Stipendium 2020 - Ksenija Tschetschik-Hammerl, Hasenschleife. Dürer-Appropriation bei Sigmar Polke

Ksenija Tschetschik-Hammerl, Hasenschleife. Dürer-Appropriation bei Sigmar Polke

Ksenija Tschetschik-Hammerl

Ksenija Tschetschik-Hammerl studierte Kunst- und Bildgeschichte sowie Neuere und Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin. Im Februar 2020 reichte sie ebendort ihre Dissertation mit dem Titel Originalität der Nachahmung um 1600. Kunst begegnet Natur bei Hans Hoffmann und Daniel Fröschel ein. Das Dissertationsprojekt wurde durch die Gerda Henkel Stiftung gefördert. Sie war zudem als Lehrbeauftragte im Fach Kunstgeschichte am Caspar-David-Friedrich-Institut in Greifswald tätig. Zu ihren Lehr- und Forschungsschwerpunkten gehören Kunst- und Sammlungspraxis in der Frühen Neuzeit, Monogramme und Signaturen sowie künstlerische Appropriationspraktiken von der Frühen Neuzeit bis heute.

Zwei Motive aus dem Œuvre des Nürnberger Renaissancemalers Albrecht Dürer tauchen mehrmals im Werk Sigmar Polkes auf. Zum einen schenkte Polke seine Aufmerksamkeit dem berühmten Aquarell Der Feldhase aus der Wiener Albertina, zum anderen kopierte er die grazilen Linienschleifen von Dürers Randzeichnungen im Gebetbuch Kaiser Maximilians und vom großformatigen Holzschnitt Der Große Triumphwagen. Sigmar Polkes künstlerische Sprache, in welcher heterogene Motive, Materialien und Techniken miteinander verwoben sind und vielfach in verschiedenen Zusammenhängen wiederaufkommen, legt nahe, dass auch Dürersche Motive in seinem Schaffen im Bezug zueinander stehen und ein komplexes und dynamisches Verhältnis des Künstlers zu seinem älteren Kollegen reflektieren. Im vorliegenden Forschungsprojekt werden erstmals Polkes Auswahl und Verwendung von Dürer-Motiven in Relation zueinander betrachtet.  Es wird versucht, Polkes Appropriation von Werken des Nürnberger Meisters als einen mehrere Jahrzehnte umfassenden Prozess der künstlerischen Auseinandersetzung zu rekonstruieren.

Die Methode der künstlerischen Appropriation gilt als eine der wichtigsten Ausdrucksweisen und Strategien in der modernen und postmodernen Kunst. Der Begriff Appropriation Art etablierte sich in der Kunstkritik seit der wegweisenden New Yorker Ausstellung Pictures im Jahr 1977, in welcher Werke einiger junger US-amerikanischer Künstlerinnen und Künstler gezeigt wurden. Obwohl die Erscheinungsweisen der beteiligten Beiträge erheblich divergierten, war die Nachahmung nicht-eigener Bildlichkeit für alle Projekte charakteristisch. Die Nachahmung der Werke anderer sowie verschiedene Vereinnahmungen des ‚Fremden’ können auch in Werken von vormodernen Künstlerinnen und Künstlern bereits festgestellt werden. In der kunsthistorischen Forschung werden diese Praktiken zumeist mit Lernabsichten, Verpflichtung zu einem Kanon oder mit agonalen Beweggründen erklärt. Selten werden für die Nachahmungspraktiken in der älteren Kunst reflexive oder kritische künstlerische Motivationen erwogen. Im Gegensatz dazu werden verschiedene Formen der Nachahmung und Verarbeitung nicht-eigener Bilder oder anderer Gegenstände in der Kunst des 20. und des 21. Jahrhunderts überwiegend als subversive und kritische Ausdruckstrategien gedeutet. Die Besonderheit der kunstkritischen und kunsthistorischen Rezeptionen von Polkes Appropriationen nach Dürer-Werken besteht bisher gerade darin, dass diese durch zwei konträr wirkende Deutungsperspektiven geprägt sind und dadurch den Eindruck einer irritierend inkongruenten Sichtweise Polkes auf Dürer entstehen lassen.

Während Polkes Werke mit dem Motiv des Dürer-Hasen als Persiflage auf die Konsumkultur der Nachkriegszeit oder als Trivialisierung der künstlerischen Tradition Erklärung finden, werden seine Adoptionen der Dürerschen Linienschleifen vorrangig als überaus ernste Auseinandersetzung mit dem schöpferischen Impetus Dürers oder zumindest mit seinem künstlerischen Status interpretiert.

Der aktuelle Forschungsstand zu Polkes Dürer-Rezeption weist damit widersprüchliche und beinahe sich gegenseitig ausschließende Erklärungskonzepte auf und fordert zu einer eingehenden Neubetrachtung heraus. Im vorliegenden Forschungsprojekt wird das Zusammenspiel verschiedener Appropriationen von Dürers Werken im Schaffen Sigmar Polkes ins Visier genommen. Im Rahmen der Untersuchung werden die grundlegenden Fragen der Polke-Forschung berührt, wie beispielsweise die Korrelation zwischen der Ironie und dem Interesse an schöpferischen und generativen Prozessen in seiner Kunst. Des Weiteren wird auch nochmals die Bedeutung der Autorschaft und der künstlerischen Autorität in Polkes Werk hinterfragt.