Polke Post 19 - Drei Hubwagen und ein Blatt Papier. Ein Gespräch mit René Block

POLKE POST 19
Drei Hubwagen und ein Blatt Papier. Ein Gespräch mit René Block

Drei Hubwagen und ein Blatt Papier – Unter diesem Titel veranstaltete das Neue Museum Nürnberg eine Ausstellung, die eine Auswahl aus dem Programm der Edition Block zeigt (10.2.2023–25.2.2024). 1964 gründete René Block, damals selbst noch Kunststudent, seine Galerie in West-Berlin und zeigte dort zum Auftakt die Bilder des sogenannten Kapitalistischen Realismus (Neodada, Pop, Décollage, Kapitalistischer Realismus, mit Arbeiten von KP Brehmer, K.H. Hödicke, Herbert Kaufmann, Manfred Kuttner, Konrad Lueg, Siegmund Lympasik, Sigmar Polke, Lothar Quinte, Gerhard Richter und Wolf Vostell). 

­ Installationsansicht Neues Museum Nürnberg
­ Installationsansicht Neues Museum Nürnberg, links im Bild: Sigmar Polke, Höhere Wesen befehlen, 1968, erschienen zur Ausstellung Moderne Kunst | © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn, Foto: Annette Kradisch
Einladungskarte,
Einladungskarte zur ersten Einzelausstellung von Sigmar Polke in der Galerie René Block | © Archiv der Anna Polke-Stiftung

Über den Begriff Kapitalistischer Realismus, die Anfänge der Galerie und das Kennenlernen mit Sigmar Polke erzählt er im Interview mit Anna Polke: „Wie wir später festgestellt haben, haben Sigmar und ich parallel eine Glasmaler-Lehre gemacht, in der gleichen Firma, allerdings an verschiedenen Orten. Das war doch eine sehr lustige Entdeckung! Ich habe also die Lehre als Glasmaler gemacht, die Werkkunstschule Krefeld besucht und bin dann, um der Bundeswehr zu entrinnen, nach Berlin gegangen und habe hier weiter an der Hochschule Glasmalerei studiert. In dieser Zeit hatte ich hier in Berlin eine Ladenwohnung und habe überlegt, was ich vorne mit dem Laden machen könnte. Und das Naheliegende war doch, Arbeiten von meinen Kommilitonen dort auszustellen, das heißt einen Ausstellungsraum, eine Galerie zu machen […]. 

In Aachen fand am 20. Juli 1964 das Happening in der Technischen Hochschule statt, mit Künstlern wie Wolf Vostell, Joseph Beuys, Henning Christiansen, Robert Filliou, Stanley Brouwn. Ich war nicht dort, aber ich las davon und dachte: ,Das ist eigentlich etwas, wo ich auch ansetzen möchte.‘ Also in dem Bereich, wo die Kunst die Wand verlässt. Ich habe Wolf Vostell angeschrieben und er funktionierte am Anfang als Verbindungsperson zu dem Bereich, den wir jetzt Fluxus nennen. Gleichzeitig war ich auf Bilder gestoßen von Gerhard Richter und Konrad Lueg hier bei einer Künstlerbundausstellung. Und da war für mich eigentlich klar, wenn ich eine Galerie machen werde, dann gilt es, dieser Generation von Künstlern ein Forum zu bieten. Die waren ja noch sehr jung damals, zwar älter als ich, aber sehr jung. Sowohl Richter als auch Lueg hatten Interesse, in Berlin richtig engagiert mitzumachen. Beide schrieben mir unabhängig voneinander, ich müsste doch unbedingt einen Künstler besuchen mit Namen Sigmar Polke, wenn ich das nächste Mal in Düsseldorf bin, der sollte auch dabei sein. Also habe ich bei meinem nächsten Besuch in Düsseldorf Sigmar Polke besucht. Er war Meisterschüler und hatte ein Atelier in der Kunstakademie.
Wir hatten eigentlich auf Anhieb einen recht guten Kontakt. Er hat zugesagt für diese allererste Ausstellung, die im September des Jahres [1964] stattfinden sollte, zwei Bilder zu leihen. So fing das alles an. […] Wir waren beide unerfahren. Sigmar war unerfahren im Umgang mit Leuten, die eine Galerie, einen Ausstellungsraum betreiben. Ich war unerfahren im Umgang mit Künstlern, das heißt man näherte sich auf eine sehr merkwürdige Art und Weise. Es ging natürlich dann über die Bilder, die im Atelier standen und die wir uns angesehen haben. Da kommt man in ein Gespräch und verliert die Scheu und Hochachtung voreinander. Es war am Anfang aber schon ein bisschen absurd, denn man sagte ,Herr Polke‘ und ,Herr Block‘. So waren auch die ersten Briefe: ,Sehr geehrter Herr Polke‘, ,Sehr geehrter Herr Block‘. […]
 

