Stipendium 2022 - Lucy Degens, Kollektives Leben und Arbeiten um Sigmar Polke am Gaspelshof in Willich

Lucy Degens, Kollektives Leben und Arbeiten um Sigmar Polke am Gaspelshof in Willich

Lucy Degens | © Foto: Clemens Scheuermann

Lucy Degens ist Kunsthistorikerin und Medienkulturwissenschaftlerin. Sie schließt mit einer Arbeit über den Gaspelshof in Willich derzeit ihr Masterstudium Kunstvermittlung und Kulturmanagement and der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf ab. Seit 2016 ist sie insbesondere im Rheinland sowie in Berlin für verschiedene Museen, Galerien und Vereine tätig gewesen. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte liegen auf der zeitgenössischen Kunst und Nachkriegskunst.

„Well, you know, sometimes I need to work alone; and sometimes I need to work with others; and sometimes it is necessary to just play“.[1]

So äußerte sich Sigmar Polke gegenüber Barbara Reise, die ihn 1976 auf dem Gaspelshof in Willich besuchte.
Auf diesem ehemaligen Bauernhof lebte der Künstler von 1972 bis 1978 in dynamischem Zusammenleben mit verschiedenen Bekanntschaften. Oft als „hippieske Kommune“ bezeichnet, wurden die Betten von verschiedenen Gästen temporär und wechselnd belegt.[2] Der ehemalige Galerist Erhard Klein formuliert: „Da wurde getrunken, gehascht, geliebt, gemalt, gereist, musiziert und gearbeitet“.[3] Dieser Lebensstil materialisierte sich in kollaborativen Werken und Ausstellungen, wie der Ausstellung Mu Nieltnam Netorruprup, die 1975 als Gruppenausstellung mit Achim Duchow, Astrid Heibach und Memphis Schulze stattfand[4], der Künstlerzeitung Day by Day … They Take Some Brain Away und der Teilnahme an der 13. Bienal de São Paulo, mit denen die 1970er Jahre in dem Werk Polkes und anderer herausstechen. Das gemeinsame Arbeiten mit anderen Künstler:innen war ein nahezu natürlich auftretender Prozess, eine Nezessität, verkittet mit dem Gaspelshof und den 1970er Jahren.
Die Bedeutsamkeit dieser Zeitspanne für das Schaffen Sigmar Polkes wurde insbesondere in den 2000er und 2010er Jahren mehrfach aufs Tableau gebracht. Zeugnisse dieses Interesses sind unter anderem die Ausstellungen 2009 in der Hamburger Kunsthalle, 2014 im Museum of Modern Art in New York und 2019 im Museum für Gegenwartskunst in Siegen. Doch wurde das kollektive Leben und Arbeiten in Willich mit besonderem Fokus auf Sigmar Polke und die Zeitspanne der 1970er Jahre betrachtet, wodurch zeitliche Kontexte sowie Einflüsse der Künstler:innen, die Zeit in Willich verbrachten, ausgespart wurden. Die Thematisierung des künstlerischen Austauschs um den Gaspelshof bleibt daher bisher oberflächlich und oft einseitig geschildert, indem Polke (insbesondere bezüglich Achim Duchow) als Ideenherd dargestellt und auch die Autorschaft an kollaborativen Erzeugnissen, retrospektiv ihm zugeschrieben wird.[5]
Der exklusive Fokus der jüngeren Ausstellungen auf die 1970er Jahre droht gleichsam eine zeitliche Entkontextualisierung dieser Schaffensphase zu bewirken. Schon in den 60er Jahren sind die kollektive Werkgenese und das Thema multipler Autorschaft – beispielsweise Kollaborationen mit Christof Kohlhöfer und Gerhard Richter – Bestandteil von Polkes Arbeiten. Diese Entwicklung bildet einen wichtigen Anteil dieser kunstwissenschaftlichen Untersuchung.
Im Austausch mit Zeitzeug:innen und der Aufarbeitung von Werken und Dokumenten der 1970er Jahre sollen mit dieser Forschungsarbeit die Informationen über das Leben auf dem Gaspelshof angereichert und auf dieser Basis die dort geschaffene Kunst kontextualisiert und gemeinsam betrachtet werden. Das Forschungsinteresse ist, die bestehende exkludierende Betrachtung einzelner Werkgruppen Sigmar Polkes auszuweiten und größere historische und soziale Zusammenhänge zu skizzieren. 


[1]Reise, Barbara: Who, What Is ‚Sigmar Polke‘, in: Studio International, 982. 1976, S. 84.
[2] Steffen, Katharina: Day by Day … ein Flashback mit Zukunft, in: Sigmar Polke: Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen. Die 1970er Jahre, hg. von Petra Lange-Berndt/Dietmar Rübel (Hamburg, Kunsthalle Hamburg,
13. März 2009 bis 17. Januar 2010) Köln 2009, S. 296.
[3]Sigmar Polke. Photographs (1964-1990), hg. von Silke Lemmes/Bianca Quasebarth (Düsseldorf, Sies + Höke, 28. Juni bis 28. August 2021; Berlin, Galerie Kicken, 21. Januar bis 4. März 2022) Düsseldorf/Berlin 2022, S. 108.
[4]Lange-Berndt, Petra/ Rübel, Dietmar: Third Reich’n’Roll. Nationalsozialismus als Tabu und Provokation, in: Singular/Plural. Kollaborationen in der Post-Pop-Polit-Arena Düsseldorf 19691980, hg. von Petra Lange-Berndt/ Dietmar Rübel/Max Schulze/Gregor Jansen (Düsseldorf, Kunsthalle Düsseldorf, 8. Juli bis 1. Oktober) Köln 2017,
S. 125.
[5] Schulze, Max: A Planet Where Time Misbehaves, in: Singular/Plural. Kollaborationen in der Post-Pop-Polit-Arena Düsseldorf 19691980, hg. von Petra Lange-Berndt/Dietmar Rübel/Max Schulze/Gregor Jansen (Düsseldorf, Kunsthalle Düsseldorf, 8. Juli bis 1. Oktober) Köln 2017, S. 183.