Polke Post 28 - Atemkristall. Eine Begegnung mit Sigmar Polkes Gemälde von 1997

POLKE POST 28
Atemkristall. Eine Begegnung mit Sigmar Polkes Gemälde von 1997

Sigmar Polke, Atemkristall, 1997, Privatsammlung          | © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn

Ein lebensgroßes Strichmännchen mit sich kräuselnden Atemwölkchen vor dem Mund schwebt vor einem Hintergrund aus davonspritzenden Lackpfützen und wolkigen Farbflächen aus rotem Pigment. Sigmar Polkes Gemälde Atemkristall von 1997 ist bis Februar 2025 im Berliner Schinkel Pavillon in der Ausstellung Sigmar Polke. Der heimische Waldboden zu sehen und wir sind aufs Neue fasziniert, wie Polke verschiedene Materialien und Maltechniken, räumliche und zeitliche Dimensionen miteinander zum Spielen bringt. 
 
Das Motiv stammt aus Polkes frühem künstlerischen Fundus: Die Figur hat er selbst als Kind gezeichnet. In der für ihn typischen Rastertechnik malt er sie Jahrzehnte später enorm vergrößert und Punkt für Punkt auf einen dünnen, halbdurchsichtigen Stoff mit Parkettmuster, durch den der Keilrahmen schimmert. Den Titel leiht er sich aus einem Gedicht des jüdischen Autors Paul Celan (1920, Czernowitz–1970, Paris).
 
Die Werke von Sigmar Polke setzen sich oft aus vielerlei Schichten zusammen, die interagieren, sich überlagern und in ihrer ungewohnten Kombination neue Bedeutungsebenen eröffnen. Wie ein Kind, dem in der Kälte plötzlich der eigene Atem vor den Augen erscheint, freuen wir uns, wenn wir – wie hier in der (Wieder-)Begegnung mit einem Kunstwerk – neue Impulse bekommen und das Denken in eine unerwartete Richtung geht. Als Ort der Forschung rund um das Werk Polkes erhalten wir viele solcher Anregungen und geben diese gerne weiter.  

Wir bedanken uns bei Allen, die mit uns auf Entdeckungsreise gehen, unsere Arbeit begleiten und unterstützen. Wir wünschen Ihnen und euch schöne Feiertage und eine erholsame Zeit und für das neue Jahr Gesundheit, Glück und zahlreiche neue Denkanstöße!
 
Anna Polke & das Team der Anna Polke-Stiftung
Kathrin Barutzki, Nelly Gawellek, Silke Röckelein, Nicole Ruppert und Sophia Stang

 

Gisèle Celan-Lestrange eine von acht Radierungen aus der Mappe Atemkristall         

WEGGEBEIZT vom
Strahlenwind deiner Sprache
das bunte Gerede des An-
erlebten – das hundert-
züngige Mein-
gedicht, das Genicht.
 
Aus-
gewirbelt,
frei
der Weg durch den menschen-
gestaltigen Schnee,
den Büsserschnee, zu
den gastlichen
Gletscherstuben und -tischen.
 
Tief
in der Zeitenschrunde,
beim
Wabeneis
wartet, ein Atemkristall,
dein unumstößliches
Zeugnis.

Paul Celan, aus der Mappe Atemkristall mit acht Radierungen von Gisèle Celan-Lestrange, Brunidor, Paris, 1965