Mateusz Sapija ist Wissenschaftler und Kurator. Er erwarb ein MA in Museum Studies von der UCL Qatar und machte seinen Abschluss am Goldsmiths College im Studiengang MFA Curating. Sapija promoviert in Kunstgeschichte am Edinburgh College of Art, sein PhD trägt den Titel The Rise of Post-Democracy in Contemporary European Art. Derzeit ist er als DAAD-Stipendiat zur Promotion am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig. Er arbeitete mit einer Reihe von Kunstinstitutionen an diversen Projekten – u.a. dem Haus der Kulturen der Welt (Berlin), Asakusa (Tokio) sowie der Sharjah Biennial 12 oder documenta 14 – in Funktionen, die das Recherchieren, Kuratieren oder die Entwicklung öffentlicher Programme umfassten.
Stipendium 2022 - Mateusz Sapija, Innerhalb und außerhalb von Ost und West. Sigmar Polke und Osteuropa
Mateusz Sapija, Innerhalb und außerhalb von Ost und West. Sigmar Polke und Osteuropa
Im Alter von vier Jahren flüchtete der im damals schlesischen Oels geborene Polke gemeinsam mit seiner Familie – im Zuge der Vertreibung der Deutschen aus der heute polnischen Stadt – in die russisch besetzte DDR. Acht Jahre später zog die Familie nach Westdeutschland weiter, wo Sigmar Polke von jener Zeit an wohnhaft war. Obgleich seine Wurzeln ins heutige Polen zurückreichen, wird Polkes Œuvre üblicherweise im Kontext der westlichen Hemisphäre diskutiert. Indessen ist seine Beziehung zu Osteuropa noch immer wenig erforscht.
Obwohl Polke noch ein Kind war, als er den Osten verließ und in den Westen umsiedelte, war er reif genug, die unstabile Realität der Nachkriegszeit und den Spannungszustand zu erfassen, durch den der Ostblock gekennzeichnet war. Seine Ankunft in Westdeutschland bedeutete das Ankommen in der Realität des gewaltigen soziopolitischen und wirtschaftlichen Fortschritts der späten 1950er-Jahre, die durch das Wirtschaftswunder geprägt waren – wobei sich das ökonomische Phänomen nicht nur auf den materiellen Wohlstand beschränkte, sondern auch für die Bildung einer neuen nationalen Identität wichtig war. Polke behielt eine gelassene Distanz zu diesem Paradigma bei, wie seine oft wiederholten Worte belegen: „Als ich in den Westen kam, sah ich viele, viele Dinge zum ersten Mal. Ich habe den Wohlstand des Westens aber auch kritisch gesehen. Es war nicht wirklich der Himmel. (…) Diese Einstellung – das, was passiert, von einer Perspektive außerhalb anzuschauen – gehört noch immer zu meiner Arbeit“.[1] Als Mensch, der nicht nur Außenseiter, sondern auch ein notorischer Einsiedler war, weigerte sich Polke, an Erklärungen seines Werks mitzuwirken und schirmte zudem auch sein Privatleben extrem ab. Die Interpretation und Geschichte seines Œuvres wurden infolgedessen weitestgehend von der Kunstwelt konstruiert, die ihn in den Kontext der westlichen Hemisphäre positionierte – was hauptsächlich dadurch zu erklären ist, dass die damaligen Grundhaltungen vom Kalten Krieg beeinflusst waren und das Vermächtnis dieses Konflikts das kunsthistorische Denken nachhaltig beeinflusst hat. Das vorliegende Forschungsprojekt spürt diesen Entwicklungen zum einen in Polkes persönlicher und künstlerischer Geschichte nach und zielt zum anderen darauf ab, den Mangel an Analysen seines Werks aus ebendiesem Blickwinkel zu beheben. Mittels tiefgehender archivalischer Recherchen und Revision der entsprechenden Literatur soll die Verbindung zwischen Polke und Osteuropa erforscht und neu entdeckt werden.
In einem zweiten Strang der Untersuchung befasst sich das Projekt mit Polkes Einfluss auf die osteuropäische künstlerische Produktion, den er einerseits auf Künstler und Gruppen direkt ausübte, die ihm begegneten oder in denselben Ausstellungen vertreten waren – der aber auch eine indirekte Wirkung zeigte, als Konsequenz der bahnbrechenden Praxis Sigmar Polkes und seinem formativen Ansatz zum Medium Malerei. Eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Forschung offenbart, dass, obwohl Forschungsprojekte zu den Formen des künstlerischen Austauschs zwischen Ost- und Westdeutschland und Europa durchaus existieren, diese jedoch bislang keinen Niederschlag im primären Diskurs gefunden haben. Erhärten lässt sich diese These im Kontext der kulturpolitischen Entspannung seit der Amtszeit Erich Honeckers 1971 und insbesondere nachdem 1973 der Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik in Kraft getreten war und die ostdeutschen Künstler begannen, regelmäßig nach Westeuropa zu reisen. Obwohl die Berliner Mauer Reisen in den Westen demnach schwieriger machte, hielt sie Osteuropäer keineswegs davon ab, solche zu unternehmen, noch verhinderte sie, dass osteuropäische Kunst in Ausstellungen gezeigt wurde. Anhand mehrerer Beispiele wird Polkes grundlegender Einfluss auf osteuropäische Kunst deutlich, aufgezeigt wird jedoch auch das komplexe System von Beziehungen und Haltungen seinem Vermächtnis gegenüber. Die weitere Erforschung dieser Positionen, die dieses Projekt mithilfe von Interviews mit osteuropäischen Künstler*innen unternimmt, wird primär eine bislang unerforschte Sicht auf Polke begründen und sein Werk in neuem Licht zeigen – im Kontext der geänderten künstlerischen Geografie Europas und einer Neubewertung der Beziehungen innerhalb des Kontinents in Bezug auf Zentrum und Peripherie.
[1] Sigmar Polke in Martin Gayford, A Weird Intelligence. Modern Painters 16, Nr. 4 (2004), S. 78–85, S. 78.