Stipendium 2019 - Dr. des. Dirk Hildebrandt, In die Fläche publizieren. Sigmar Polkes (Künstler-)Bücher

Dr. des. Dirk Hildebrandt, In die Fläche publizieren. Sigmar Polkes (Künstler-)Bücher

Dirk Hildebrandt

Dirk Hildebrandt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln (Schwerpunkt Moderne/Gegenwart und ästhetische Theorien); Studium der Kunstgeschichte und Philosophie in Bonn, Paris und Basel. Promotion an der Universität Basel (The Extension of Art. Allan Kaprow und der Werkbegriff des Happenings); aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Asger Jorn und die Netzwerke der europäischen Nachkriegskunst, Künstlerbücher und Prozesse intermedialen Schreibens, Kunst- und Künstlertheorien der Moderne und Gegenwart.

Das durch die Anna-Polke-Stiftung geförderte Projekt In die Fläche publizieren nimmt sich die Untersuchung eines Mediums vor, das neue Einsichten auf Sigmar Polkes gesamte künstlerische Produktion in Aussicht stellt: das (Künstler-)Buch.

Dass die Kunst hier zunächst in Klammern steht, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Polkes Bücher nicht, jedenfalls nicht in dem Sinne als Künstlerbücher auffallen, wie man sie aus der entsprechenden Forschung kennt – etwa als besonders exaltierte und kostspielige ,Originale‘, die vor allem die Grenzen des Buch-Formates ausloten. Polkes buchförmige Publikationen erscheinen vornehmlich wie ,Wölfe im Schafspelz‘, das heißt als äußerlich eher zurückhaltend gestaltete Exemplare ihrer Zunft. Folglich wird es nicht allein darum gehen, das einzelne ,Buch als Kunstwerk‘, sondern die vielfältigen Kontexte in den Blick zu rücken, in denen Polke auf das Buch als einem Publikations-Medium für seine künstlerische Arbeit zurückgekommen ist. Das bedeutet, dass nicht nur diese Bücher selbst, sondern ihre Beziehungen zu benachbarten Formaten untersucht werden sollen, in deren Gestaltung und Publikation sich der Künstler im Laufe seiner Karriere übte (z.B. Zeitungsartikel, Editionen, Beiträge in Katalogen und Zeitschriften). Das (Künstler-)Buch interessiert, kurz gesagt, als ein Medium, das Zusammenhänge in Polkes vielgestaltigem Oeuvre zu erschließen, und verbindende Strukturen darin offenzulegen erlaubt.

Die ,Kunst‘ in Polkes (Künstler-)Büchern steht hier also nicht etwa in Klammern, weil ihr Status, ihre ,Kunsthaftigkeit‘ und Zugehörigkeit zum Oeuvre des Künstlers ungeklärt wären. Vielmehr geht es um das Buch als einem Mittler, der die in kunstferne (mithin politische) Kontexte ausgreifenden Verfahren des Künstlers, wie man sie etwa aus Polkes Malerei oder Druckgrafik kennt, noch einmal anders begreiflich zu machen erlaubt. In Bezug zu Polkes künstlerischem Oeuvre kommen dem (Künstler-)Buch dabei je unterschiedliche Funktionen zu. Es macht darin nicht nur Anschlüsse zu künstlerischen und geschichtlichen, ökonomischen und politischen Zusammenhängen sichtbar, sondern auch intermediale Prozesse lesbar. Das (Künstler-)buch verspricht, anders gesagt, in neuer Weise zwischen Malerei, Skulptur, Fotografie, Film und Kirchenfenstern, d.h. den künstlerischen Ausdrucksformen zu vermitteln, für die man die Arbeit des Künstlers gemeinhin schätzt.

Sich für den Rahmen der Untersuchung auf die Geschichte des Buchs als einem künstlerischen Ausdrucks- bzw. Publikationsmittel zu beziehen, hat den Vorteil, dass es Vorstellungen von Medialität ins Spiel bringt, die abseits der ausgetretenen Pfade der Nachkriegskunstgeschichte liegen. Anders etwa als die Malerei erscheint das Buch per se als ein Medium, das seinen eigenen Gegenstandsbereich durch Anleihen bei anderen und unterschiedlichen Medien definiert. Um diese ,Andersartigkeit‘ im Hinblick auf Polkes Kunst in sinnhafter Weise darstellen zu können, bleibt es gleichwohl unabdingbar, sich eng an die ,bisherige‘ Geschichte zu halten. Um die Verbindungen von Buch und Malerei zu untersuchen, stehen Konzepte von ,Flachheit‘ zur Verfügung. Waren diese Konzepte, zumal unter den Bedingungen der 1960er Jahre, noch eng an die Auseinandersetzung mit der Malerei gekoppelt, so nimmt sich das Projekt In die Fläche publizieren die Untersuchung einer intermedialen Flachheit vor, die es erlauben soll, den vielfältigen technischen, künstlerischen und kontextuellen Zusammenhängen durch Sigmar Polkes Kunstschaffen zu folgen.