Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Tereza de Arruda arbeitet seit den 1990er Jahren mit zahlreichen internationalen Institutionen. Sie ist seit 1997 Beraterin der Havanna Biennale, seit 2015 Co-Kuratorin der Kunsthalle Rostock und zwischen 2009 und 2019 Co-Kuratorin der Curitiba International Biennale. Aufgrund ihres großen Interesses am Werk von Sigmar Polke kuratierte sie 2011 die Ausstellung Sigmar Polke Capitalist Realism and other illustrated histories im Museu de Arte de São Paulo (MASP) mit Werken von Polke aus der Sammlung Kunstraum am Limes sowie 2017 die Ausstellung Sigmar Polke - Die Editionen im me Collectors Room Berlin, die von einer Publikation im König Verlag begleitet wurde.
Stipendium 2021 - Tereza de Arruda, Day by Day – Sigmar Polke Starts An Away Dialogue
Tereza de Arruda, Day by Day – Sigmar Polke Starts An Away Dialogue
1975 nahm Sigmar Polke an der XIII Bienal de São Paulo teil, wo er seine erste internationale Auszeichnung empfing, den Preis für Malerei der Stadt São Paulo. Für die deutsche Teilnahme an der Biennale war Evelyn Weiss als Kommissarin eingesetzt, die neben Polke auch Georg Baselitz und Blinky Palermo einlud, Deutschland in São Paulo zu repräsentieren. Im offiziellen Ausstellungskatalog begründet sie ihre Wahl wie folgt: „Drei Künstler, drei grundverschiedene Positionen im Umgang mit Malerei. Das wird bereits in der jeweiligen Technik erkennbar: Der eine malt mit den Fingern (Baselitz), der andere benutzt Sprühfarben und Collage (Polke), und der dritte setzt ausschließlich den Pinsel ein (Palermo).”[1] Ihre Entscheidung für Polke führt sie hiernach näher aus: „Polke pflegt einen sehr unorthodoxen und eigenwilligen Umgang mit Inhalten und Ausdrucksformen. Seine Herangehensweise, die eng mit seinem Umfeld und der Gesellschaft verbunden ist, findet ihren Niederschlag in Arbeiten, für die er häufig auch mit Freunden und Bekannten zusammenarbeitet.“[2] Sigmar Polke reiste als junger Künstler nach São Paulo, um an der Biennale teilzunehmen. Er sah sich mit einem Land inmitten einer Militärdiktatur konfrontiert, deren Strukturen hinter Rhythmen, Schönheit und einem tropischen Lebensgefühl nur schwer erkennbar waren. Die örtliche Kunstszene macht von allerlei Kunstgriffen Gebrauch, um ihre Freiheit des Ausdrucks zu verteidigen. Schon damals zeigten sich in Polke typische Merkmale seiner Persönlichkeit, und er wusste seine künstlerische Position wohl zu verteidigen. Neugierig, souverän und mit einer Portion Ironie trat er in São Paulo auf, und in seiner Wertschätzung der dortigen Gesellschaft verband sich die Lässigkeit eines Flaneurs mit Entdeckergeist und dem kritischen Auge eines Künstlers, bestrebt, seine Reiseerlebnisse genauestens festzuhalten, aufzuzeichnen und zu bewahren.
Ein Dokument dieser Eindrücke ist der von ihm produzierte 16-mm-Film Sigmar Polke. São Paulo, 1973–75 (28 Min.). Der Soundtrack, ein Auszug aus der 1972 erschienenen Publikation Brasilien – Rechtsdiktatur zwischen Armut und Revolution vonMárcio M. Alves, ist ein Beleg, dass Polke sich stets der Kontexte bewusst war, in die er sich begab. Nach dieser ersten Begegnung mit Südamerika kehrte Sigmar Polke nie wieder nach Brasilien zurück. Auf der anderen Seite war sein Engagement in der internationalen Kunstszene weitreichend, kultiviert und imstande, einen globalen Dialog zu etablieren. Mein Interesse an dieser Forschungsarbeit ist u.a. herauszufinden, wie bewusst sich Sigmar Polke der örtlichen Kunstszene und den dazugehörigen künstlerischen Bewegungen war, neben der Bedeutung, die einer Präsentation seines Werks in einem solchen Kontext zukäme. 45 Jahre nach dieser Begebenheit ist der Reiz groß, einen Dialog zwischen Sigmar Polke und den Protagonisten der örtlichen Kunstszene in einer direkten Gegenüberstellung zu eröffnen. Aus heutiger Sicht sollte eine solche Analyse sowohl unter dem Aspekt der Zeit als auch von einer kunsthistorischen Perspektive gesehen und in dem Wissen erfolgen, dass Sigmar Polke jederzeit eine starke Verbindung zu seinen Künstlerkollegen hatte, wie von Evelyn Weiss oben beschrieben.