­An Polke hat mich das Gleiche interessiert, wie an Richter oder Lueg, und zwar, dass sie Alle einen neuen Ansatz für eine realistische Malerei brachten, für einen neuen Umgang in der Malerei mit der Realität, unserem täglichen Umgang mit Zeitungen, Medien, Nachrichten und so weiter. Das heißt, sie holten in gewisser Weise das Leben in die Bilder hinein. Es war ja die Zeit, in der in Deutschland die abstrakte Malerei, die tachistische Malerei, die offizielle Kunst war. Das war es, was Künstler so machten und was man sah. Und dann gab es da plötzlich einige junge Leute, die etwas ganz Anderes machten, eigentlich sehr freche Bilder. Und das hat mich sehr interessiert. 

Ich hatte dann über die Begegnung mit den Künstlern, auch mit Sigmar, erfahren von der Demonstration für den Kapitalistischen Realismus und das war ein Begriff, der mich von Anfang an gefangen genommen hat. Ich habe diesen Begriff dann auch eine Zeit lang in Berlin quasi zum Galerieprogramm gemacht: Bilder des Kapitalistischen Realismus. Die allererste Ausstellung hieß Neodada, Pop, Décollage, Kapitalistischer Realismus, weil wir nicht genau wussten, wie wir das nennen sollten. Es war ja nicht Pop im amerikanischen, englischen Sinne. Es war nicht Nouveau Realisme im französischen Sinne, es war dann plötzlich dieser Begriff Kapitalistischer Realismus, der für diese Künstler sehr wichtig und geeignet erschien. An dem Begriff Kapitalistischer Realismus interessierte mich auch, dass wir hier in Berlin vom Sozialistischen Realismus umgeben waren und dass wir diesem, wie wir damals fanden, sehr, sehr unkünstlerisch, langweiligen Sozialistischen Realismus etwas entgegensetzen wollten, was eine andere Dynamik und Kraft hatte und etwas anderes über unsere Zeit selbst aussagte. Dazu kam natürlich noch die Tatsache, dass Gerhard Richter aus Dresden kam und dass Sigmar ja auch, zwar wohl als Kind, aber aus dem Osten nach Düsseldorf gekommen war. […]

Es sollte schon eine Demonstration sein gegen den Berliner Kulturbetrieb. Ich bin groß geworden in Krefeld zu einer Zeit, als das Haus Lange ein großes Avantgardemuseum war, Paul Wember hat Künstler ausgestellt wie Arman, Yves Klein, Tinguely, Rauschenberg, Burri und so weiter. Als ich nach Berlin kam, habe ich das vermisst und habe mich gefragt: ,Wo sind denn diese Sachen?‘ Es war nichts da. Und das war eigentlich auch das Anliegen der Galerie: Wenn wir hier etwas machen, dann wollen wir doch versuchen, in diesen glatten, diesen schönen Ballon hineinzupieksen.“

Auszug aus einem Interview von Anna Polke mit René Block aus dem Archiv der
Anna Polke-Stiftung, aufgezeichnet am 8.1.2020. Das Transkript des Gesprächs wurde für die Veröffentlichung bearbeitet.