Isabel Schneider, Stipendiatin der Anna Polke-Stiftung, 2023