Polke seinerseits war ein scharfsinniger und kritischer Beobachter der Wirtschaftswunderjahre, Fortschritte im Nachkriegsdeutschland, die er mit eigenen Augen oder durch das Kameraobjektiv sah und in persönlichen Eindrücken festhielt. Die resultierende bunte Sammlung bildete den Grundstock seines Archivs, dessen Bestandteile in seiner immensen kreativen Produktion kontinuierlich neu kombiniert und sowohl mit Freunden als auch im Kunstkontext geteilt wurden. „Die Fotokamera Polkes war bei allen Reisen, Ausstellungseröffnungen, freundschaftlichen Aktivitäten und gemeinsamen Spielen dabei. Das Leben war eine Performance. Und immer ging es ihm wie den anderen Künstlern darum, die künstlerische Produktion und den künstlerischen Habitus neu zu finden. Prägend war die Übertragung der Kritik an bürgerlichen Ordnungen auf die eigene Lebensführung, so dass Kunst, revolutionärer Zeitgeist und Alltag sich gegenseitig durchdrangen.“[3]
Dieses Stipendium wird mir die Gelegenheit bieten, meine Forschungsarbeit zur Rezeption von Sigmar Polkes Werk in Brasilien in zweierlei Hinsicht zu vertiefen, zum einen mit Blick auf die Ausstellungen, an denen er teilnahm, und zum anderen den intensiven Dialog seiner eigenen Produktion mit den Werken von Protagonisten der zeitgenössischen Kunst Brasiliens.
Außerdem werde ich für die Forschungen im Rahmen dieses Stipendiums Sigmar Polkes Teilnahme an der für 14. Havanna Biennale thematisieren. Insbesondere werde ich die Reaktionen und potenziell konstruktiven Dialoge analysieren, die sich aus der Konfrontation mit dem Werk Sigmar Polkes in einem der letzten kommunistischen Staaten auf der Welt entwickeln werden. Polke betonte oft den Konflikt des Menschen, der, metaphorisch gesehen, zwischen der Grundbedingung Staat und der eigenen Realität und Fantasie zerrieben zu werden droht. Bis zu einem gewissen Grad spielt diese Spannung in seinem Werk eine subtil ironische Rolle. Sigmar Polke verwendet magische Formeln und das Mittel der Metamorphose als Ausdrucksform, wobei das Spektrum von Trivialität bis Hochkultur reicht und er sich zwischen Politik, Ökonomie, den Wissenschaften, Glaubensfragen, gesellschaftlichen Verhaltensformen und anderen Bereichen hin und her bewegt. In ebendiesem Universum proklamierte er den ‚kapitalistischen Realismus‘, der im Gegensatz zum ‚offiziellen‘ sozialistischen Realismus, der Staatsform der DDR ab Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1989, stand. Kuba ist eines der letzten verbliebenen Reminiszenzen dieses politischen Vermächtnisses. Die Havanna Biennale wiederum ist eine der wenigen relevanten kulturellen Plattformen mit dem Potenzial, einen interkontinentalen Dialog zu inspirieren und ein Verständnis der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Perspektiven der kulturellen Beziehungen zu Kuba zu befördern.
[1] Evelyn Weiss, Alemanha, in: Ausst.-Kat. XII Bienal de São Paulo, São Paulo 1975, S. 26.
[2] Ebd.
[3] Aus dem Pressetext der Ausstellung Sigmar Polke und die 1970er Jahre, 4.11.2018–10.03.2019, Museum für Gegenwartskunst Siegen.