Stipendium 2023 - Dr. Daniel Spaulding, Die (Ir)rationalitäten des Zeichensetzens im Werk von Sigmar Polke

Dr. Daniel Spaulding, Die (Ir)rationalitäten des Zeichensetzens im Werk von Sigmar Polke

Daniel Spaulding ist Assistant Professor of Modern and Contemporary Art an der University of Wisconsin-Madison. Seine Forschung konzentriert sich auf die westeuropäische Kunst des 20. Jahrhunderts, die globale Moderne, Kritische Theorie und die Geschichte der Kunstgeschichte. Professor Spaulding war zuvor im Curatorial Department des Getty Research Institute tätig und lehrte am ArtCenter College of Design in Pasadena, Kalifornien. Er schließt derzeit eine Monografie über den Künstler Joseph Beuys ab, die auf seiner 2017 an der Yale University fertiggestellten Dissertation basiert, und beendet einen Sammelband über die Romantik in den visuellen Künsten. Vergangene oder bevorstehende Veröffentlichungen seiner Schriften betreffen eine Reihe von Publikationen, u.a. das Journal of Art HistoriographyOctoberOxford Art JournalRes: Anthropology and Aesthetics sowie die Zeitschrift für Kunstgeschichte. Spaulding ist Mitbegründer und Co-Herausgeber des Magazins Selva: A Journal of the History of Art (selvajournal.org). Er wurde 2022 mit dem Joseph Beuys Preis für Forschung ausgezeichnet und erhielt 2023 ein Wallace Fellowship der Villa I Tatti – The Harvard Center for Italian Renaissance Studies. 

Dieses Projekt ist Teil einer umfassenderen Studie, die sich mit der Wechselbeziehung zwischen kapitalistischer Rationalisierung und mimetischen Praktiken im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts befasst. Die eigentliche Frage, die meiner Forschung zugrunde liegt, lautet einfach: „Ist Kunstmachen ein rationales Unternehmen?“ Im frühen 20. Jahrhundert richteten sich viele avantgardistische Praktiken am Vorbild der wissenschaftlichen Forschung oder mathematischer Berechnungen aus; man denke beispielsweise an die russischen Konstruktivisten oder Piet Mondrians Neoplastizismus. Diese rationalistischen Ansprüche ironisierte Sigmar Polke in bekannten Arbeiten wie Moderne Kunst (1968) offenbar schonungslos. Dessen ungeachtet befasst sich Polkes Kunst der 1960er- und 1970er-Jahre intensiv mit modernen Techniken der mechanischen Reproduktion, etwa dem Rasterdruck, während sein Ansatz zur manuellen Geste den intuitiven Expressionismus der vorhergegangenen Generation an Künstler*innen der Moderne zugleich untergräbt. In meiner durch das Stipendium der Anna Polke-Stiftung geförderten Forschungsarbeit beabsichtige ich, dieser Dialektik in Polkes Kunst auf den Grund zu gehen. Konkret möchte ich die zwei Formen untersuchen, die ich Raster und Schnörkel nenne. Das Raster ist eine Mimesis der automatisierten Verfahren zur Produktion von Bildern, wohingegen der Schnörkel eine Mimesis des „freien“ gestischen Ausdrucks ist. Wichtig ist dabei zum einen, dass keine der beiden Formen vollkommen identisch mit der Art Zeichensetzung ist, die imitiert wird, und zum zweiten, dass keine unabhängig von der anderen existiert; vielmehr setzt die technische Reproduktion irrationale Impulse außer Kraft, während im Gegenzug quasi-dadaistische Absurditäten die technische Rationalität unterminieren. Die zusammengefassten Ergebnisse meiner Forschungen werden in ein Kapitel meines Buches einfließen, in dem ich drei Momente der Korrelation zwischen Kunst und moderner technischer/ökonomischer Rationalisierung erörtere, nämlich 1) die Diskurse über Mimesis und Konstruktion der 1920er-Jahre; 2) die Wechselbeziehungen zwischen Kunst, Arbeit und kapitalistischer Produktion in der Bundesrepublik Deutschland der 1960er- und 1970er-Jahre; sowie 3) das seltsame Zusammentreffen eines neuen Animismus in der Kunstwelt („Die Handlungsmacht der Dinge“; „lebendige Materialität“) mit dem technologischen Aufwärtstrend der künstlichen Intelligenz und insbesondere der neuen bilderzeugenden Algorithmen des frühen 21. Jahrhunderts.