Gökcan Demirkazık ist Kunsthistoriker, Kritiker und Kurator und lebt in Los Angeles, wo er derzeit an der University of California, Los Angeles, in Kunstgeschichte promoviert. Zuvor war er an der Gründung eines Zentrums für zeitgenössische Kunst in der ehemaligen Bomonti-Bierfabrik (heute Yapi Kredi bomontiada) in Istanbul beteiligt und als Programmassistent bei SALT (Istanbul) tätig. Demirkazık ist Absolvent des von der SAHA Foundation geförderten Ashkal Alwan’s Home Workspace Program (Beirut) und erhielt Stipendien von dem Institut für Moderne Kunst des LACMA und der Jan van Ecyk Academie (Maastricht). Seine Artikel sind erschienen in ArtAsiaPacific, Artforum, Art Review, Art Unlimited, di’van | A Journal of Accounts, Even, Frieze, m-est.org und LACMA’s Unframed.
Stipendium 2024 - Gökcan Demirkazık, Photographische Mythologien. Sigmar Polkes anti-anthropologischer Blick
Gökcan Demirkazık, Photographische Mythologien. Sigmar Polkes anti-anthropologischer Blick
Polkes fotografische Experimente verwandeln Dokumente in Anti-Dokumente – sie unterlaufen Erwartungen an Wahrheit, Transparenz und Repräsentation.
In meiner Dissertation untersuche ich, wie und warum Sigmar Polkes Materialexperimente aus seinen Begegnungen mit der Welt, insbesondere mit den Gemeinschaften und Kulturen des imaginären Anderen im weiteren Sinne, hervorgehen. Ebenso beleuchte ich die daraus resultierenden künstlerischen Prozesse vor dem Hintergrund der deutschen Teilung: Die Feindseligkeiten und Solidaritäten des Kalten Krieges, der Zustrom von Millionen von Gastarbeiter:innen, die umstrittene kollektive Erinnerung (oder deren völlige Abwesenheit) an den deutschen Kolonialismus und den Holocaust machen Begegnungen mit dem Anderen – sowohl physisch als auch ideologisch – unausweichlich für die Konstitution von Subjektivität. Anders ausgedrückt: Was bedeutet es, in einer Ära verfestigter politischer Verhältnisse und unersättlicher kapitalistischer Ausbeutung bzw. Verdrängung von Materialien, Ressourcen und Bevölkerungsgruppen auf materieller Entropie, der Formbarkeit von Autor:innenschaft und der Rückbesinnung auf verschiedene – archaische oder toxische – Formen der Farberfahrung zu beharren?
Das Forschungsprojekt Photographic Mythologies: Sigmar Polke’s Counter-Anthropological Gaze (dt. Photographische Mythologien: Sigmar Polkes anti-anthropologischer Blick) knüpft an eine Reihe von Fragen an, die im Mittelpunkt meiner Dissertation stehen und die sich um das wachsende Interesse von Künstler:innen an außereuropäischen Kulturen und Anthropologie drehen. Wie andere Autor:innen bereits angemerkt haben, reicht die Beschäftigung von Künstler:innen mit dem Anderssein bis in die 1960er Jahre zurück. Diese Zeit ist geprägt von einer zwar generischen, aber oft phantastischen Ikonographie des Andersseins, für die Polkes periodische Verwendung und Neuerfindung der Palme als spöttisch exotisierendes Motiv charakteristisch ist. Doch schon in dieser frühen Phase zeigt sich auch Polkes Vorliebe für die Kritik an erkenntnistheoretischen Strukturen, die durch seine eigenen ostentativ pseudowissenschaftlichen, diagrammatischen Versuche so etwas wie Mythen der Differenz produzieren und propagieren; Menschenkreis (Fotokreis) I (1968) und Pappologie (1968–69) sind solche Werke.
Es ist kein Zufall, dass Polke in den 1970er Jahren mit dem Anthropologen und Filmemacher Michael Oppitz befreundet war – wie auch mit anderen Künstler:innen aus dem Rheinland, darunter Lothar Baumgarten und Candida Höfer – und so zu einem Knotenpunkt in einem Netzwerk von Künstler:innen wurde, die sich für (pseudo-)anthropologische Zugänge zum kulturell Anderen interessierten und sich mit der Geschichte von Kolonialismus, Tourismus und Massenmigration auseinandersetzten.
Wie Oppitz’ Publikationsliste vermuten lässt, handelt es sich für die Anthropologie um einen Moment profunder Selbstreflexion, da die Disziplin langsam beginnt, sich mit ihren kolonialen und extraktionistischen Wurzeln auseinanderzusetzen und ihre Methoden zu überdenken. Und doch, wenn es die Aufgabe von Anthropolog:innen ist, die materiellen und immateriellen Kulturformen der Anderen zu erschließen, dann scheitern Polke und seine Reisen kläglich darin, die Besonderheiten von Weltbildern, Glaubenssystemen und sozialen Strukturen in der Nähe und in der Ferne aufzuzeigen. Vor allem in seinen Dunkelkammer-Experimenten und Pigment-Interventionen zwingt er die Fotografie, ihren dokumentarischen Status aufzugeben, um der Imagination Raum zu geben. Am Ende hinterlässt Polke Anti-Dokumente, die sich der Instrumentalisierung von weltlichen Begegnungen und Fremdheit verweigern – und die ihre eigene vermeintliche Transparenz und Fähigkeit zur „Repräsentation“ ad absurdum führen.