Ian Rothwell ist Kunsthistoriker mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst und digitale Kultur. Er erwarb 2017 sein PhD in Kunstgeschichte an der University of Edinburgh für ein Projekt mit dem Titel Images under Control: Pessimism, Humour, and Stupidity in the Digital Age. Rothwell lehrt derzeit als Teaching Fellow in Modern and Contemporary Art an der University of Edinburgh, wo er Wahlkurse zu ‚Art and Digital Culture‘ und ‚Bad Painting‘ anbietet. Letztere untersuchen, weshalb Malerei als das „bad object“ der zeitgenössischen Kunst erachtet wird. Er arbeitet außerdem an einer Monografie mit dem Titel The Afterlives of Post Internet Art, die 2022 bei Routledge erscheinen wird.
Stipendium 2021 - Dr. Ian Rothwell, Polke's Bad Drawing
Dr. Ian Rothwell, Polke's Bad Drawing
Polke’s Bad Drawing ist ein Projekt über Sigmar Polkes Sinn für Humor, insbesondere in Hinblick auf sein zeichnerisches Werk der 1960er-Jahre, der Zeit, als er sich (gemeinsam mit Gerhard Richter, Konrad Lueg und Manfred Kuttner) zum ‚kapitalistischen Realisten‘ erklärte. In dieser Periode produzierte er eine Reihe von Zeichnungen von Konsumgütern, die häufig auf zerknitterten Fetzen Papier entstanden und von einer provisorischen, legeren, schludrigen und nachlässigen Ästhetik geprägt sind. Sie wirken wie gewollt schlecht ausgeführte Versionen der Pop Art, wie sie zu der Zeit aus Amerika kam. Über die Arbeiten ist viel geschrieben worden, nicht zuletzt von Mark Godfrey, Dietmar Rübel und Darsie Alexander in der Publikation Living with Pop. A Reproduction of Capitalist Realism (2013) sowie im Katalog zu einer Ausstellung 1999 im Museum of Modern Art, New York, mit dem Titel Sigmar Polke. Works on Paper, 1963–1974.
Auf der etablierten Literatur über Polkes zeichnerisches Werk aufbauend, bietet dieses Projekt einen neuen Blickwinkel auf die künstlerische Methodik dieser Arbeiten an, die, wie ich argumentieren werde, absichtlich schlecht gemacht sind und bewusst ironisch, sarkastisch und dumm auftreten. In ebendiesem Kontext untersucht das Projekt Polkes Sinn für Humor. Dieser ist ein wichtiger, essenzieller Aspekt in seinem Œuvre wie auch in seinem gesamten ästhetischen Empfindungsvermögen. Gleichwohl wurde Polkes Humor bisher noch keine maßgebliche wissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteil.
Meiner Überzeugung nach veranschaulichen Polkes ‚Bad Drawings‘ (schlecht ausgeführte Zeichnungen) seinen Sinn für Humor auf beispielhafte Art und Weise. Das ist der Grund, warum sie unsere Aufmerksamkeit verdienen. Sie sind komisch. Doch ihr Humor ist eine Art Anti-Humor – ein ironisches Produkt, hervorgegangen aus einem scheinbaren Mangel an handwerklichem Geschick, an fachlicher Kompetenz und, noch wesentlicher, dem Fehlen einer klaren kritischen oder politischen Position.
Diese Defizite vermitteln sich auf eine Art und Weise, die wir als komisch empfinden.
Ich möchte diesem Sinn für Humor auf den Grund gehen. Wie kann eine Untersuchung von Polkes Humor die Analyse dieser Werke ergänzen? Was an Polkes Stil oder an seinem ‚zeichnerischen Können‘ lässt sie ironisch erscheinen? Wie zeichnet ein Künstler auf eine sarkastische Art? Inwieweit ist Polkes Stil eine Reaktion auf den deutschen soziokulturellen Kontext? Wie können wir diese Reaktion bewerten? Inwiefern können wir Polkes ironischen, sarkastischen Humor oder Anti-Humor als kritisch erachten?
Obgleich die ‚Bad Drawings‘ in den 1960er-Jahren entstanden sind, tritt durch meine Auseinandersetzung mit ihnen speziell in Hinblick auf ihren Humor zudem ein sehr zeitgenössisches Problem zutage, dem das Projekt gleichfalls nachgehen wird. Polkes ironischer und sarkastischer Stil nimmt die Disposition eines Großteils der Post-Internet-Kunst und -Kultur vorweg, die häufig für den Gebrauch von Ironie und Sarkasmus als Überkompensation für einen mutmaßlichen Mangel an Kritikfähigkeit kritisiert wird. Diese Empfänglichkeit ist despektierlich als ‚aufstrebenden Nihilismus‘ etikettiert worden, eine Kultur des Sarkasmus und der Anti-Establishment-Stimmung, wie sie einst den Linken vorbehalten war, die mittlerweile jedoch von der neoreaktionären und hämisch-freudevollen Soziopathie der Alt-Right-Ideologie sowie dem im Silicon Valley vorherrschenden Imperativ des ‚Störens‘ restlos absorbiert worden ist.
Es besteht das Risiko, dass Polkes ‚Bad Drawings‘ und sein besonderer Sinn für Humor mit diesem Gegenstand des‚aufstrebenden Nihilismus‘ gleichgesetzt wird. Insofern ist eine nuancierte Analyse von strategischen Formen der Ironie und des Sarkasmus in der Kunstproduktion zwingend notwendig. Sie ist erforderlich, damit wir künstlerische Formen wie Polkes ‚Bad Drawings‘ aus diesen schädlichen zeitgenössischen soziokulturellen Trends herauslösen können. Von dieser Grundlage ausgehend wird dieses Projekt argumentieren, dass Polkes ‚Bad Drawings‘ als strategisches Modell für eine ironische und sarkastische Form der Kunstproduktion gesehen werden können, die dem zeitgenössischen Trend des ‚aufstrebenden Nihilismus‘ Widerstand entgegensetzt und statt hämisch-schadenfroher Soziopathie ein kritisches Bewusstsein produziert.