Die Künstlerin Joanna Nencek bewegt sich in ihrer Praxis am äußersten Rand des Fotografischen und arbeitet dabei bevorzugt ohne Kamera. Geboren in Krakau, lebt sie seit ihrem 14. Lebensjahr in Deutschland und war zunächst im sozialen Bereich tätig. Sie studierte Fotografie und Zeitbasierte Medien an der Folkwang Universität der Künste in Essen und schließt dort derzeit ihr Aufbaustudium im Masterstudiengang Photography Studies and Practice ab. Ihre Arbeiten waren in Gruppenausstellungen u. a. im Folkwang Museum, Essen, im Kunstpalast, Düsseldorf und in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, Düsseldorf, ausgestellt.
Stipendium 2024 - Joanna Nencek, Die Entfaltung eines fotografischen Echos in Bildern und Objekten
Joanna Nencek, Die Entfaltung eines fotografischen Echos in Bildern und Objekten
Ich erinnere mich noch an meine ersten Begegnungen mit Sigmar Polkes Werken. Es war leicht, einen Zugang zu ihnen zu finden, denn aus Ihnen sprach der Humor des Künstlers und unser geteiltes Interesse, den Umgang mit dem Material sichtbar zu machen. Diese Aspekte sollen künftig auch in meiner eigenen künstlerischen Arbeit eine größere Rolle spielen. Das Stipendium der Anna Polke-Stiftung unterstützt mich dabei, dem Experiment und dem Zufall, die für eine solche Arbeitsweise entscheidend sind, den ihnen gebührenden Raum zu geben.
Wie Sigmar Polke vertrete ich ein erweitertes Verständnis von Fotografie als Medium. Vorrangig gilt mein Interesse dem unauflösbaren Wechselspiel von Wiedererkennung und Abstraktion in Bildern und Objekten. Anhand von verschiedenen digitalen und analogen Verfahren provoziere ich den Übergang von zweidimensionaler Bildlichkeit in räumliche Gebilde. Motivisch gehe ich dabei von aussortierten, unbrauchbar gewordenen Gegenständen aus. Das für mich interessante Inventar reicht von ausrangierten Schalen, Kerzenständern, Keksdosen und Behältern aller Art bis zu Fenstern, Türen und Duschglas, meist dekorativen Charakters.
In einem ersten Impuls eigne ich mir diese online gefundenen Alltagsgegenstände in Form von Screenshots aus einem Kleinanzeigenportal an, welche in der Rubrik „Zu Verschenken“ mit Fotografien bebildert werden. Diese meist zügig und mittels Smartphone hergestellten Bilder werden zu Negativen umgewandelt, um anschließend im analogen monochromen Druckverfahren der Cyanotypie auf Papier oder Stoff gebracht zu werden. Mit dem Ziel, den angestrebten Grad an Abstrahierung zu erreichen, werden Eingriffe wie das Bearbeiten der Negative oder das Tönen des Bildträgers zwischengeschaltet. Mein weiteres Vorgehen im Umgang mit den inserierten Gegenständen ist, diese tatsächlich bei den Anbieter:innen abzuholen und zu fotogrammieren. Zuletzt entstanden auf diese Weise großformatige Farbfotogramme von Glastüren.
Durch das Stipendium möchte ich einen Ansatz weiterentwickeln, bei dem sich Fotografie und Bildhauerei in meinen Arbeiten verbinden. Das Sammeln großer Mengen Fotopapierabfalls im Fotolabor meiner Universität ermöglichte mir ausgiebiges Experimentieren mit der Stabilität dieses Materials. So wurden 80 cm lange Rollen aus Fotopapier mit einem Durchmesser von 2,5 cm zu Grundbausteinen von skulpturalen Konstruktionen. Mithilfe unterschiedlicher Rohrverbinder werden diese zu regal- und schrankähnlichen gerüstartigen Strukturen zusammengebaut. Die Oberfläche der Rollen verrät, dass es sich um ehemals lichtempfindliches, entwickeltes Fotomaterial handelt – in der Dunkelkammer erzeugte Farbverläufe, analoges Korn und als weiße Flecken sichtbar gewordener Staub auf den Negativen sind eindeutige Anzeichen für ein Material fotografischen Ursprungs.
Ein Spannungsverhältnis aus der verfremdeten Wiedergabe der Gegenstände und der uns
vertrauten Anmutung ihrer Form, ihres Materials und ihrer Dimension baut sich auf. Die industriell gefertigten Massenprodukte, Ausgangspunkt meiner Arbeit, werden zu handgefertigten Unikaten – ein Zustand, welcher dem eigentlichen Ursprung dieser Dinge entspricht. Die Ergebnisse dieses künstlerischen Projektes werden die Grundlage meiner Masterabschlussarbeit bilden und im kommenden Jahr im Rahmen einer Ausstellung präsentiert.